A bis Z mit TV-Experte Dr. Frank Matthias Kammel

Dr. Frank Matthias Kammel: "Auch wir als Experten haben Lampenfieber"

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Dr. Frank Matthias Kammel inzwischen seiner Lieblingsobjekt im Bayerischen Nationalmuseum. 

TV-Experte Dr. Frank Matthias Kammel spricht in Hallo über „Kunst + Krempel“ und seine Ziele als Chef des Bayerischen Nationalmuseums

Entdeckungen, Enttäuschungen und viel Fachwissen: Die BR-Kultreihe „Kunst + Krempel“ hat seit über 30 Jahren all das zu bieten. Vom 1. bis 3. März kommt Deutschlands älteste Antiquitätensendung nach München. An diesen Tagen werden im Hubertussaal von Schloss Nymphenburg für etwa 20 Folgen Familienschätze von Experten bewertet. Schwerpunkt im Bauhaus-Jubiläumsjahr: Objekte des 20. Jahrhunderts. Für freie Plätze in den Bereichen Design und Möbel kann man sich noch bis 22. Februar unter www.kunstundkrempel.de bewerben. 

Als Experte für religiöse Volkskunst und Skulpturen seit 2001 im TV mit dabei: Dr. Frank Matthias Kammel (56), seit Juli Generaldirektor des Bayerischen Nationalmuseums in München. Der Kunstwissenschaftler und Archäologe war zuvor 24 Jahre im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg tätig. Was ihn antreibt: „Die Liebe zur Kunst, die Objekte und die Menschen, die dazugehören.“

Im Hallo-Interview spricht er über schräge Stücke, seine Ziele fürs Museum und überraschende Rückzieher. Ursula Löschau

Dr. Frank Matthias Kammel (56), von A bis Z

Antiquität: Antik ist etwas, das alt und ein bisschen wertvoll ist. Das kann heute aber auch schon ein Nierentisch aus den 50er-Jahren sein.

Bauhaus: Wenn Deutschland heute beim Design des 20. Jahrhunderts mit etwas punkten kann, dann ist es Bauhaus. Das war vor allem auch ein großer Exportschlager.

Chef: Das Nationalmuseum ist ein ganz tolles Haus. Ich habe aber auch ein paar Probleme kennengelernt: Die Bausubstanz und die technische Ausstattung sind teilweise am Ende. Das Haus ist zu wenig bekannt und hat viel zu wenig Personal.

Design ist keine Erfindung der Neuzeit. Der Unterschied ist: Früher gab es das nur für eine kleine Oberschicht. Spätestens seit dem Bauhaus hat Design auch etwas mit Demokratie zu tun. Heute sollen sich Menschen in allen Schichten mit gut gestalteten Dingen umgeben können.

Enttäuschung: Ich blicke selten in enttäuschte Gesichter. Aber die gibt’s. Meist, wenn Leute von einem Objekt konkrete Vorstellungen haben und sich diese nur bestätigen lassen wollen. Und dann stellt sich heraus, dass das Stück gar kein Unikat ist...

Familiengeschichten: Sie sind das Schönste daran. Ein bestimmter Tag, eine Situation oder eine ganze Kette von Familienereignissen hängen an den Objekten. Da ist manchmal Stoff für Romane drin. Und es zeigt sich immer wieder: Dinge haben nicht nur kommerziellen Wert.

Glück ist für mich, wenn das Meiste richtig gut läuft und ich mit meiner Familie ein paar Stunden Freizeit habe.

Handel: Der spielt während der Sendung eigentlich keine Rolle. Der Preis und der kommerzielle Teil haben kein so großes Gewicht. Das macht es viel entspannter. Vielmehr trägt „Kunst + Krempel“ dazu bei, dass Dinge nicht mehr so schnell auf dem Sperrmüll landen.

Irrtum ist nicht ausgeschlossen, vor allem, wenn wir spontan reagieren müssen. Im Zweifelsfall sagen wir dann aber auch, dass weitere Analysen oder Experten nötig wären.

Jüdisches Eigentum: Wir wissen, dass noch vieles davon in Museen kursiert. Die Recherchen nach den Eigentümern und deren Nachfahren sind kompliziert und dauern sehr lange. Gerechtigkeit heißt ja nicht, irgendwem irgendwas zurückzugeben. Eine neue Ausstellung im Nationalmuseum soll Verständnis für diese Abläufe wecken.

