1. hallo-muenchen-de
  2. Hallo-Interviews

Über die finanzielle Abhängigkeit von Frauen und das Bundesverdienstkreuz: Helma Sick im Interview

Erstellt:

Von: Andreas Schwarzbauer

Kommentare

Helma Sick im Interview über das Bundesverdienstkreuz und Finanzhilfe für Frauen.
Helma Sick im Interview über das Bundesverdienstkreuz und Finanzhilfe für Frauen. © Quirin Leppert

Helma Sick kämpft seit Jahrzehnten für die finanzielle Gleichberechtigung der Frauen und leistet dabei immer wieder Abhilfe. Im Hallo-Interview redet sie über ihr Engagement und ihren Antrieb:

Seit mehr als 35 Jahren berät die Münchnerin Helma Sick mit ihrer Firma „frau&geld“ Frauen in Finanzangelegenheiten. Es sei wichtig, dass diese über eigene Mittel verfügen. „Nur dann haben sie die Unabhängigkeit, eine unglückliche Ehe oder Lebenspartnerschaft zu beenden“, sagt Sick. Für ihr Engagement für finanzielle Gleichberechtigung ist sie jetzt mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt worden. Was sie motiviert, welche Tipps sie hat und warum ihr Kampf weitergeht.

Helma Sick (81), Finanzberaterin für Frauen, Autorin und Rednerin, von A bis Z

Antrieb: Ich habe schon in meiner Jugend gesehen, dass viele Frauen in ihrer Ehe sehr unglücklich waren, aber nicht weggehen konnten, weil sie kein Geld und keinen Beruf hatten. Das hat mich nicht mehr losgelassen. Im Laufe der Jahre ist es mein Lebensthema geworden.

Belächelt wurde ich anfangs von Männern aus der Branche. Sie meinten, ich sei in einem Jahr pleite. Aber uns gibt es auch nach 35 Jahren noch. 

Chefin unserer zwölf Mitarbeiterinnen ist inzwischen meine Nichte, Renate Fritz. Sie führt jetzt die Firma. Ich arbeite noch drei Tage die Woche. 

Dass Frauen das bekommen, was sie wirklich brauchen, ist uns bei unseren Beratungen sehr wichtig. Wir schauen uns genau an, in welcher Lebenssituation jemand ist.

Exotin: 1987 war ich eine Exotin, aber inzwischen gibt es viele, die sich mit dem Thema beschäftigen. Aber Vorsicht: Bei Internetangeboten weiß man oft nicht, wer dahinter steckt.

Finanzberatung: Der Auslöser, meine Firma zu gründen, war ein Artikel über zwei Frauen, die sich in Bremen mit dem Thema selbstständig gemacht haben. Da hat es bei mir klick gemacht.

Gleichberechtigung: Ich plädiere dafür, dass sich Männer und Frauen die Elternschaft teilen und beide erst einmal in Teilzeit arbeiten. Die Gesellschaft braucht Kinder, aber dann müssen beide für sie da sein. Mein Sohn hat das so gemacht und ist als Vater aufgeblüht. 

Haus für Frauen: Ich war kaufmännische Geschäftsführerin in Münchens erstem Frauenhaus. Es war für mich mit meinen eigenen Gewalterfahrungen ganz einschneidend, zu sehen, in wie vielen Familien es Gewalt gibt. Es kann in allen Schichten vorkommen.

Irrweg: Es gibt die Entwicklung, dass gut ausgebildete Frauen wieder zu Hause bei der Familie bleiben wollen. Das frustriert mich, denn sie wissen nicht, was auf sie zukommt, wenn ihre Ehe scheitert.

Job als Kolumnistin: Ich schreibe seit 1996 für die „Brigitte“ und „Brigitte Woman“ über Geldthemen, denn Frauen sollten nicht nur über Mode und Kosmetik informiert werden. Die Kolumne kommt sehr gut an.  

