Hallo im Gespräch mit Anton Biebl

„Ich weiß: Viele Künstler sind in Existenznot“

Anton Biebl vermisst die Kultur in Corona Zeiten als Kulturreferent besonders.
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Anton Biebl vermisst die Kultur in Corona Zeiten als Kulturreferent besonders.
  • Claudia Theurer
    vonClaudia Theurer
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Was macht ein Kulturreferent, wenn keine Kultur stattfinden darf? Erst recht, da das Motto des Münchner Amtsinhabers doch lautet: „Ohne Kultur kann es keine Urbanität geben.“ Wie er mit den Sparmaßnahmen umgeht und was er persönlich in Corona-Zeiten vermisst, verrät der 59-jährige Münchner im Interview.

Kurz vor Redaktionsschluss hat die Bundesregierung bekannt gegeben, eine weitere Milliarde Euro für das Rettungs- und Zukunftsprogramm „Neustart Kultur“ bereit zu stellen. Dies begrüßt Kulturreferent Anton Biebl: „Es ist wichtig, dass Bund und Länder der Existenzgefährdung der freien Kulturszene mit einer schnellen und unbürokratischen Förderung entgegentreten.“ Das müsse auch zukünftig so bleiben: „Die Förderprogramme müssen laufend nachgeschärft werden, damit sie auch ihr Ziel erreichen.“ Dazu solle, wie jetzt geschehen, Geld nachgelegt werden, solange Kultureinrichtungen corona-bedingt geschlossen bleiben müssen.

Auch der Münchner Stadtrat hat eine neue Finanzspritze für Kulturschaffende beschlossen. Eine Förderung von 400.000 Euro soll die kulturelle Szene durch die Krise bringen.

