Imam Ahmad Schekeb Popal im Gepräch mit Hallo München

Imam Ahmad Schekeb Popal: „Respekt ist eine Frage der Kultur – nicht der Religion“

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„Wenn man etwas gerne macht, dann geht das schon, dann hat man Kraft.“ – Imam Ahmad Schekeb Popal auf die Frage, wie er all seine Verpflichtungen unter einen Hut bekommt. 

Er ist gebürtiger Münchner, Student und Imam: Seine Aufgabe ist nicht immer einfach. Ahmad Schekeb Popal spricht im Hallo-Interview über Islamismus, Respekt, das Kopftuch und die politische Situation

2017 wurde die letzte große Moschee in der Innenstadt geschlossen – aus Brandschutzgründen. Damals entstanden die „Gebetsbeduinen“. Ihr Imam ist Ahmad Schekeb Popal. Anlässlich des Tags der Offenen Moschee hat Hallo ihn getroffen. Der 27-jährige, gebürtige Münchner lebt in Neuperlach, macht derzeit ein Fernstudium zum Betriebswirt, arbeitet bei einem islamischen Bestattungsunternehmen und im Einzelhandel. Nach der Mittleren Reife bekam Popal ein Stipendium, durch das er zunächst drei Jahre in Südafrika und dann noch ein weiteres Jahr in Ägypten islamische Theologie studieren konnte. Heute hält er jede Woche im Hansahaus in der Brienner Straße vor rund 50 Muslimen das Freitagsgebet – vergleichbar mit der Sonntagsmesse für Christen. von Daniela Borsutzky

Herr Popal, wir von Hallo haben in der Vergangenheit mehrmals versucht mit einem Imam zu sprechen, aber auf unsere Anfragen hat nie jemand reagiert. Wollen Sie lieber unter sich bleiben?
Ich kann nicht für die anderen Gemeinden sprechen aber ich glaube, dass es Hemmungen gibt. In vielen Vorständen sitzen - kulturunabhängig - alte Menschen, die eher zurückhaltend sind. Und die wenigen proaktiven, wie beispielsweise der Muslimrat oder Zentralrat der Muslime, sind sehr beschäftigt. Es könnte ruhig mehr von der Sorte geben.

Sie predigen freitags im Hansahaus, dessen Träger ein katholischer Sozialverband ist. Wie kam es dazu?
Gott hat geholfen. Er hat Marian Offman, den jüdischen Stadtrat, geschickt. Wir haben gedacht, die Sonne geht auf. Er hat uns sehr geholfen, und uns bestärkt. So konnten wir "Gebetsbeduinen" unter anderem im Deutschen Theater, Sternenstaub, Evangelische Stadtakademie und in den Kammerspielen und mittlerweile regelmäßig seit über einem halben Jahr im Hansahaus unser Freitagsgebet verrichten.

Ihr Handy vibriert andauernd. Bekommen Sie viele Anfragen?
Wenn mich jemand um Hilfe bittet, bekommt er die auch. Da zögere ich bei niemandem auch nur eine Sekunde. Das muss ich, denn sonst gehen sie zu den Salafisten. Der IS hat einmal gesagt "Wir haben eine Schlacht verloren, aber eine Generation gewonnen." Das müssen wir sehr ernst nehmen.

Inwiefern hatten Sie schon mit Extremismus zun tun?
Ich kenne Leute, die nach Syrien in den Krieg gereist sind, bei einigen anderen war die Polizei zum Glück schneller. Sie brachen den Kontakt zu mir ab, ich war ihnen nicht mehr gut genug. Das Internet spielt dabei eine große Rolle. Von den Salafisten bin ich für vogelfrei erklärt worden, die wollen nix mit mir zu tun haben. Dabei könnte ich sie in Grund und Boden reden. Als ich einmal eine Demo am Stachus gegen den IS organisiert habe, stand ich circa zwei Wochen unter Polizeischutz. Die Polizei hat Chatverläufe gelesen und gesehen, dass ich Morddrohungen erhalten habe.

Wir müssen Transparenz zeigen

Wie ging das weiter?
Tja, ich schätze die Typen sind im Knast, die Polizei hat sofort reagiert.

