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Zwischen Tracht & Trauma: Fadumo Korn, Trägerin des Bayerischen Verdienstordens, im Interview

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Von: Romy Ebert-Adeikis

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Fadumo Korn trägt den Bayerischen Verdienstorden. Mit Hallo hat sie über Alt-OB Ude geredet und erklärt, wofür sie einsteht.
Fadumo Korn trägt den bayerischen Verdienstorden. Mit Hallo hat sie über Alt-OB Ude geredet und erklärt, wofür sie einsteht. © privat

Fadumo Kern ist Aktivistin und Kulturmittlerin. Sie trägt den Bayerischen Verdienstorden für ihr soziales Engagement. Mit Hallo hat sie über Trauma, Kindheit und Alt-OB Ude geredet.

Jedes Jahr am 25. November macht ein internationaler Aktionstag aufmerksam auf Gewalt an Frauen. Fadumo Korn hat diese bereits mit sieben Jahren erfahren. Als Nomadenmädchen wurde sie beschnitten. Mit Folgen bis heute – nicht nur gesundheitlich. Die Haidhauserin, die 1979 nach München kam, setzt sich mit ihrem Verein „Nala“ gegen weibliche Genitalverstümmelung ein. Die Liste ihrer Unterstützer ist lang: von Musikerin Nina Hagen bis Münchens Ex-OB Christian Ude, dessen „Schutztochter“ sie ist. Für ihr Engagement hat sie heuer den Bayerischen Verfassungsorden erhalten. Als erste schwarze Frau. Was das für die bedeutet, warum sie ihr Leid heute als Stärke sieht und wo ihr trotz Liebe zum Bairischen und zur Tracht viel Alltagsrassismus begegnet.

Fadumo Korn (58), Aktivistin, Autorin und Kulturmittlerin, von A bis Z

Aerzte sind mit genital-verstümmelten Frauen oft überfordert, weil sie dann auch Psychologe sein müssen. Die Zeit dafür wird ihnen nicht extra vergütet, darum ist es schwer, für die Frauen einen Arzt zu finden. Deswegen habe ich 2020 eine Petition für mehr Aufklärung gestartet.

Bildung: Nur wer gebildet ist, ist unabhängig davon, was andere sagen. Das ist besonders für Frauen wichtig. In meiner Kindheit kamen zu uns Nomaden sogenannte Aufklärer, die alles mögliche über den Koran erzählt haben.

Christian Ude und seine Frau sind meine Schutzeltern – also Ratgeber, die mir ab und zu den Kopf waschen. Wir kennen uns über 20 Jahre, er ist auch Schirmherr von Nala. Ich bin dafür sehr dankbar.

Dolmetschen ist eine Kunst. Gerade bei Somalisch. Es ist sehr blumig, man kann es kaum auf den Punkt bringen. 

Einkaufen ist für mich der Horror. Ich bin überfordert von der Auswahl. Darum schicke ich nur meinen Mann.

FGM steht für „female genital mutilation“ – also, weibliche Geschlechtsverstümmelung. Viele Betroffene nutzen nur die Abkürzung, um die ganze Grausamkeit nicht aussprechen zu müssen.

Gesundheitliche Folgen der Verstümmelung: Wenn man überlebt, spürt man sie bei jedem Pipimachen, Duschen, Arztbesuch. Bei mir hatte sich die Wunde entzündet. Ich lag eine Woche im Koma, bin erst bei der Planung meiner Beerdigung aufgewacht. Heute gelte ich zu 60 Prozent als behindert. Aber ich habe gelernt, meine Schwäche als meine Stärke zu nutzen.

Heimat: Generell dort, wo man sich wohl- und sicher fühlt.

Integrieren bedeutet, Menschen einen Platz zu geben. Das lernen die Bayern langsam, aber sie sind behäbig. Ganz schlimm sind die Ämter – dort herrscht Rassismus. Wenn ich dort anrufe und die Mitarbeiter wissen nicht sofort, dass ich keine Deutsche bin, schimpfen viele über Ausländer. Was Integration auch behindert, ist, dass nicht das Können der Migranten geprüft wird, sondern nur zählt, was sie irgendwann mal gelernt haben.

