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Über soziales Pflichtjahr & Münchner Freiwilligenmesse: Bayerns Ehrenamtsbeauftragte im Interview

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Von: Gabriele Winter

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Eva Gottstein freut sich, dass sich in Zeiten der aktuellen Krisen so viele Menschen ehrenamtlich einsetzen.
Eva Gottstein freut sich, dass sich in Zeiten der aktuellen Krisen so viele Menschen ehrenamtlich einsetzen. © Gabriele Winter

Bayerns Ehrenamtsbeauftragte Eva Gottstein im Hallo-Interview über Armut, Hilfsbereitschaft und ein soziales Pflichtjahr

Kindern vorlesen, Bäume pflanzen oder Telefonseelsorge — Inspirationen, wofür man sich engagieren könnte, liefert die Münchner Freiwilligen Messe am Sonntag, 15. Januar. 60 Organisationen informieren im Rathaus über verschiedene freiwillige Dienste. Die Bayerische Ehrenamtsbeauftragte Eva Gottstein freut sich über das vielfältige Engagement und weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig freiwillige soziale Arbeit ist. Bevor die heute 73-Jährige in die Politik ging hat sie 36 Jahre als Realschullehrerin und Drogenbeauftragte gearbeitet.

2008 wechselte sie für die Freien Wähler in den bayerischen Landtag und bekam von Ministerpräsident Markus Söder den Bayerischen Verdienstorden verliehen. Das Amt der Ehrenamtsbeauftragten bekleidet sie seit 2018. Im Interview verrät sie, wofür sie sich selbst gerne einsetzen würde, wo sie den Staat in der Pflicht sieht und was sie vom Sozialen Pflichtjahr hält.

Eva Gottstein (73), die Bayerische Ehrenamtsbeauftragte, von A bis Z

Armut ruft viel Hilfsbereitschaft hervor. Gerade vor dem Hintergrund der zunehmenden Armut engagieren sich noch mehr Ehrenamtliche zum Beispiel bei den Tafeln.

Bücher spielen für mich als Germanistin eine große Rolle, deshalb wäre Kindern oder Senioren vorzulesen, ein Ehrenamt, das ich selbst gerne bekleiden würde. 

Chronisch unterfinanzierte Bereiche, wie die Tafeln, dürfen vom Staat nicht einfach an das Ehrenamt delegiert werden.

Drogen: Alkohol ist nicht zu unterschätzen, aber ich würde auch Cannabis nicht legalisieren.

Eichstätt ist die Stadt, in der ich geboren und zur Schule gegangen bin und selbst 22 Jahre lang Lehrerin war. Dort ging ich erste politische Schritte — die manchmal etwas zu forsch waren.  

Freiwilligenmessen: Gott sei Dank sind die inzwischen bayernweit vertreten. Sie bräuchten vielleicht mehr PR und Unterstützung.

Geld: Die Geldflüsse müssen noch mehr gesteuert werden und alle Beteiligten, der Freistaat und die Landkreise, müssen sich noch besser finanziell beteiligen. 

Herz: Mich berührt, was die Ehrenamtlichen alles leisten. Manchmal bekomme ich regelrecht ein schlechtes Gewissen, wenn ich sehe, was die alles für andere tun. Zum Beispiel die Hospizarbeit. Ich glaube das könnte ich nicht. 

Initiative braucht immer mutige Menschen, die dahinter stehen, ein Netzwerk haben und unkonventionell sind — dann läuft es auch. 

Jeans oder Kostüm? Ich bin mehr der sportliche Typ, gehe gerne Skifahren und trage lieber Hosen.

Kinder brauchen vor allem Liebe. Viele sind von Geburt an benachteiligt. Natürlich kommt bei mir auch immer die Lehrerin raus: „Fördern kommt von Fordern!“ Das heißt, sie brauchen Strukturen, um sich ausleben zu können.

Lehrerin: Je länger ich unterrichtet habe, desto mehr Verständnis habe ich für vieles bekommen. Mir laufen heute noch oft Schülerinnen über den Weg, die sagen: „Sie waren streng, aber gerecht.“

Million: Wenn ich die hätte, würde ich eine Stiftung für die Verteilung von Musikinstrumenten gründen, für ärmere musikalische Kinder.

Nachhaltig: Jedes Ehrenamt ist per se nachhaltig, denn am Schluss ist jemandem geholfen und die Helfenden haben auch ein gutes Gefühl.

Ostpreußen: Meine Vorfahren kamen aus der Heimat Kants. Daher ist mein Wahlspruch auch: Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!

Perlach: Dahin bin ich mit meinem Mann in eine barrierefreie Wohnung gezogen. Hier in München lebt eine meiner Töchter und wir müssen jetzt nicht mehr 40 Stufen bis zu unserem Haus laufen. 

Qualität: In jeder Tätigkeit braucht es eine gewisse Professionalität, das gilt auch fürs Ehrenamt. Aber als Freie Wählerin bin ich pragmatisch und brauche nicht immer Konzepte und Abhandlungen, sondern Leute mit gesundem Menschenverstand, die erkennen, was adhoc zu tun ist.

Resignation: Ich gebe selten auf, höchstens manchmal, wenn es um meine eigene Person geht. Da siegt manchmal der Stolz und ich denke, das habe ich gar nicht nötig.

Soziales Pflichtjahr: Davon halte ich wenig, denn ich würde mich ungern von jemandem pflegen lassen, der das gar nicht will. Wichtig wären eher mehr Anreize für ein Freiwilliges soziales Jahr. 

Tatendrang: Die Vielfalt der verschiedenen Organisationen, die Ehrenamtliche vermitteln ist wichtig. Tatendrang ist die mit dem schönsten Namen.

Unterhaltung: Inzwischen bin ich ein echter Fan des Tatorts. Ansonsten lese ich viel, fahre Ski und liege unglaublich gerne faul am Strand, zum Beispiel an der Ostsee.

Verdienstorden: Der ist für mich eine enorme Wertschätzung, vor allem, weil man in der Politik sonst nicht viel Anerkennung erfährt. Zu diesen Menschen dazuzugehören, von denen es heißt, die haben was für Bayern getan, ist eine große Ehre.Gleichzeitig ist der Verdienstorden auch eine Aufforderung sich weiter zu engagieren, eine Verpflichtung, sich noch nicht auf die faule Haut zu legen.

Wertebündnis Bayern: Ich bringe Ideen aus meiner politischen Arbeit in die Stiftung ein. Wir treffen uns einmal im Monat und diskutieren über weitere mögliche Partner. 

Xenophobie: Wenn sich die Kulturen kennenlernen—und dazu tragen Ehrenamtliche bei—verringert das die Ausländerfeindlichkeit. Wenn zum Beispiel Menschen Kleidung und Essen in Geflüchteten-Unterkünfte bringen oder die deutsche Sprache unterrichten, lernt man sich kennen und unter Umständen schätzen.

Yucca-Palme: Zim­merpflanzen gehen ständig ein bei mir, ich weiß auch nicht, was ich falsch mache. Entweder dünge ich zu viel oder zu wenig, oder ich gieße nicht genug. Aber ich gebe nicht auf und kaufe im Blumenladen immer wieder neue. Mit einem Garten fange ich aber gar nicht erst an.

Zankapfel: In der Politik streite ich am häufigsten um das Thema Frau, denn unsere Interessen sind immer noch unterrepräsentiert. Wenn ich in Talkshows eine Quotenfrau unter lauter Männern sitzen sehe, habe ich das Gefühl, wir fallen doch immer wieder hinten runter.

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