Herr Biebl, was macht ein Kulturreferent, wenn keine Kultur mehr stattfindet?
Gute Frage. Aber Kultur findet ja weiterhin statt, auch wenn Kultureinrichtungen geschlossen bleiben müssen. Wir lesen, schauen zuhause Filme, können die Onleihe der Stadtbibliothek nutzen, Streamings der Bühnen verfolgen. Es gab im letzten Jahr viele Kulturangebote, aber eben etwas anders als gewohnt. Das Dok.Fest war zum Beispiel das erste Festival, das komplett digital stattgefunden hat – mit hohen Besucherzahlen, weil es deutschlandweites Interesse verzeichnen konnte. Beim Sommer in der Stadt oder anderen Veranstaltungen im Freien haben die Musikszene, die Theater und auch Stadtteilkulturhäuser „coronakonforme“ Kulturveranstaltungen durchgeführt. Kulturgenuss und Gesundheit hatten wir beides im Blick in unseren Hygienekonzepten. Der künstlerische Diskurs hat sich zunehmend auch mit den sozialen und kulturellen Dimensionen der Pandemie beschäftigt. Auch das ist ja wichtig bei einem so einschneidenden Ereignis, das alle betrifft.
So wie es aussieht, wird 2021 wieder ein Supersparjahr. Wie gehen Sie damit um?
Wir haben dieses Jahr ein Kulturbudget von rund 250 Millionen Euro. Es wäre eigentlich deutlich mehr, aber wir mussten rund 11,5 Millionen Euro Sparbeitrag erbringen. Auch die anderen städtischen Ressorts waren zu Kürzungen verpflichtet. Bereits 2020 mussten wir mitten im Jahr eine ähnliche Größenordnung schultern. Gespart haben wir vor allem bei den „großen“ städtischen Häusern, also den Kammerspielen, dem Lenbachhaus, den Philharmonikern oder der Stadtbibliothek. So konnten wir Kürzungen bei der Freien Szene vermeiden, was mir sehr wichtig ist. Denn dort geht es um die Existenz vieler Künstlerinnen und Künstler.
Mussten Sie Leute entlassen oder in Kurzarbeit schicken?
Nein, Kündigungen gibt es nicht. Unser Personal war aber teilweise in Kurzarbeit oder hat in anderen Dienststellen ausgeholfen. Zum Beispiel beim Corona-Infotelefon oder bei der Verteilung von Hygieneartikeln an Arztpraxen und Krankenhäuser. Weil Veranstaltungen ausgefallen sind und wir Bereiche schließen mussten, war das möglich. Wir haben auch alles versucht, um im Rahmen der Verordnungen unsere Veranstaltungen aufrecht zu erhalten. Ich erinnere mich, das erste Konzert in der Philharmonie nach dem Lockdown im Frühjahr fand mit 50 Menschen im Publikum statt. Da saßen mehr Musikerinnen und Musiker auf der Bühne! Das ging an die Seele. Aber sowohl das Publikum als auch die Münchner Philharmoniker waren dankbar, weil sie spielen konnten. Unser Orchester musizierte im Sommer auch in den Innenhöfen von Altenheimen. Und die Orchestermitglieder haben unsere treuen Abonnentinnen und Abonnenten angerufen, um in Verbindung zu bleiben. Im Volkstheater haben wir die Sommerpause in den ersten Lockdown vorgezogen um ab Juli Open Air spielen zu können. Das sind nur zwei Beispiele für viele Lösungen, die im Kulturbereich gefunden wurden.
Viele Künstler beklagen, dass sie bis jetzt noch keine finanzielle Hilfe erhalten haben...
Das ist eine Sache von Staat oder Bund. Wir von der Stadt haben es geschafft, unsere Förderung weitgehend aufrecht zu erhalten. Wir reichen ja rund 20 Millionen Eure Kunst- und Kulturförderung aus pro Jahr. Bei der Projektförderung haben wir beispielsweise ermöglicht, dass die bewilligten Vorhaben verschoben oder geändert werden konnten. Wir haben auch Teilleistungen vergütet, also wenn beispielsweise Vorbereitungsarbeit geleistet wurde und der Auftritt dann abgesagt werden musste. Ich weiß, dass dennoch viele Künstler in Existenznot sind. Wir versuchen, ihnen Auftritte zu ermöglichen, damit sie zu ihrem Verdienst kommen. Zum Beispiel im Rahmen von Sommer in der Stadt im letzten Jahr mit Kulturbühnen im Olympiapark, in den Stadtteilen, im Werksviertel, am Gasteig oder auf der Theresienwiese. An solchen Veranstaltungen sind ja auch Ton- und Licht-Techniker, Caterer und viele andere beteiligt, die derzeit auf dem Trockenen sitzen.
Wie sieht es denn mit der Freien Szene aus?
Da ist es sicherlich gerade schwierig, aber je nach Sparte unterschiedlich. Manche können nach wie vor produzieren, im Atelier beispielsweise oder im Probenraum. Aber eben wenig zeigen, weil Ausstellungen oder Aufführungen nicht möglich sind. In der Kreativwirtschaft kann man es auch nicht pauschal beantworten: Galerien konnten wie der Einzelhandel teilweise ihr Geschäft aufrecht erhalten und Umsätze erzielen. Konzertveranstalter hingegen haben keine konkreten Perspektiven.
Vermissen Sie persönlich Kino und Theater?
Oh ja, sehr! Ich liebe Live-Erlebnisse und bin normalerweise bestimmt vier bis fünf Mal die Woche auf Ausstellungen, im Konzert, im Theater oder im Kino. Streaming ersetzt die Begegnung, die Atmosphäre, den Austausch nicht.
Was fehlt Ihnen sonst?
Dass wir zum Beispiel Matthias Lilienthal von den Kammerspielen oder auch langjährige Beschäftigte nicht anständig verabschieden konnten. Mir fehlen die Preisverleihungen. Und auch die Kultur vor Ort in den Stadtteilen, die ganz stark vom Mitmachen und der Eigeninitiative geprägt wird. Deshalb entwickeln wir Szenarien, was wir in den nächsten Monaten realistisch anbieten können, wie wir uns wieder gemeinsam zu Kulturerlebnissen zusammenfinden können und uns gleichzeitig sicher fühlen . Ich bin gespannt, wie sich die Nachfrage nach Kultur entwickeln wird. Wenn wir so lange auf Distanz bleiben müssen, macht das ja etwas mit uns, den Künstler*innen und den Besucher*innen. Wir sehnen uns nach Nähe und Kontakt – aber derzeit ist es zum Beispiel nicht vorstellbar, dicht an dicht Konzerte zu genießen. 
Wie sieht es mit der Stadtteilkultur aus?
Die Mohrvilla in Freimann, das Pelkovenschlössl in Moosach, um nur zwei zu nennen, haben sehr kreativ auf die Pandemieerfordernisse reagiert. Wo es möglich war, wurden in unseren rund 30 Stadtteilkulturzentren Veranstaltungen nach draußen verlegt oder das Publikum reduziert. Aber derzeit müssen die Häuser geschlossen bleiben.
Wie lange können Sie noch durchhalten?
Ach mei ! Die SZ hat mir eine solide oberbayerische Gemütspolsterung zugeschrieben. Wissenschaftlich formuliert schreibe ich mir einen hohen Resilienzwert zu. Wichtig ist mir, gelassen mit den Dingen umzugehen, die man nicht ändern kann und den Willen aufzubringen, die Dinge, die man ändern kann, anzugehen. Wenn Sie den Kulturbetrieb insgesamt meinen: da bin ich zuversichtlich. Denn das Grundbedürfnis des Menschen nach Kultur und Kunst verschwindet ja nicht. Und es ist wichtig, dass wir Ausblicke und Hoffnung geben können, dass nach all der Disziplin und Demut auch wieder etwas Freude und Inspiration erlebt werden darf!

Das Münchner Kulturreferat fördert unter anderem auch die Münchner Philharmoniker. Hallo verlost drei CDs der Münchner Philharmoniker, um die Kultur in Corona Zeiten zu Ihnen nach Hause zu bringen. Machen Sie mit beim Gewinnspiel!

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