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Kocherlball 2022 in München: Alle am Chinesischen Turm tanzen nach ihrer Pfeife

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Von: Marie-Julie Hlawica

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Katharina Mayer ist die Tanzmeisterin beim Kocherlball.
Katharina Mayer ist die Tanzmeisterin beim Kocherlball. © privat

Beim Kocherlball gibt sie den Ton an - zumindest was das Tanzen angeht. Katharina Mayer ist Tanzmeisterin und hat mit Hallo über die Traditionsveranstaltung gesprochen.

MÜNCHEN Seit 1989 findet der traditionelle Kocherlball jedes Jahr am dritten Sonntag im Juli am Chinesischen Turm im Englischen Garten statt. Vom Podium aus dirigiert die gebürtige Münchnerin Katharina Mayer schon zum 13. Mal als erste Tanzmeisterin mit ihrem Tanzpartner die rund 17000 Besucher, die bei der weltbekannten Tanzveranstaltung ab sechs Uhr morgens bis mittags zu bayerischer Volksmusik tanzen. Ob Zwiefacher oder Münchner Francaise, schon jetzt ist sie gespannt, wie sich diesmal die Menge für die Tänze begeistern lässt.

*HalloMuenchen.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.
*HalloMuenchen.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA. © Hallo München

Im Gespräch mit Hallo München erklärt die ausgebildete Tänzerin, ehemalige Leistungssportlerin im Gesellschaftstanz und Ex- Realschul-Sportlehrerin, warum Tanzen für alle Menschen wichtig ist, was sie beim Kocherlball gar nicht mag und wieso Hingabe wichtiger ist als die richtige Schrittfolge.

Katharina Mayer (45), Tanzmeisterin am Kocherlball, von A bis Z

Anfang Juni steht die erste Absprache mit den beiden Kapellen an, welches Repertoire die Musikanten drauf haben, um Extra-Proben zu vermeiden. Außerdem wird gerade die Gastro am Chinaturm umgebaut: ich muss schauen, wo das Podium Platz hat.

Barfuß tanze ich total gern, bloß nicht auf Teer. Auch auf dem Kocherlball habe ich schon barfuß getanzt: 2019 hat es so geregnet, dass ich mit den Schuhen auf dem Podium gerutscht bin und sie ausgezogen habe.

Cool ist auch für junge Leute, eine Tanzschule zu besuchen. Tanzen ist einfach zeitlos modern – jeder sollte einen Tanzkurs machen. 

Dirndl trage ich sehr gern, habe ungefähr 30 Kombinationen auch Röcke und Mieder. Ich mag Farben und Material, das den Bewegungen des Körpers folgt. Ich entscheide erst einen Tag vor dem Kocherlball, welches ich da ausführe.

Erstmals war ich 2005 am Kocherlball, mit meinem Vater. Im Jahr drauf war ich schon Assistenz des Tanzmeisters. Heuer ist es das 13. Mal als Tanzmeisterin dort.

Fehler beim Tanzen sind unbedingt erlaubt. Diese unsägliche Fehlerkultur! Nur durch Fehler kann man verändern, verbessern.

Gschmeidig sollte beim Tanz alles an mir sein, damit ich mich an den Tanzpartner anpassen und auf die Musik einlassen kann.

Hudeln darf man beim Tanzen nicht. Selbst da gilt: In der Ruhe liegt die Kraft. Fünfmal durchatmen, alle Sinne öffnen, aufs Herz hören, Erde spüren, Musik startet: los geht’s.

Intuition brauche ich als Tanzmeisterin. Die erste Eröffnungsrunde der Musik legen wir noch fest: Dann schaut man, was die Tänzer brauchen: was Ruhiges oder was Schnelleres.  

Jeder kann tanzen! Ob im Rollstuhl, auf Krücken, egal wie alt. Beim Kocherlball gibt es nur zwei Tanzschritte, den Wiege- und den Wechselschritt. Jeder, der auf einer Bierbank schunkeln kann, schafft das.

