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Ehemaliger Bühnenbildner nimmt heute Theatergäste in Empfang: Was hinter seinen Kulissen geschieht

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Von: Katrin Hildebrand

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Im Theater trägt er noch ein Jackett dazu: Fürs Hallo-Bild aber lenkt Robert Niedermayer alle Blicke auf die türkise Krawatte.
Im Theater trägt er noch ein Jackett dazu: Fürs Hallo-Bild aber lenkt Robert Niedermayer alle Blicke auf die türkise Krawatte. © Katrin Hildebrand

Im Gärtnerplatztheater wird auch hinter den Kulissen hart an den Vorstellungen gearbeitet. Den Job eines Einlassdieners macht Robert Niedermayer, der aus seinem Alltag berichtet:

MÜNCHEN Im Mittelpunkt stehen andere. Die Sänger, die Regie, die Musiker, der Intendant und vielleicht noch die Bühnenbildner. Doch wer ins Gärtnerplatztheater geht, begegnet dort als allererstes den Einlassdienern. Sie sind das Gesicht des Hauses. Sie nehmen die Gäste in Empfang, sie erklären ihnen, wo Toiletten und Garderoben sind, sie stellen jeden Abend den ersten Kontakt zwischen Bühne und Publikum her. Robert Niedermayer ist einer von ihnen.

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*HalloMuenchen.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA. © Hallo München

Seit vergangenem Jahr arbeitet er als Einlassdiener am Theater, hat dort eine Teilzeitstelle. Für ihn ist es eine Rückkehr, denn früher war der Opernfan ebenfalls an der Bühne tätig. Zwischenzeitlich allerdings erfüllte sich der Münchner einen anderen Traum: Von 1997 bis 2021 unterhielt er im Fasangarten einen Schreibwarenladen, außerdem eine kleine Post- und Postbankfiliale. Als diese wegen Mieterhöhung schließen musste, fand er den Job am Gärtnerplatz. Was er dort zu tun hat, welche Opern er liebt.

Robert Niedermayer (60), Einlassdiener am Gärtnerplatztheater, von A bis Z

Ausbildung: Wer Saaldiener werden will, begleitet einen Kollegen an drei Abenden und lernt von ihm.  

Bühnenbild habe ich an der Münchner Kunstakademie studiert. Während des Studiums habe ich am Gärtnerplatztheater mein erstes Praktikum gemacht – in der Großrequisite beziehungsweise Möblerei.  

Charme: Etwa 60 Saaldiener gibt es. Jeder hat beste Umgangsformen. Ohne die kann man den Job nicht machen. 

Dienst: Wir begrüßen die Gäste, scannen Tickets. Während der Vorstellung sitzen wir vor den Türen. Wenn jemand hinausgeht, müssen wir sie leise schließen. Zudem wissen wir, wo der Arzt sitzt und haben ein offenes Auge für die Bedürfnisse der Gäste.  

Ende: Die Einlassleute am oberen Rang machen ihren Rang leer, gehen in den nächsten Rang, sammeln dort die Kollegen ein, die ihren Rang bereits geleert haben. So setzt sich das fort, bis wir unten sind.

Führungen durchs Theater gibt es eher selten. Man kann sie für eine gewisse Gruppengröße buchen. 

Gespräche mit Gästen führe ich gerne. In meinem Job muss man die Kunst der Konversation beherrschen. Dazu kommt, dass ich viel über Oper weiß und Einiges erzählen kann. 

Häppchen: Wenn nach der Pause welche übrigbleiben, werden sie für uns hingestellt. Unsere eigene Brotzeit müssen wir ganz dezent hinter den Kulissen verspeisen. 

Intendant: Dank Josef Köpplinger ist das Theater in die erste Klasse aufgestiegen. Er sorgt auch für gute Stimmung. Er läuft durch die Räume, begrüßt alle, behandelt alle gleich. Auch als „kloans Wurschtl“ fühlt man sich sehr geschätzt.

Job: Ich entdeckte online, dass das Theater Personal sucht. Man musste sich bei der Firma „Allpower“ bewerben. Dort habe ich einen Vertrag mit Kranken- und Rentenversicherung. 

Kindervorstellungen: Vor Beginn sage ich immer zu den Lehrern, dass sie ihre Schüler auf die Toilette schicken sollen. In den Pausen schließen wir die Türen zum Zuschauerraum, damit die Kinder keinen Unsinn machen oder sich verletzen.

Livrée: Hose, Sakko und Hemd gehören mir, alles muss schwarz sein. Die türkise Krawatte und den Gärtnerplatz-Button stellt das Haus. Im Residenztheater darf man auch eine Jeans tragen, hier nicht.

Maske: Es ist eine Empfehlung des Hauses, eine Maske aufzusetzen. 

Norwegen war 16 Jahre lang meine Heimat. Ich war freischaffender Bühnen- und Kostümbildner, unter anderem am Osloer Nationaltheater und am „Det Norske Teatret“ in Oslo. 

Opern: Bellinis „Norma“, Verdis „Don Carlos“. Dafür könnt’ ich sterben. Ich liebe auch Donizettis Königinnendramen, Opern der Belcanto-Ära. Da ging es um Schöngesang, die Primadonnen wollten einander überbieten. Mit Wagner dagegen wurde ich nie richtig warm.  

Premieren sind meist sehr gut. Das Adrenalin treibt die Künstler zur Hochform an. 

Querschnitt der Besucher: Das Publikum ist älter als am Nationaltheater, weil wir mehr Operetten spielen.

Rolle: Meine Traumrolle wäre der Marquis von Posa in „Don Carlos“. Ich mag ihn sehr. Und die Melodien Verdis sind das Schönste, was je für einen Bariton geschrieben wurde.

Sprechen mit unseren Kollegen auf den Fluren können wir während der Vorstellung nicht. Das hört man im Theater, es würde absolut stören.

Toiletten: Kurz vor Schließung des Theaters prüfen wir, ob noch Gäste auf der Toilette sind. Es darf keinesfalls jemand eingesperrt werden. Ich rufe zur Sicherheit noch mal hinein: „Ist da noch jemand? Das Theater wird in wenigen Minuten geschlossen.“  

Un- und Notfälle: Es passiert schon manchmal was. Aber wenn ich Schicht hatte, konnte immer allen geholfen werden. Es gab schon Schlaganfälle oder einen Blutsturz. Unsere Aufgabe ist es in solchen Situationen, Zuschauerströme elegant umzuleiten, damit Panik verhindert wird. 

Virus: Die Liebe zum Theater, zur Oper ist wie ein Virus, das man niemals wieder los wird. Erst war ich Bühnenbildner, jetzt bin ich Einlassdiener. Für mich ist das keine Niederlage, sondern eine Rückkehr zu einer alten Liebe.

Warterei: Während die Vorstellung läuft und ich warten muss, lese ich gerne Programmhefte, um die Hintergründe zu den Inszenierungen zu erfahren. Das kann ich dann an die Gäste weitergeben.

X-mal habe ich den Gästen empfohlen, noch vor Beginn der Vorstellung Häppchen und Getränke für die Pause vorzubestellen, damit sie, wenn es so weit ist, dann nicht anstehen müssen.

Yoghurtflecken landeten einmal vor der Vorstellung unglücklicherweise an meiner Krawatte. Ich hatte gesabbert. Ich bekam zum Glück eine Ersatzkrawatte.

Zeiten: Normalerweise arbeite ich abends, nur bei Kindervorstellungen manchmal am Vormittag.

Quelle: www.hallo-muenchen.de

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