Valeria Torchiaro-Steinmeier und Stefan Bryxi im Gespräch mit HALLO München

„Wir haben Fuchur extra noch zum Friseur geschickt“

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Filmstadt-Leiter Stefan Bryxi und Valeria Torchiaro-Steinmeier im Wagon der „Filmmusikreise“: Während man durch Film-Kulissen fährt, sind dabei die berühmtesten Soundtracks zu hören.

München feiert 100 Jahre Filmgeschichte – Zum Jubiläum startet in der Filmstadt jetzt eine neue Ausstellung – Hallo hat diese vorab besucht und dabei mit den beiden Filmstadt-Leitern gesprochen

100 Jahre Münchner Filmgeschichte: 1919 wurde in Geiselgasteig die Bavaria Film gegründet. Das Jubiläum feiert das Unternehmen mit einer neuen Ausstellung im Filmstadt Atelier. 200 Exponate und Bilder auf 1500 Quadratmeter sind dort zu sehen – mit jeder Menge Einblick hinter die Kulissen. 

Hallo hat die Jubiläums-Ausstellung vorab besucht und mit den Filmstadt-Leitern Valeria Torchiaro-Steinmeier und Stefan Bryxi über Filmgeschichte, glückliche Zufälle und die Schönheitsbehandlung des bekanntesten Glücksdrachens der Stadt gesprochen. von Sebastian Obermeir

Der Baseball, den Steve Mc Queen in „Gesprengte Ketten“ warf, ist ein Erinnerungsstück des Atelierleiters Dieter Minx.

Frau Torchiaro-Steinmeier, Herr Bryxi, Sie haben sich für die Ausstellung intensiv mit der Geschichte der Bavaria Film auseinandergesetzt. Was hat Sie dabei am meisten erstaunt?
Torchiaro-Steinmeier: Die Vielzahl an berühmten Regisseuren und Schauspielern, die hier auf dem Gelände schon gearbeitet haben. Ich dachte oft: „Wow, die waren hier!“
Bryxi: Es ist unfassbar, welche Regisseure hier gedreht haben. Gerade die 50er-, 60er, 70er waren sensationell. John Huston, Richard Attenborough, Billy Wilder. Alfred Hitchcock hat hier seine Karriere begonnen. Und was kaum einer weiß: Stanley Kubrick hat auf dem Gelände seine Frau kennengelernt!

Beim Dreh?
Brxyi: Da drüben ist ein Brief von seiner Frau. Kubrick hat eine Münchner Schauspielerin beim Dreh getroffen. Sie erzählt, wie sie sich anlächelten und dann lud er sie zu einem Essen ein. „The rest is history“, wie Christiane Kubrick schreibt.

Das ist ja ein Stück Münchner Stadtgeschichte.
Brxyi: Es ist auch eine Hoffnung für uns, die Münchner mit der Ausstellung zu erreichen. Viele sagen, „Da war ich schon mal!“ Vielleicht schaffen wir es, dass die Münchner stolz darauf sind, was in ihrer Stadt filmtechnisch passiert ist und passiert. Welche Stadt kann das schon behaupten?

Eine ganz bedeutende Produktion war „Das Boot“.
Bryxi: Sie ist auch der Grund, warum die Filmstadt 1981 gegründet wurde. Damals kam man auf die Idee, das U-Boot den Leuten zu zeigen. Es war quasi das erste Exponat.

In der Ausstellung sind ganz seltene und noch nie gezeigte Stücke zu sehen. Wie kommt man an die?
Bryxi: Es ist tatsächlich so, dass wir schon viel hier hatten. Der Rolls-Royce aus der Krimiserie „Graf Yoster gibt sich die Ehre“ stand seit 50 Jahren in einer Garage auf dem Gelände. Zum Glück wurde er nie verkauft. Er ist vor zwei Jahren noch gefahren. Jetzt haben wir es nicht probiert, sondern gleich Benzin und Öl rausgenommen, damit er hier stehen darf.
Torchiaro-Steinmeier: Glück hatten wir aber auch!

