Er sieht Altes mit neuen Augen 

Dr. Arnulf Schlüter ist seit gut 100 Tagen Leiter des Staatlichen Museums Ägyptischer Kunst in München

Dr. Arnulf Schlüter ist der Direktor des Ägyptischen Museums.
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Dr. Arnulf Schlüter ist der Direktor des Ägyptischen Museums.
  • Romy Ebert-Adeikis
    VonRomy Ebert-Adeikis
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Seit mehreren Jahrzehnten arbeitet Dr. Arnulf Schlüter schon im Ägyptischen Museum und nun ist er seit Kurzem Direktor. Mit Hallo hat er über seine Faszination für das alte Ägypten gesprochen.

München Er kennt das Staatliche Museum Ägyptischer Kunst wie kein anderer, arbeitete dort schon als Student: Seit 1. März ist Dr. Arnulf Schlüter nun sein Direktor. Mehr als ein Jahr hat der Auswahlprozess gedauert, in dem sich der 44-Jährige gegen internationale Konkurrenz durchgesetzt hat. „Hausberufungen werden immer viel diskutiert“, ist sich der Bogenhauser möglicher Skepsis gegenüber seiner Ernennung bewusst.

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Dabei hat er Großes im Blick: Mit digitalen Angeboten will er das Haus auf den modernsten Stand bringen. Was seine Ideen sind, warum für Ägyptologen heuer ein besonderes Jahr ist und warum der Sudan für München ganz wichtig ist...

Ägyptologe Dr. Arnulf Schlüter (54) von A bis Z

Anfänge: Mein Interesse für das Altertum geprägt hat meine Schulzeit am humanistischen Gymnasium und ein Schüleraustausch, wo ich auf Rhodos erstmals intensiv mit Archäologie in Kontakt kam.

Brotlose Kunst: Beim ersten Gespräch an der Uni wurde ich gefragt, ob ich wüsste, worauf ich mich bei der Ägyptologie einlasse. Die festen Stellen für Ägyptologen in München kann man an einer Hand abzählen.

Corona: Man merkt, dass die Leute nach der Pandemie dringend wieder Kultur erleben wollen. Wir freuen uns darüber und werden der Nachfrage gerecht, auch wenn sich einige unserer Museumsführer während Corona umorientiert haben.

Digital sind wir in Sachen Ausstellung sicher ein Vorreiter. Wir haben auch einen Podcast und einen Youtube-Kanal. Gerade sind wir dabei, eine digitale Datenbank der Bestände zu schaffen.

Erbe: Es ist faszinierend, was zu dieser frühen Zeit technisch wie künstlerisch schon möglich war. Und das uns vieles davon heute noch ästhetisch anspricht.

Freundeskreis ist der Förderverein des Museums. Er hat etwa 850 Mitglieder und fördert maßgeblich vieler unserer Projekte ideell, finanziell und mit Helfern bei Veranstaltungen.

Grabungen sind etwas Tolles – nicht wegen irgendwelcher Schätze, sondern weil man die Forschung voranbringen kann. Im Studium war ich an einem Projekt bei Luxor beteiligt, später bei Ausgrabungen eines Tierfriedhofs in Mittelägypten. Natürlich bin ich auch immer mal wieder bei den Grabungen unseres Museums im Sudan.

Hieroglyphen zu lesen lernt man im Studium wie Latein oder Altgriechisch. Wichtig: Sie sind keine reine Bilderschrift, sondern die Zeichen stehen für Laute.

Indiana Jones bedient natürlich Stereotype: Es gibt in Pyramiden keine Fallgruben oder aus dem Boden schießende Speere. Aber es gibt im Museum durchaus einige Fans der Filme.

Jubiläen: Vor 100 Jahren wurde das Grab Tutanchamuns entdeckt, vor 200 gelang die Entzifferung der Hieroglyphen. Für beide Jubiläen haben wir Beiträge und Veranstaltungen geplant – am Samstag, 16. Juli, ist zunächst der Hieroglyphen-Tag angedacht.

