A bis Z mit Travestie-Star, Show-Designer und Entertainer Chris Kolonko

Chris Kolonko: „Frau sein tut weh“

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Der Travestie-Star Chris Kolonko nennt seit 30 Jahren die Bühne seine Heimat.

Erotik, Stimme & Kostüm: Travestie-Star Chris Kolonko begeistert seit 30 Jahren - In Hallo spricht er über Lady Gaga, Marlene Dietrich und sein Coming-Out

Abgeschminkt ist Chris Kolonko eindeutig ein Mann. Darauf legt er auch Wert. Gewisse feminine Züge bleiben aber – auch dank einiger Operationen. Selbst erarbeitet hat er sich in den vergangenen 30 Jahre den Ruf als einer der besten Show-Konzeptionisten Europas. Er hat jahrelang das Programm des Münchner Christopher Street Days verantwortet, verhalf den großen Dinner-Show­anbietern zu ausverkauften Häusern und begeistert regelmäßig mit seinen eigenen Abenden – beispielsweise zu Marlene Dietrich.

Anlässlich seiner Jubiläumsshow „I am what I am“ am Donnerstag, 28. März (20 Uhr), im Gasteig (Karten unter Telefon 54 81 81 81) erklärt Kolonko in Hallo seine Lust an der Verwandlung, sein Fernweh, und warum ihm Spießer gerade recht kommen. Außerdem verrät der Perfektionist, was Lady Gaga und Marlene Dietrich gemeinsam haben und warum er Bill Clinton schon die Hand geschüttelt hat. M. Litzlbauer

Travestie-Star, Show-Designer und Entertainer Chris Kolonko (50) von A bis Z

Anfänge: Mit 16 Jahren habe ich angefangen, Jazztanz-Unterricht zu nehmen – und war sofort begeistert. Ich habe meine Friseurlehre noch beendet und danach ging es als Travestie-Künstler los. Mein erstes Engagement dauerte acht Monate in Spanien – übrigens zusammen mit Olivia Jones. Es war schrecklich schlecht und noch echt billige Travestie.

Billig: Billige Travestie gibt es in Deutschland kaum noch. Ich sehe mich auch mehr als Entertainer. Die Verwandlung und die Show stehen im Vordergrund. Nur ein geschminkter Mann zu sein, ist keine Rechtfertigung.

Clinton, Bill: In der Augsburger Schwabenhalle war der Ex-Präsident der USA als Starreferent bei einem Zukunftsforum zu Gast. Ich hatte einen kurzen Auftritt und durfte ihm auch die Hand schütteln. Vorher wurde ich von zig Sicherheitsleuten unzählige Male kontrolliert. Es ist kaum vorstellbar, wie solche Leute von der Öffentlichkeit abgeschirmt werden.

Dragqueen: In Amerika gibt es davon noch viele. Travestie-Kunst ist aber viel mehr als nur ein ausgefallenes Kostüm anzuziehen, sich die Haare aufzublasen und Gäste zum Alkoholtrinken zu bringen.

Erotik: Ich selbst finde das, was ich mache, nicht erotisch. Beim Publikum spielt der Hauch des vermeintlich Verbotenen schon mit rein. Bei unserer Spiegelzelt-Show in Augsburg ist das Thema direkter. Da geht es um Nightclub-Atmosphäre, was uns auch von der Konkurrenz wie dem Teatro absetzt.

Favorit: Ich wohne im West­end – und liebe es! Augsburg ist meine Heimatstadt, aber ich brauche das Internationale. München ist eine Weltmetropole, die sich das Heimelige bewahrt hat. Wobei ich sagen muss: Nicht München, sondern das Westend ist mein Zuhause.

Garderobe: Mein Kapital fließt immer in neue Kostüme. Neben drei Lagern habe ich alleine in meiner Wohnung drei Räume nur für Kostüme – 250 sind es bestimmt.

Hohe See: Was Travestie-Shows auf Kreuzfahrtschiffen angeht, war ich Vorreiter – und bin einer der letzten, die das noch machen.