Das Motorrad aus „Gesprengte Ketten“ stellte ein schottischer Sammler zur Verfügung.

Hallo hat vorab einen Blick hinter die Kulissen geworfen.

Inwiefern?
Torchiaro-Steinmeier: Ein Kostüm aus „Die Wikinger“ haben wir aus dem Kostümfundus ausgegraben. Da wusste kein Mensch, dass es es überhaupt noch gibt. Und am verrücktesten ist: Ein paar Wochen vorher hatte es jemand beim Starkbier-Anstich am Nockherberg an. Der Fundus hatte es ganz normal im Verleih.
Bryxi: Oder der Baseball aus „Gesprengte Ketten“. Dass es den noch gibt, hat keiner gewusst. Wir waren in Füssen in der Pension, wo sie damals während des Drehs wohnten. Da kam raus, dass der Besitzer den Ball seit 1961 in einem Einmachglas aufbewahrt hatte.
Torchiaro-Steinmeier: Ein anderes Highlight ist das Motorrad aus dem Film. Das hat uns ein Sammler aus Schottland zur Verfügung gestellt. Gerade bei alten Exponaten wusste man ja nicht, welche Bedeutung ein Film dann irgendwann haben wird.

Es gibt also auch Dinge, die man gerne gehabt hätte, aber nicht finden konnte?
Bryxi: Leider haben wir zum Beispiel keine Orginal-Requisite aus „Cabaret“. Bis in die 80er-Jahre wurde mit den Kulissen nicht so umgegangen wie jetzt. Man stelle sich vor: Der Film hat acht Oscars gewonnen. So viele wie kein anderer in Deutschland. Heute gehen wir schon vorher auf die Leute zu und sagen, dass wir interessiert daran wären. Damals war das nicht so.

Und Action! Die original Filmklappe aus „Das Boot“.

Wie lange wurde an der Ausstellung gearbeitet?
Torchiaro-Steinmeier: Eine Ausstellung dieser Größe braucht normalerweise eine Vorbereitungszeit von zwei bis drei Jahren. Wir haben es in knapp einem Jahr gemacht.

Klingt stressig!
Bryxi: Wir wollten das Bullyversum so lange wie möglich für das Publikum offen halten. Es war schon ein Ritt auf der Rasierklinge. Der Elektriker wurde zum Beispiel erst ganz zum Schluss beauftragt. Jetzt sind wir aber zu 99 Prozent fertig. Damit hätte ich vor vier Tagen nicht gerechnet.
Torchiaro-Steinmeier: Vor einem Greenscreen wird der Glücksdrache Fuchur aus der „Unendlichen Geschichte“ sitzen. Dem haben wir eine Schönheitsbehandlung gegönnt. Momentan ist er noch beim Friseur!

100 Jahre Bavaria Film: Welche Entwicklungen der Filmbranche zeichnet die Ausstellung nach?
Torchiaro-Steinmeier: Zunächst zeigt sich die Entwicklung vom Schwarz-Weiß- zum Farbfilm. Zudem der Übergang vom Stumm- zum Tonfilm, der vor allem in der Filmmusikreise erfahrbar wird. Und natürlich zeigt die Ausstellung, wie sich die Arbeit der Filmemacher verändert hat. Heute würde man das Brandenburger Tor nicht mehr nachbauen wie damals für Billy Wilders „Eins, Zwei, Drei“. Heute wird da viel mit dem Computer gemacht.

Berufen widmet sich die Ausstellung auch ausgiebig.
Torchiaro-Steinmeier: Wir haben in einem Bereich verschiedene Berufsbilder dargestellt – vor und hinter der Kamera. Damit man weiß, wie ein Film entsteht. Auf den Bildern sind unsere echten Mitarbeiter zu sehen. Kostümbildner, Studiobauer, Kameramänner und -frauen.

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