Kundinnen: Zu uns kommen alle: von Jung bis Alt, gut ausgebildete Frauen, die ihr Geld anlegen oder ein bestimmtes Sparziel erreichen wollen, Erbinnen oder Frauen, die sich scheiden lassen wollen. 

Liebe auf den zweiten Blick: Als ich mit 17 Jahren aus meinem kleinen Heimatort im Bayerischen Wald nach München kam, war ich völlig überfordert und bin deshalb wieder nach Hause zurück. Ich habe es mit Ende 20 nochmal probiert, mit Erfolg. Inzwischen fühle ich mich als Münchnerin und liebe diese Stadt. Es ist eine Großstadt, die aber nicht so riesig ist, dass man sich darin verliert. 

Mein Mann war Diplom-Chemiker und hat mich anfangs in meiner beruflichen Arbeit sehr unterstützt. Aber als mein Erfolg immer größer wurde, hat ihm das nicht mehr so gut gefallen. Wir haben uns auseinandergelebt und ich habe mich dann scheiden lassen.

Natürlich brauchen kleine Kinder ihre Eltern, aber es gibt keinen Grund, zehn bis 15 Jahre in Teilzeit zu arbeiten mit der Folge, dann weniger Rente zu haben. 

Orden: Ich war sehr gerührt, als ich das Bundesverdienstkreuz bekommen habe. Ich habe mich daran erinnert, dass mir als Kind immer gesagt wurde: „Du bist nichts und du wirst nichts.“ Jetzt habe ich diese hohe Auszeichnung erhalten. 

Politik: Mit 18 Jahren bin ich in die SPD ein- und gleichzeitig aus der Kirche ausgetreten. Für meine Mutter war das der direkte Weg in die Hölle. 

Qual: Meine Mutter wollte mich von Geburt an nicht und hat mich misshandelt. Mein Vater liebte mich über alle Maßen, aber diese Liebe war etwas mehr als Vaterliebe.

Rente aufstocken: Wenn ein Mann gut verdient, hat er durch das Ehegatten-Splitting große Steuer­vorteile. Bleibt seine Frau zu Hause, muss er mit dieser Steuerersparnis ihre Rentenlücke auffüllen. 

Seniorenresidenz: Ich wohne im Augustinum in Hadern. Ich lebe dort in meiner eigenen Wohnung und kann tun und lassen was ich will. Aber sollte ich irgendwann pflegebedürftig werden, weiß ich, dass meine Familie damit nicht belastet wird.

Therapie: Ich hatte durch meine schwierige Kindheit viele Komplexe und Ängste. Von all dem konnte ich mich durch eine Therapie befreien.

Unabhängigkeit: Ich sehe nicht ein, warum die eine Hälfte der Bevölkerung von der anderen abhängig sein soll. Unabhängigkeit heißt für mich, bei einem Partner bleiben zu können, aber nicht zu müssen.

Vorbilder hatte ich keine. Aber in der Literatur bin ich immer wieder auf großartige Frauen wie die Feministin Simone de Beauvoir gestoßen.

Wut: Ich hatte eine ziemliche Wut, dass ich als Mädchen so benachteiligt war. Die Wut war aber konstruktiv. Ich wollte allen beweisen, dass aus mir etwas wird.

X-fach habe ich schon Vorträge gehalten. Besonders viele Einladungen habe ich 2015 nach der Veröffentlichung des Buchs „Ein Mann ist keine Altersvorsorge“ bekommen, das ich gemeinsam mit der ehemaligen Bundes-Familienministerin Renate Schmidt geschrieben habe.

Yoga mache ich seit Kurzem. Ich bin beruflich sehr eingespannt. Da tut mir die Entspannung gut.

Ziel: Mein Wunsch ist, dass die Politik das Ehegatten-Splitting abschafft, mit dem Gutverdiener besonders belohnt werden, wenn die Frau nicht arbeitet.

Mit dem Hallo München-Newsletter täglich zum Feierabend über die wichtigsten Geschichten aus der Isar-Metropole informiert.

Auch interessant

Kommentare