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Aktenzeichen XY ungelöst: Wie Stefan Cohrs aus einer Waschanlage eine Pathologie macht

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Von: Marie-Julie Hlawica

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Stefan Cohrs verwandelt mit seinem Team im Handumdrehen eine Waschanlage in eine Pathologie oder einen Seminarraum in ein Polizeipräsidium.
Stefan Cohrs verwandelt mit seinem Team im Handumdrehen eine Waschanlage in eine Pathologie oder einen Seminarraum in ein Polizeipräsidium. © Marie-Julie Hlawica

Er sorgt für perfekte Kulissen auf Verbrecherjagd: Stefan Cohrs ist der Ausstatter bei „Aktenzeichen XY“ und hat mit Hallo über seinen Job und seine Herausforderungen gesprochen.

München - Seit 1967 wird im ZDF nach Straftätern von ungesühnten Verbrechen gesucht: „Aktenzeichen XY“ gehört zur deutschen Fernsehlandschaft wie kaum eine andere Sendung. Ausstatter Stefan Cohrs (58) ist dort seit bald 30 Jahren dafür verantwortlich, dass die Filmbeiträge, die bei der Tätersuche helfen, so detailgetreu wie möglich sind. Egal, ob es um ein Fluchtauto, Wohnsituationen, persönliche Gegenstände oder die Nachbildung einer Polizeidienststelle aus den 70er-Jahren geht. Was den unermüdlichen Motivsucher, der privat im Münchner Westen zuhause ist, täglich an seinem Job begeistert, warum ihn Hollywood nie gereizt hat und welche Szenenbilder ihn herausfordern...

Stefan Cohrs (58), Ausstatter von „Aktenzeichen XY“, von A bis Z

Aufklärungsquote der gezeigten Fälle ist 40 Prozent. Wenn durch einen Aktenzeichen-Film, an dem ich mitgewirkt habe, auch nur ein entscheidender Hinweis eingeht, freue ich mich.

Beruf: 1989 habe ich nach der Lehre zum Maschinenbauer bei einer Firma begonnen, die für die TV-Serien „Der Alte“ und „Derrick“ den Kulissen-Bau erstellte. 

Aus einem Seminarraum...
Aus einem Seminarraum... © privat

Chaos darf es am Set nicht geben. Wir haben ein begrenztes Budget – eine vierstellige Summe pro Film. Für einen achtminütigen Film brauchen wir gut vier Drehtage.

...wird eine Polizeistube.
...wird eine Polizeistube. © privat

Detektiv werde ich, wenn es ums Finden bestimmter Ausstattungs-Elemente geht. Momentan setze ich alles dran, um einen Transporter eines bestimmten Herstellers von 1965 zu bekommen, um ein Verbrechen von damals filmisch auszustatten.

Egal ist mir kein einziger Film. Wir helfen, ungelöste Verbrechen aufzuklären. Fotos vom Tatgeschehen und Polizeiakten helfen mir dabei. Nur Opferkontakt habe ich keinen.

Furchtbar finde ich Fälle, bei denen ältere, wehrlose Menschen oder Kinder misshandelt und getötet werden. 

Germering kann alles sein: Hamburg, Hannover oder Bielefeld. Wir drehen meistens im Münchner Westen und seinem Umland, da sieht es nicht „typisch bayerisch“ aus.

Hollywood hat mich nie gereizt. Ich bin Familienmensch. Der Vorteil, in München zu drehen ist: Ich kann nach Arbeitsende immer bei meiner Frau, meinen beiden Kindern und heute drei Enkeln sein!

Interesse an der Arbeit lässt bei mir auch nach fast 30 Jahren nicht nach. Ich arbeite gerne mit Menschen und bin neugierig. 

Jubiläum feiere ich kommenden März, wahrscheinlich an einem Drehtag: Dann bin ich seit 30 Jahren Ausstatter für Aktenzeichen XY.