Sie sind ja augenscheinlich jetzt schon sehr beschäftigt. Sie arbeiten, studieren und sind Seelsorger. Meinen Sie, dass Sie das auf Dauer durchhalten?
Wenn ich mal heiraten werde, habe ich zeitlich mit Sicherheit ein Problem. Ich kann nicht erwarten, dass mir jemand ihr Herz und ihre Aufmerksamkeit schenkt, wenn ich keine Zeit gebe. Das ist übrigens auch der Hauptgrund für Scheidungen - wir nehmen uns zu wenig Zeit füreinander. Aber sonst - wenn man etwas gerne macht, dann geht das schon, dann hat man Kraft.

Wollen Sie irgendwann einmal heiraten?
Ja, das würde ich gerne. Ich glaube schon, dass ein Lebenspartner einen glücklich macht, dass Liebe erfüllend ist.

Aber Sie haben keine Freundin?
Nein, religiös gesehen ginge das gar nicht. Ich habe natürlich schon normale Freundinnen, Arbeitskolleginnen und so. Aber die Liebe auf den ersten Blick habe ich noch nicht erlebt.

Müsste Ihre Zukünftige eine Muslima sein?
Aus dem Glauben heraus ja. Der Glaube umfasst so viel in meinem Alltag, das würde sonst gar nicht klappen. Wenn man mit jemandem lebt, muss man ähnlich ticken.

Kommen zu Ihrem Freitagsgebet auch Frauen?
Aber natürlich, ich bestehe darauf.

Darf ich auch kommen?
Jeder darf kommen. Wir müssen Transparenz zeigen. Außerdem predige ich auf deutsch und zu Alltagsthemen.

Also alle stehen beisammen?
Nicht ganz. Frauen und Männer stehen getrennt voneinander, damit sie sich nicht ablenken, aber es sind alle unter einem Dach.

Tragen Sie eigentlich immer eine Mütze?
Meistens, aber das ist nur eine Gewohnheitssache, ich mag meine Mützen. Im Koran heißt es nur, dass das Gebet mehr Segen hat, wenn man eine Mütze trägt.

Die Verbundenheit zu Gott ist viel wichtiger als ein Tuch auf dem Kopf

Und der Bart?
Bart und Mütze sind Tradition, aber kein Muss. Ein Muss ist beispielsweise das Gebet fünf mal am Tag.

Sie haben mir zur Begrüßung die Hand gegeben, sehen mir in die Augen, wenn Sie mit mir sprechen. Nicht jeder Muslim handhabt das so…
So ein Umgang miteinander ist eine Frage des Respekts. Man muss sich zu benehmen wissen. Wenn Leute sowas zu einem Problem machen, dann ist das meist eher eine kulturelle als eine religiöse Sache.

Haben Sie immer einen Gebetsteppich dabei?
Nein. Dadurch, dass das Gebet nur innerhalb einer bestimmten Zeitspanne und nicht zu einem genauen Zeitpunkt erfolgen muss, kann ich das ganz gut einrichten und muss nicht immer einen Teppich dabei haben. Zur Not kann ich mir auch einfach mal eine Zeitung unter den Kopf legen. Viel wichtiger ist das Waschen vor dem Gebet.

Und wie ist das nun mit dem Kopftuch?
Also die große Mehrheit der Gelehrten sagt, es ist Pflicht. Das bedeutet aber nicht, dass ich eine Frau dazu zwingen muss. Meine Mutter, meine Schwester, sie tragen auch kein Kopftuch. Für meine Zukünftige würde ich mir wünschen, dass sie praktizierend ist. Viel wichtiger ist mir aber, dass sie fünf mal am Tag betet - denn die Verbundenheit zu Gott ist viel wichtiger als ein Tuch auf dem Kopf.

Wie wird das Tragen eines Kopftuchs denn im Koran begründet?
Es heißt, dass die Frau ihre Schönheit, die einen Reiz ausstrahlt, bedecken soll. Die Interpretation dessen sieht unterschiedlich aus, denken Sie nur mal an die kunstvollen bunten Tücher der Afrikanerinnen.
Der Koran wurde ja in einem Zeitraum von 23 Jahren offenbart. Für jeden Vers gab es einen Anlass, eine Geschichte. Zu dieser Zeit wurden Frauen oft angegriffen, es gab Übergriffe – und der Islam hat diese Realität erkannt.

Ist das Kopftuch noch zeitgemäß?
Ich sage nur MeToo. Auch heute noch passieren Frauen Dinge, die einfach nicht sein dürfen. Daher gilt es partriachale Strukturen abzuschaffen. Frauen sind sowieso viel schlauer als wir Männer, das ist längst bewiesen.

