Ein Leben ohne Wochentage

Der Abenteurer Peter Hinze will mit seinem „Dolpo-Project“ der armen Bevölkerung in Nepal mehr Mut geben 

Peter Hinze ist der Begründer des „Dolpo-Projects“.
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Peter Hinze ist der Begründer des „Dolpo-Projects“.
  • Claudia Theurer
    VonClaudia Theurer
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Als echter Himalaya-Experte kennt kein Münchner das Leben in den nepalesischen Bergen besser als Peter Hinze. Mit Hallo hat er über seine Leidenschaft und Hilfsprojekte gesprochen:

Er war Mitbegründer des NachrichtenmagazinsFocus“ und ist heute freiberuflicher Journalist und Buchautor. Seit 1982 reiste Peter Hinze 21 Mal in den Himalaya und führte Interviews mit Edmund Hillary, dem Dalai Lama und Reinhold Messner. In der Trailrunner-Szene nahm er seit 2003 an mehreren Ultra-Marathon-Rennen teil, unter anderem in Namibia, Bhutan und am Mount Everest.

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In seinem Buch100 000 Schritte zum Glück“, das gerade den „ITB Buch Award 2022“ gewonnen hat, schildert er das entbehrungsreiche Leben im Upper Dolpo, einem abgeschiedenen Tal, zwei Inlandsflüge von Nepals Hauptstadt Kathmandu entfernt.

Wie er mit seinem Hilfsprojekt, dem „Dolpo-Project“, den Leuten das Leben erleichtert und wie es um den Gemeinschaftssinn der Nepalesen bestellt ist, berichtet der Neuhauser hier von ­A bis Z.

Peter Hinze (63), Himalaya-Experte und Trailrunner, von A bis Z

Abenteurer bin ich geworden, weil ich nach dem Zivildienst eine Weltreise machen wollte. So bin ich 1979 einmal um die Welt gereist und habe Feuer gefangen.

Besitz wie ein Auto oder eine Wohnung bedeutet den buddhistischen Nepalesen sehr wenig. Innere Werte zählen bei ihnen.

Coronafälle gab es im Himalaya sehr wenige. Sie sagen traditionell: Ich lebe in meinem Tal, was soll ich in dem anderen? Es gibt also wenig Reiseverkehr. In der Hauptstadt Kathmandu war es dagegen heftig.

Dolpo-Project: Ich helfe mit lokalen und gut vernetzten Bewohnern der armen Bevölkerung und versuche, ihnen das Überleben zu sichern und das Leben zu erleichtern. Es geht um menschliche Hilfe. Ich versuche, nachdem ich finanziell begrenzt bin, neuen Lebensmut zu geben. Wir finanzieren uns vorrangig aus eigenen Mitteln und Hilfe aus einem engeren Freundeskreis.

Extremsportler: Ich betrachte mich nicht so sehr als ­Extremsportler. Ich sehe es eher als das Erleben von extremer Einsamkeit, was ja in unserer zivilisierten Gesellschaft immer schwieriger wird.

Freundschaften sind schwierig, die Nepalesen sind ein verschlossenes Volk. Ich hatte keine Probleme, weil meine „Tochter“ Tsering, eine junge Lehrerin, mit dabei war. Sie hat mir die Türen geöffnet.

Gemeinschaftssinn: Innerhalb eines Tals haben die Menschen ein sehr enges Verhältnis. Das einsame Leben hat sie geprägt. Daher ihr Motto: Nimm, was du kriegen kannst, wer weiß, was morgen ist. Es ist nicht so, dass sie anderen nicht helfen wollen, sie müssen nur selbst schauen, wo sie bleiben.

Himalaya: Es gibt für die ­Buddhisten viele heilige Orte. Ein Begriff heißt „Beyul“, das kann ein Stein, ein Tal oder ein Berggipfel sein. Dort kann auch ein Fremder eine gewisse Gelassenheit spüren.

Industrie gibt es in diesem Sinn nicht. Es gibt aber einen Pilz, Yasarghumba, den die Chinesen als Potenzmittel wertschätzen. Er wächst besonders gut in Dolpo. Das ist eine Einnahmequelle, die wichtig ist.

