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Zum Internationalen Hurentag: Sexarbeiterin spricht über die Situation des Münchner Rotlichtmilieus

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Für die Rechte der Sexarbeitenden: Kundgebung vor dem Bundestag in Berlin im Herbst 2019.
Für die Rechte der Sexarbeitenden: Kundgebung vor dem Bundestag in Berlin im Herbst 2019. © Uwe Hauth

Der Internationale Hurentag steht vor der Tür und damit rücken auch die Sexarbeitenden in den Fokus. Im Interview berichtet die politische Sprecherin des Verbands erotischer Dienstleistungen über das Rotlichtmilieu:

München ‒ In der bayerischen Landeshauptstadt wird er nicht öffentlich zelebriert. Aber in Berlin gibt es am „Internationalen Hurentag“ regelmäßig Demonstrationen für mehr Rechte und weniger Einschränkungen der Sexarbeitenden. Beim Münchner Kreisverwaltungsreferat sind derzeit circa 1800 Personen nach dem Prostituiertenschutzgesetz registriert. In der Stadt tätig ist auch Johanna Weber. Im Interview mit Hallo berichtet die politische Sprecherin des „Berufsverbands erotische und sexuelle Dienstleistungen“ darüber, warum die Stadt bei Sexarbeitern gleichzeitig besonders begehrt, aber auch strikt ist.

Johanna Weber
Johanna Weber © privat

Frau Weber, wird Hure als Begriff überhaupt noch benutzt? 

Als ich vor 30 Jahren angefangen habe, nannten wir uns noch Prostituierte. Sexarbeit als Bezeichnung war nicht etabliert. Das Wort Hure wird als Selbstbezeichnung in der Branche akzeptiert und oft sogar mit Stolz getragen. Von daher ist der „Internationale Hurentag“ sehr passend.

Was ist Sexarbeit eigentlich?

Sie reduziert sich nicht auf Geschlechtsverkehr, sondern umfasst die Gesamtheit erotischer Dienstleistungen: von Massagen mit Happy End, Arbeit im Strip-Club über Dominas bis hin zur Sexualbegleitung, etwa von Menschen mit Behinderung. Letzteres ist auch in München ein großes Thema, denn die meisten Alten- und Pflegeheime liegen im Sperrbezirk und sind somit Tabu für Sexarbeit.

Die Sperrbezirksverordnung ist strikt...

Sie ist heilig. Kaum irgendwo werden Verstöße so streng geahndet wie in München. Nur auf circa fünf Prozent der städtischen Fläche ist Sexarbeit erlaubt. Daher sind die Preise exorbitant. Besonders schwierig ist es für Escort-Damen. Die namhaften Hotels liegen alle im Sperrbezirk. Aber genau dort logieren die Kunden in der Regel. Die Escorts stehen vor dem Dilemma, sich strafbar zu machen oder auf das Geld zu verzichten.

Warum arbeiten Sie dennoch in München?

Als Sexarbeiterin lässt sich in der Stadt gut verdienen. Das Angebot ist nicht so riesig, aber es gibt eine große Nachfrage. Ich sage immer: „Je katholischer, desto besser!“ Viele Kunden kommen aus dem Umland oder aus Österreich hierher, weil es dort kaum Sexarbeit gibt – und dort kennt jeder jeden. 

Was ist heute anders als zu Ihren Anfangsjahren?

Die Beliebigkeit ist heute größer. Viele Männer machen einen Termin aus und erscheinen dann nicht. Daher verlangen zahlreiche Kolleginnen mittlerweile Anzahlungen. Die Frage ist: Wie zahlt Mann an? Vom gemeinsamen Konto mit der Ehefrau wohl nicht. Paypal wiederum verbietet Sexarbeit. Amazon-Gutscheine sind sehr beliebt, aber davon kann ich ja meine Miete nicht zahlen. Ganz Schlaue haben ein separates Konto und ein speziell dafür genutztes Handy.

Wie kommen die meisten Frauen überhaupt zur Sexarbeit?

Hauptgrund ist das Geld. Viele fangen damit an, weil sie Schulden haben oder frisch getrennt sind und aus der Abhängigkeit vom Mann rauswollen. Einige empfinden Sexarbeit nach einer Trennung auch als finanziellen Befreiungsschlag. Es lässt sich mehr verdienen als anderswo. 

Was ist aber mit all jenen, die nicht mehr können oder wollen – oder jenen, die den Job nur aus höchster Not machen?

Um diese Menschen zu erreichen, müsste viel mehr Geld in die aufsuchende Sozialarbeit gesteckt werden. Damit die Betroffenen jemanden haben, den sie in der Krise ansprechen können. Auch müsste es Aus- und Fortbildungsangebote für Sexarbeitende geben. Besonders betroffen von diesen prekären Verhältnissen waren und sind bei uns Migrantinnen. Für diese Menschen braucht es mehr alternative Beschäftigungsmöglichkeiten.

„Hurentag“

Seinen Ursprung hat der Gedenktag in Frankreich. Am 2. Juni 1975 besetzten über 100 Sexarbeiterinnen in Lyon die Kirche Saint-Nizier, um gegen die Repressalien durch die Polizei zu demonstrieren. Durch die Kontrollen waren die Frauen dazu gezwungen, im Verborgenen zu arbeiten – was zu mehr Gewalttaten gegen sie führte. Die Streikenden forderten ein Ende der Stigmatisierung. Nach acht Tagen stürmte die Polizei das Gebäude. Seit 1976 wird der Hurentag inoffiziell gefeiert – auch als International Sex Workers’ Day.

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