Man weiß in ganz Deutschland auf beiden Seiten zu wenig übereinander

Aber sollte man das Problem nicht an der Wurzel bekämpfen anstatt ihm aus dem Weg zu gehen, indem man ein Kopftuch aufsetzt?
Auf jeden Fall. Das Kopftuch ist ein Weg – und manchmal der effektivere. Hier in München können wir sagen, wir machen eine Demo, kein Problem – aber das geht nicht überall.

Wie stehen Sie zur Vollverschleierung?
Ich habe das Gefühl, dass es eine Provokation ist. Sich zu bedecken, bedeutet nicht, dass man sich einer Gefahr aussetzen muss, dass man anderen Leuten Angst machen soll. Ich sehe die Vollverschleierung problematisch.

Man hört immer wieder, die Scharia sei mit dem Grundgesetz nicht vereinbar. Was ist die Scharia genau?
Die Scharia ist die Quelle des Lebens beziehungsweise des Wassers. Sie erklärt, was wir tun müssen, um zu (über-)leben. Sie erklärt, wie man aufstehen soll, wie man sich in der Arbeit benehmen soll, ob man ein Glas Wasser trinken muss, wie man in einer Trauerphase mit sich selbst klar kommt. Die Scharia ist ein schwammiger Begriff, weil Scharia alles ist. Dass ich das Grundgesetz achte ist Scharia.

„Man muss sich zu benehmen wissen.“ – Imam Ahmad Schekeb Popal auf die Frage nach dem friedlichen und respektvollen Umgang miteinander.

Wissen die Münchner genug über den Islam oder müssen sie sich fortbilden?
Man weiß in ganz Deutschland auf beiden Seiten zu wenig übereinander. Man bräuchte mehr Kontakt zu den Schulen, eine öffentliche Debatte über die Imam-Ausbildung und das Vertrauen der Muslime in die Deutschen und deren Mitarbeit bei der Imam-Ausbildung.

Feiern Sie Weihnachten?
Ich wurde von einem Pfarrer zu Weihnachten nach Wolfratshausen eingeladen, dafür war er zu Bayram bei mir. Ich mag zu Weihnachten Lebkuchen, es laufen die besten Filme – und wenn München so schön glänzt, wem gefällt das nicht?

Wie hat sich die Situation seit 2015, seit der Flüchtlingskrise, für Sie geändert?
Ich persönlich habe nicht mehr Ablehnung erfahren und habe auch nicht das Gefühl, dass die Leute kritischer geworden sind. Aber vielleicht habe ich bisher auch einfach nur Glück gehabt.

Ihre Meinung über Horst Seehofer?
Ein schwieriger Mann, der nicht sensibel mit Sprache umgeht. Man merkt, dass er sich noch retten will. Ich bin für mehr Merkel und weniger Seehofer.

Warum mehr Merkel?
Sie ist eine großartige Staatsfrau. In großen Angelegenheiten wie die Ukraine-Krise, Griechenlandkrise sowie die Flüchtlingskrise. Respekt muss man sich verdienen. Den hat sie auf jeden Fall verdient.

Diese Doppelmoral muss aufhören

Hat man Ihnen schon mal geraten selbst in die Politik zu gehen?
Ja schon oft. Ich hätte schon den Mut, möchte aber der AfD nicht in die Finger spielen. Als Imam kann ich mehr Widerstand leisten.

Was machen Sie in ihrer Freizeit?
Ich lese sehr, sehr viel, mehrere Stunden am Tag. Politik, Geschichte, Philosophie - nichts ist spannender. Kein Krimi kann mich so packen wie das. Ansonsten bin ich technikinteressiert, spiele Schach und auch mal Fußball.

Von wem sind Sie Fan?
Özil! Und das sage ich jetzt aus Trotz. Wenn alle auf einen losgehen, dann bin ich mit dem. Und wenn es schon um Politik geht: statt auf einem Sportler rumzuhacken, sollten wir lieber unsere Politiker zur Verantwortung ziehen. Seit Jahrzehnten macht unsere Regierung Geschäfte mit Diktatoren und Autokraten, Gerhard Schröder und Putin sind beste Freunde. Diese Doppelmoral muss aufhören.