Jugend: Ist westlich orientiert, mit einer Grund-Heimatverbundenheit. Viele sind inzwischen in den sozialen Netzwerken. Es dauert noch drei bis vier Jahre, dann stehen sie uns darin kaum nach.

Klimawandel – macht sich sehr bemerkbar, die Gletscher gehen total zurück. Früher gab es Sommer und es gab Winter. Die warmen Perioden tun den Menschen nicht gut, weil sie die Kälte brauchen.

Leben ohne Zeit: Ich hatte am 1. Januar bei Facebook 66 Freunde, die Geburtstag hatten. Der Grund: In Dolpo wissen sie nicht, ob Januar oder Februar, Montag oder Dienstag ist. Sie haben keine Uhr, die brauchen sie auch nicht. Es ist keine Zeitrechnung da. Das Wetter bestimmt die Zeit. Sie leben streng nach dem Mondkalender.

Mangel an Mönchen gibt es. Viele ziehen nach ­Kathmandu, weil es dort wärmer ist, man Internet und genügend zu essen hat. Die alten Klöster sind ja sehr kalt und abgelegen. Die Eltern schicken ihre Kinder in die Hauptstadt, irgendwie ist das ja auch verständlich.

Nepal: Die Faszination wird vor allen durch die Menschen erzeugt, die eine oft unwirtliche Lebenssituation mit Gelassenheit, Gottvertrauen und Überlebenswillen meistern.

Ohne Strom und fließendes Wasser zu leben, ist für uns „Westler“ am Anfang schwierig. In einem Dorf gibt es keine einzige Toilette, dafür einen Acker... 

Positives Denken ist ihre Lebensdevise. Es ist wichtig, jetzt im Leben Gutes zu tun. Weil es, so ihre Überzeugung, das spätere Leben positiv beeinflusst.

Qual: Ich hatte einen Unfall in einer Felswand. Wenn das schief gegangen wäre... Das war eine persönliche Fehleinschätzung. Aber so richtig habe ich Qual nie erlebt.

Religion ist enorm wichtig. Es gibt eine Naturreligion, die heißt Bön. Die älteste Religion der Welt. Sie setzt auf Geister und Beschwörungen und arbeitet mit Rauch, Öl und Kräutern. Sie räuchern das Haus aus, das gibt es ja in Bayern auch.

Schlüssel zum Glück ist für mich Zufriedenheit und Gesundheit. Fit zu sein ist wie ein Geschenk.

Traditionen sind überlebenswichtig. Ich glaube, dass nur in den einsameren ­Bergregionen die Traditionen auch längerfristig überleben, das karge Leben und die Einsamkeit werden dafür sorgen.

Upper Dolpo: Unter normalen Umständen braucht man sieben Tage Fußmarsch. In Kilometern wird hier nicht gemessen. Auf dem Weg liegen zwei Pässe über 5000 Meter Höhe.

Peter Hinze verabschiedet sich aus dem Dolpo-Tal.

Verständigung ist wie in den bayerischen Bergen, weil jedes Tal seinen eigenen Dialekt hat. Zu 90 Prozent ist man auf jemanden angewiesen. Den Rest macht man mit Händen und Füßen. Läuft.

Wehmut verspüre ich, wenn ich sehe, wie sich der Himalaya verändert. Trotzdem bedeutet es für die Menschen in den Bergen zumeist ein besseres Leben, weil sie so Anschluss an die Zivilisation finden.

X-mal wollte ich mit meiner Frau über die Alpen nach Venedig laufen. Im Juni ist es so weit – wahrscheinlich...

Yakbuttertee schmeckt unbeschreiblich. Beim ersten Mal schrecklich. Inzwischen liebe ich diesen ranzigen Tee. Es gibt ja auch nichts anderes.

Zukunft ist angekommen. Die wenige Energie, die es gibt, kommt von der Sonne. Die Zukunft ist ungewiss, und die größte Verantwortung trägt der Nachbar, China. Es gibt eine erste „Piste“, eine vage Verbindung zur Außenwelt, die jedoch nur wagemutige Motorradfahrer nutzen können. Es ist der Anfang vom Wandel. Die Chinesen schauen vor allem nach ihrem eigenen Vorteil. Sie wollen Handelswege nach Indien ausbauen. Die Menschen sind ihnen egal.

Quelle: www.hallo-muenchen.de

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