Kreativität ist mein Job. Ich habe dazu ein Elefantenhirn, alle aktuellen Drehbücher im Kopf. Ist der Raum, in dem gefilmt wird, modern, wir drehen aber eine Szene aus den 70er-Jahren, verdecke ich etwa moderne Heizkörper mit einem Sideboard oder Gardinen.

Listen habe ich viele – und über die Jahre für Locations ein Netzwerk mit unzähligen Kontakten erstellt. 

Motive gibt es so viele wie Verbrechen. Die Film-Motive werden mit Regisseur, Beleuchtern und Ton vorab besprochen. So bauen wir aus einer gekachelten Waschanlage die Pathologie eines Krankenhauses, ein Hotel-Tagungsraum wird zum Gerichtssaal, eine Kantine zur Polizeistube.

Nachwuchs suchen auch wir. Früher wollten alle zum Fernsehen, heute reizt das nicht mehr so. 

Aus einer Waschhalle macht Stefan Cohrs...
Aus einer Waschhalle macht Stefan Cohrs... © privat

Ortsschilder, um die Filme räumlich anzusiedeln, stellt ein Dekorationsbauer aus Geltendorf her. Die Anzahl der Motive, die ich ausgestattet habe, lässt sich hochrechnen: Im Schnitt sind es fünf Filmbeiträge pro Sendung, pro Fall bis zu 15 Motive für die Kameras, das bei zwölf Sendungen im Jahr – also etwa 27000 Motive.

...eine Pathologie.
...eine Pathologie. © privat

Privat halte ich immer Ausschau nach Motiven und Deko, suche im Internet, auf Flohmärkten oder beim Einkauf mit meiner Frau. Etwa, wenn ich für eine Szene noch Thermobecher benötige.

Quereinsteiger: War ich einer und bin bis heute sehr dankbar dafür.

Requisite ist wichtig. Mein Fundus füllt etwa 150 Quadratmeter, ich greife auch auf die Requisiten der Bavaria Film zurück, wenn es um Möbelstücke geht. 

Szenenbild: Mein anspruchsvollstes war der legendäre Tunnelraub von 2013. Der Nachbau vom Bankeinbruch in Berlin, bei dem die Täter einen 45 Meter langen, 1,40 Meter hohen Tunnel gruben, um 309 Schließfächer zu knacken und zu leeren. Leider ist der Fall bis heute ungelöst.

Täterfahrzeuge werden mit unserem speziell gepixelten XY-Nummernschild ausgestattet. Für Szenen, die in den 60er- bis 80er-Jahren spielen, habe ich eine bayernweit Kontakte, die uns etwa Oldtimer zur Verfügung stellen.

Urlaub ist mein Ruhepol! Da bleibt das Job-Handy daheim, denn wer mich da anruft, kommt meist mit Problemen (lacht). 

Vergessen darf ich keine Requisite, sonst platzt der Dreh. Das geht vom Aktenordner bis zur Zahnbürste, je nach Szene. Soll etwa eine Vase zu Bruch gehen, habe ich zur Sicherheit vier Stück am Set, wenn die Szene wiederholt werden muss.

Wichtig ist mir, dass wir wirklichkeitsgetreu arbeiten. Wenn Familienangehörige eines Opfers zusehen, möchte ich, dass wir der Wahrheit ganz nah kommen.

X-mal benutzt habe ich ein silbernes und auch ein rotes Herzkissen. Wenn es um einen Mord im Prostituierten-Milieu geht und wir ein Zimmer im Bordell nachbilden mussten.

Yachthafen – egal ob auf Sylt oder Rügen – ist bei uns immer der Starnberger See. Der Lerchenauer See war auch schon mal die Alster.

Zimmermann, Eduard: Natürlich habe ich den Moderator und „Erfinder“ der Sendung noch kennengelernt. Ein von ihm signiertes Buch besitze ich noch heute.

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