I am what I am: So heißt meine Jubiläumsshow – und das ist mein Motto. Ich will, dass jeder Müllmann, jede Klo­frau und jede Mutter den Mut hat, zu sich zu stehen. Ich fände es schade, wenn dieses Motto nur auf die Sexualität reduziert wird.

Jubiläum: 30 Jahre Bühne – unheimlich. Da merkt man, dass man eigentlich schon zu den Alten gehört.

Kostümwechsel: Schaffe ich in Sekunden – am besten direkt vor den Augen des Zuschauers. Die Kunst ist es, so dünn zu sein, dass fünf Kostüme übereinander passen.

Ladyboy: In Thailand der gängige Name für Transsexuelle. Mit dem, was ich mache, hat das aber nichts zu tun.

„Ute Lemper ist eine Ikone"

Marlene Dietrich ist ein wichtiger Teil meines Bühnenlebens und Vorbild in Sachen Kunst, Perfektion und Disziplin. Sie war die damalige Lady Gaga – revolutionär! Ich habe so sehr versucht, diese Rolle nachzuempfinden, dass mich Freunde oft genervt gefragt haben: „Kommst du auch mal wieder runter von der Rolle?“

Name: In meinen Anfangstagen hieß ich Chris Crazy. Das klingt aber so billig. Kolonko ist mein echter Name.

Operation: Ich sehe mein Gesicht als Leinwand, die man glatt halten muss, um darauf ein Frauengesicht zu zaubern. Ich hatte beispielsweise Schlupflieder und habe mir meinen Bart weglasern lassen. Wichtig ist mir nur, dass ich nach dem Abschminken nicht auch noch aussehe wie eine Frau.

Palazzo: Ich habe für Bernhard Paul vom Circus Roncalli mehrere Dinnershows inszeniert. Später dann auch für die Firma Palazzo, die dann zu Teatro wurde. Aktuell bin ich das Risiko eingegangen und mache im Spiegelzelt in Augsburg meine ganz eigene Show.

Queer As Folk: Eine der geilsten Serien, die es jemals gegeben hat. Sie bedient zwar jegliche Kleschees, ist aber super gemacht.

Rente: Ich bin noch kein bisschen müde. Aber: Bevor es peinlich wird, höre ich auf. Ich möchte nicht, dass es einmal heißt: „Schau mal Mama, der alte geschminkte Mann da im Kleid.“

Spießer: Ich mag keine engstirnigen Menschen. Aber auf der Bühne hilft es ein bisschen. Je spießiger jemand ist, desto weniger ist er mit den Dingen, die ich mache, in Berührung gekommen. Dann staunt er umso mehr.

Taille: Die zu halten, wird immer schwieriger. Da muss ich ganz schön schnüren – musste Marlene Dietrich aber auch. Frau sein tut weh. Ich darf nicht mal trainieren, weil ich dann zu viele Bauchmuskeln hätte.

Umfeld: Meine Eltern haben immer zu mir gehalten – auch nach meinem Coming-Out mit 16. Aber natürlich hatten sie damals Sorge um meine Existenz. Ihnen wäre es lieber gewesen, ich hätte meinen Meister gemacht und einen eigenen Salon eröffnet.

Vorbilder: Ute Lemper ist eine Ikone. Außerdem natürlich Showgirls in Las Vegas. Tatsächlich auch Mary und Gordy – wegen ihrer Disziplin und ihrer Qualität. In dieser Hinsicht bewundere ich auch Kylie Minogue, Robbie Williams und Helene Fischer.

Weltenbummler: Mit 18 bin ich mit meinen Eltern nach Laguna Beach gereist – und wäre fast dort geblieben. Spätestens da wusste ich: Augsburg ist mir zu klein. Heute habe ich jeden Hafen dieser Welt gesehen, war letztes Jahr genau zwei Monate zuhause.

X-mal schon wurde ich gefragt, ob ich lieber eine Frau wäre. NEIN!

Yoga ist mein Sport, mein Hobby, meine Leidenschaft. Ich unterrichte auch selbst.

Zeitgeist: Dafür ein Gespür zu haben, ist wichtig. Aber: Sich nur danach zu richten, ist auch gefährlich. Aktuell würde es bedeuten, dass alles immer kürzer und oberflächlicher wird.

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