Jungen-Beschneidung: Ich bin gegen jeden Eingriff, der medizinisch nicht notwendig ist. Aber es ist natürlich ein Unterschied, ob ich jemandem die Fingerkuppe oder die ganze Hand abschneide.

Kaum zu glauben: In München gibt es etwa 9000 beschnittene Frauen, eher deutlich mehr. In Deutschland werden auch Beschneidungen praktiziert, obwohl es illegal ist. Darum ist es wichtig, schon in Schulen und Kindergärten für das Thema zu sensibilisieren.

Lust zu empfinden, musste ich lernen. Zum Glück findet Sexualität nicht nur zwischen den Beinen statt.

Mogadishu: Mit acht Jahren kam ich in diese wunderschöne Stadt. Ich verbinde mit ihr Freiheit, Bildung, Entfaltung. Heute ist sie ein Gefängnis für Frauen, die alle Rechte verloren haben, sich verhüllen müssen.

Nala bedeutet auf Suaheli „Löwin“. Ich sehe mich eher als jemand, der Menschen zusammenbringt.

Onkel: Er war 25 Jahre lang Präsident von Somalia und hat erlaubt, dass die „Landshut“ dort landen durfte.

Projekt: Wir haben ein neues Projekt in einem Slum von Nairobi, bei dem Frauen Infos zu Hygiene oder FGM bekommen. Außerdem klären wir in einer Schule in Burkina Faso darüber auf.

Qual: Ich war sieben als ich beschnitten wurde. Dieser Tag hat sich in mein Gehirn gebrannt. Keiner hat mir geholfen, ich wurde runtergedrückt. An dem Tag habe ich eine riesige Distanz zu meiner Mutter aufgebaut.

Rassismus: Leute sehen mich und reden darüber, dass ich nur von Sozialhilfe lebe oder einen alten Mann abgekriegt habe. Dann frage ich, ob sie sich eigentlich vorstellen können, dass ich sie verstehe. Die Reaktionen – geil!

Schreiben entlastet. Ich habe zwei Bücher verfasst. Ein drittes über Flüchtlingsarbeit ist fertig, aber ich habe noch keinen Verlag.

Tracht: Eigentlich bin ich glückliche Hosenträgerin. Aber ein Dirndl macht jede noch so widerspenstige Frau weiblich. Natürlich möchte ich auffallen, aber es ist ebenso eine Huldigung an Bayern. Ich habe auch ein Dirndl in schwarz-gelb, den Farben Münchens.

Unrein: In Somalia glaubt man, dass die Klitoris weg muss, weil sie schmutzig ist. Tatsächlich geht es darum, die Lust zu eliminieren, Frauen gefügig zu machen.

Verfassungsorden: Ich kann nicht in Worte fassen, was es bedeutet, ihn als erste Schwarze erhalten zu haben. Der Orden ist für die Sache – den Kampf gegen FGM.

Wiederherstellung der Vulva: 99 Prozent der somalischen Frauen sind zugenäht. Bei der Wiederherstellung wird die Vulva geöffnet, sodass Urin und Menstruationsblut wieder abfließen. Oft bin ich bei solchen OPs als Vertrauensperson dabei.

X-Chromosom: Frau bin ich wahnsinnig gern! Ich sehe mich als afrikanische Feministin. Nackt herumzulaufen ist für mich keine Errungenschaft, ich bin ja so geboren. Für mich bedeutet Feminismus geistige Freiheit. Frauen werden ohnehin ständig aufs Äußere reduziert.

Y ist mein Lieblingsbuchstabe, weil er geerdet ist und sich zum Himmel öffnet.

Zungenschlag: Ich spreche Bairisch. Hochdeutsch kann ich gar nicht.

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