Kapelle, die Livemusik spielt, ist mit das Wichtigste wichtig beim Volkstanz. Ob nur ein Musikant mit Zieharmonika oder drei Leute oder acht. Anders als beim Tango oder Salsa, wo die Musik vom Band laufen kann.

Loslassen kann ich gut im Wald, in den Bergen und in meinem Garten. Da genieße ich die Stille.

Münchner Francaise ist ein Figurentanz und entstand Anfang des 19. Jahrhunderts. Sie wird bei großen Veranstaltungen getanzt und besteht aus fünf Durchgängen. Sie wird von mir als Tanzmeisterin dirigiert, ich sage an, welche Figuren drankommen.

Nacht vor dem Kocherlball nehme ich mir immer vor, gut zu schlafen – und tue es nicht. Ich bin unruhig, und schon um halb 5 in der Früh bin ich dann vor Ort.

Obacht heißt es, wenn die Technik nicht funktioniert. Wenn die Musik zu leise ist oder mein Mikro als Tanzmeisterin streikt. Das mag ich gar nicht, da werd ich narrisch.

Paare sollten viel öfter tanzen, weil man sich dabei ohne Worte verstehen muss. Ich bin sicher: Würden Paare öfter zusammen tanzen, gäbe es weniger Streit, Trennungen und Scheidungen! 

Quadrille: Die Fledermausquadrille wird beim Kocherlball etwa zur Halbzeit – also um 8 in der Früh – gespielt! Da dürfen die Tänzer den Refrain laut mitsingen: Kumm zu mir, kumm zu mir, damit ich auch was spür von Dir. Vor dem Finale heißt es: Hauts Fenster zsamm, hauts Fenster zsamm, damit die Glaser Arbeit ham! 

Redoute ist ein bayerisches Ballfest an Fasching, veran­staltet vom Münchner Kreis für Volksmusik. Man tanzt Walzer, Polkas & Mazurkas. Die Redoute findet im Alten Rathaussaal statt, hoffentlich 2023 wieder.

Schuhe habe ich viele, aber nur ein Paar Lieblingsschuhe zum Tanzen vom Münchner Schuhmacher Bertl. Sie sind aus einem Stück gefertigt, ohne Naht, mit 3,5 Zentimeter Barock-Absatz. Die passen wie angegossen. 

Tanzmeisterin wurde ich, weil mich das Münchner Kulturreferat, damals war es Eva Becker, die mich als Tänzerin kannte, gefragt hat, ob ich Tanzmeisterin dort werden möchte – und ich habe zugesagt!

Unterricht gebe ich etwa auch kostenlos im Hofbräuhaus, auf der Theresienwiese bei den Münchner Tanzböden oder Privat auf Anfrage. Bis vor kurzem habe ich 20 Jahre als Sportlehrerin unterrichtet.

Vater: Der ist Volksmusikforscher. Schlager gab es bei uns nicht – nur Klassik oder Volksmusik. Das hat mich schon als Kind begeistert. Ich spiele Geige, Flöte. 

Welttänze: Meine liebsten sind der Tango Argentino oder Salsa. Aber: Wenn die Musik spielt und der Tanzpartner stimmt, kann ich mich für jeden Tanz begeistern.

X-trem wichtig beim Tanz ist die Hingabe für den Moment, an das, was eben entsteht. 

Yes: Ich wäre dafür, dass Tanzen ein Schulfach wird. Es ist ein wichtiger nonverbaler Dialog, Begegnung, Kommunikation. Ich engagiere mich nicht nur deshalb für Veränderungen im Bildungssystem.

Zwei Jahre gab es keinen Kocherl­ball. Für mich wieder eine neue Herausforderung, denn eigentlich bin ich beim Tanzen gerne mittendrin unter den Menschen, nicht oben, auf der Bühne.

Quelle: www.hallo-muenchen.de

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