Karriereleiter: Als Hilfskraft habe ich im Museum meine Laufbahn begonnen, war dann wissenschaftlicher Mitarbeiter, Konservator und jetzt Leiter. Das Münchner Museum war immer der Ort, an dem ich arbeiten wollte.

Ludwig I. von Bayern hat einen wesentlichen Grundstock für unsere Sammlung gelegt. Bedeutende Objekte wurden in seiner Regierungszeit für den „Ägyptischen Saal“ der Münchner Glyptothek gekauft – circa 40 davon sogar aus seinem Privatvermögen bezahlt. Diese Bestände befinden sich heute im Ägyptischen Museum.

Mumien haben wir etwa 15. Ausgestellt ist aber nur eine einzige, die eines Kindes. Diese ist komplett geschlossen, man sieht also keinen Leichnam. Das ist uns wichtig. Außerdem gibt es Tiermumien.

Neubau des Museums habe ich 2013 mitkonzipiert. Das Besondere: Die Architektur wurde gezielt auf unsere Sammlungsbestände abgestimmt und weckt ägyptische Assoziationen.

Oberkonservator war ich seit 2020. Dabei geht es nicht darum, wie die Museumsobjekte konserviert oder restauriert werden. Man ist zuständig für das Gesamterscheinungsbild der Sammlung.

Persönlicher Liebling ist das erste Objekt, das das Museum nach meiner Begutachtung gekauft hat: die Kopfstatue eines namenlosen Würdenträgers des Neuen Reiches.

Quantität: Aktuell hat das Museum etwa 8500 Objekte im Inventar.

Repliken haben wir nur in einem Raum. Dort kann man Statuen und Gesteine aber auch mal anfassen. Sonst gibt es bei uns nur Originale.

Sudan: Seit 2013 haben wir die exklusiven Grabungsrechte in Naga, einer antiken Stadt des merotitischen Königreiches im heutigen Sudan, die vor etwa 2000 Jahren verlassen wurde. Sie wurde nie überbaut und hilft, mehr über das Nachbarvolk der Ägypter zu erfahren, das bisher nur wenig erforscht ist. Die Arbeiten finanzieren wir mit Fördermitteln. Nächstes Jahr ist dazu eine Sonderausstellung geplant: Mit begehbaren Panoramabildern und Originalklängen wollen wir die Grabungen erlebbar machen.

Teilhabe: Wir wollen jedem etwas bieten, haben Gehörlosen- oder Sehbehindertenführungen. In Zukunft möchten wir mit Texten in leichter Sprache ein weiteres Angebot in diesem Bereich schaffen.

Universität: An der LMU lehre ich alle zwei Semester „Museumspraxis“. Diese Zusammenarbeit soll in Zukunft ausgebaut werden.

Virtual-Reality-Brillen haben wir noch nicht. Sie bieten aber tolle Chancen bei der Wissensvermittlung. Man könnte mit diesen Museumsobjekte in ihrem ursprünglichen Umfeld oder mit der früheren Bemalung zeigen.

Weltall: Bis heute gibt es zwar in der Wissenschaft diverse Debatten zur Entstehung der Pyramiden. Wir können aber mit absoluter Sicherheit sagen, dass sie nicht von Außerirdischen geschaffen wurden, weil wir einige Siedlungen und Gräber der Arbeiter und Verwaltungspapyri kennen.

X-mal muss man als Ägyptologe die Frage beantworten, ob es einen Fluch des Pharaos gibt. Allerdings gibt es nur Schutzsprüche auf Gräbern, die aber wie ein Fluch klingen können.

Yoga gab es im Museum schon genauso wie Poetry Slams oder Performances. Wir sind ein offenes Haus, nicht jede Veranstaltung muss mit dem Alten Ägypten zu tun haben.

Zauber: Die Ägypter haben vieles mit Zaubern auf Papyri abgesichert. Wir haben etwa einen Liebeszauber, der mit der Wachsfigur eines umschlungenen Pärchens und einem Trank in einem Tongefäß gefunden wurde. Den Trank riecht man noch heute, etwa 1700 Jahre später.

Quelle: www.hallo-muenchen.de

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