Krempel: Zu den schrägsten Stücken gehören Fälschungen. Zum Beispiel bei Sachen, die teuer gekauft wurden. Da erlebt man dann die schwarze Seite von halbseidenem Handel.

„Ich kenne Sie doch aus dem Fernsehen!“

Lieblingsobjekt: Im Museum ist es eine eher unscheinbare Figur aus Bronze: Der „Astbrecher“ – modelliert 1490 von Adam Kraft. Es ist die erste Skulptur überhaupt, bei der körperliche Anstrengung anatomisch genau dargestellt wurde.

Masterplan: Das Nationalmuseum braucht mehr Bekanntheit. Es ist viel besser als sein Image. Und es steht baulich viel an: Barrierefreiheit, moderne Klimatechnik, die Sammlungen wachsen. Insgesamt müssen wir etwas schicker werden. Auch wenn man alte Kunst ausstellt, muss man nicht verstaubt daherkommen.

Nymphenburg finde ich klasse. Zum ersten Mal war ich 1990 im Winter dort und sah die Eisstockschützen vor dem Schloss. Ich stehe jetzt auch beruflich in engem Kontakt zur Bayerischen Schlösserverwaltung.

Oft höre ich von Leuten auf der Straße: „Ich kenne Sie doch aus dem Fernsehen!“ Vor allem hier in München werde ich unglaublich oft auf „Kunst + Krempel“ angesprochen.

Dr. Frank Matthias Kammel mit seinem Lieblingsobjekt im Bayerischen Nationalmuseum: dem sogenannten Astbrecher.

Paris: Zu den schönsten Entdeckungen bisher zählen für mich Bronzefiguren um 1900 aus Paris. Diese Salonkunst war einmal sehr beliebt, wenn man großbürgerlich wohnte: schöne, oft auch erotische Figuren, die einen Raum aufwerten konnten. Doch viele davon sind längst auf dem Müll gelandet.

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ual der Vorauswahl: Das ist manchmal schwierig. Es soll ja für alle etwas dabeisein und durch alle Zeiten gehen – mal Madonna, mal nackte Frau.

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aritäten: Aus dem Bereich Volkskunst erinnere ich mich an eine portugiesische Krippe aus Terracotta aus dem 18. Jahrhundert, die rund 35 000 Euro wert war. Und an eine Holz-Skulptur des Heiligen Petrus von 1520. Da lag der Wert in sechstelliger Höhe.

Spannung ist da, auf beiden Seiten. Wir lassen die Leute gewiss nicht zappeln. Im Gegenteil: Auch wir als Experten haben Lampenfieber und eine extrem enge Zeitbeschränkung. Es gibt auch kein Skript.

Tabu ist, dass man Leute fertigmacht und sagt: „Das ist der größte Mist.“ Wichtig ist, welche Beziehung die Menschen zu den Stücken haben. Man darf aber auch keine falschen Hoffnungen machen. Wir sind der Wahrheit verpflichtet.

Ueberraschung: Bei einer Sendung ist es passiert, dass ein Mensch, der ein tolles Bild dabei hatte, plötzlich weg war. Er war schon geschminkt und hat es sich dann anders überlegt.

Volkskunst: Gerade Dinge mit religiösem Hintergrund sind oft lange in Familienbesitz. Da scheint man zu spüren, wie die Vorfahren vor 200 Jahren schon davor gebetet haben.

Wühltisch: Ich schätze, dass etwa ein Drittel der vorgestellten Objekte Zufallskäufe vom Flohmarkt oder aus dem Urlaub sind, ein Drittel hat Familientradition und ein weiteres Drittel wurde mal bewusst erworben.

Xylophon: Barockmusik finde ich toll, aber auch ganz normale Popmusik.

Y-Chromosom: Selbst wenn heute im Museumsbereich noch mehr Männer verantwortlich tätig sind, wird sich das ändern. Unter den Absolventen sind heute viel mehr Frauen.

Zuschauer: Im Saal sind vor allem die Teilnehmer mit Angehörigen, kaum andere Zuschauer. Das Publikum muss während der Aufzeichnung vier bis fünf Stunden sitzenbleiben. Wichtig ist völlige Ruhe im Saal.

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