Welche persönlichen Pläne haben Sie für die Zukunft?
Ich würde gerne noch meinen Doktor in Islamologie machen und strebe einen festen Job in der Wirtschaftsinformatik an. Als Imam verdiene ich kein Geld und das ist auch gut so. Ich möchte nicht abhängig von einer Gemeinde sein - denn wer zahlt, der bestimmt. Früher, in der Zeit vor Napoleon waren Imame nicht nur Imame. Diese Tradition möchte ich lebendig erhalten.

Der Islam als Gefahr?

Bestimmte Gemeinden sind im Visier des Verfassungsschutzes – Hallo hat mit der islamischen Theologin Hamideh Mohagheghi gesprochen. von Sabina Kläsener

Islam-Skepsis – in Deutschland durchaus verbreitet, sagt die islamische Theologin Hamideh Mohagheghi. Jetzt schlägt der Verfassungsschutz Alarm. „Wir haben festgestellt, dass einzelne Ditib-Moscheegemeinden verfassungsfeindliche nationalistisch-religiöse Aktivitäten entwickelten und entsprechende Äußerungen tätigten“, heißt es aus dem Bundesamt. Die „Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion“ (DITIB) ist der bundesweit größte Dachverband für die Koordination der religiösen und kulturellen Tätigkeiten der türkischen Moscheegemeinden in Deutschland. 

Hamideh Mohagheghi unterrichtet islamische Theologie an der Universität Paderborn.

Zu diesen konkreten Vorwürfen kann sich Mohagheghi nicht äußern. Allerdings räumt die Bundesverdienstkreuzträgerin, die Islamische Theologie an der Uni Paderborn unterrichtet, ein: „Es gibt Gemeinden, bei denen man den Eindruck bekommt, sie sind hier noch nicht angekommen. Wenn man in einem anderen Land lebt, muss man sich an die dortigen Gesetze anpassen.“ Gleichzeitig warnt sie davor, islamische Gemeinden unter einen Generalverdacht zu stellen. „Eine Beobachtung finde ich nur richtig, wenn sie begründet ist.“

Denn Muslime sind oft mit Vorurteilen und falschen Vorstellungen konfrontiert. „Den Begriff Scharia beziehen viele nur auf die Verbote und strengen Strafen für moralische Vergehen, doch eigentlich steht er für die religiöse Lebensweise an sich.“ Diese Grundsätze seien wandelbar, jeder Imam befasse sich damit und entwickle eine eigene Sichtweise. „Diese zu befolgen, ist kein Punktesystem, um für das Leben nach dem Tod zu sammeln.“

Mohagheghi ist gegen gesetzliche Regelungen wie ein Verbot des Kopftuchs. Entscheidend sei, ob eine Frau freiwillig Kopftuch trage. „Man darf die Gläubigkeit einer Frau nicht an einem Stück Stoff festmachen.“ Trotzdem sollte auch die Entscheidung für ein Kopftuch respektiert werden.

Tag der Offenen Moschee in München

In vielen Moscheen, unter anderem auch in der Haci Bayram Moschee in Pasing, wird am Mittwoch, 3. Oktober, der Tag der Offenen Moschee gefeiert.

Rund 50 Moscheen gibt es in der Stadt, die Zahl der muslimischen Gläubigen kann laut statistischem Amt nicht eindeutig ermittelt werden, liegt aber bei deutlich über 100 000. Am Mittwoch, 3. Oktober, findet der Tag der offenen Moschee (www.­tagderoffenenmoschee.de) statt. In diesen Münchner Moscheen können Interessierte an Führungen teilnehmen und die Religion kennenlernen:

  • Islamisches Zentrum München, Wallnerstraße 1–5: Geöffnet ist von 11 bis 18 Uhr, Gebete um 13 und 16 Uhr, um 14 Uhr Vortrag mit Diskussion. Außerdem erwartet Besucher ein vielfältiges kulinarisches Angebot.
  • Haci Bayram Moschee, Planegger Straße 18a: Von 10 bis 18 Uhr findet in der Pasinger Moschee ein „Kermes“, ein Wohltätigkeitsbasar, mit Spezialitäten der türkischen Küche statt.
  • Münchner Integrations- und Bildungsverein e.V, Martin-Luther-Straße 20: Geöffnet ist von etwa 11 Uhr bis zum Nachmittag.
  • Verein für Integration und Bildungsförderung in München e.V., Hasenbergl, Schleißheimer Straße 437: Von circa 11 bis 16 Uhr können Interessierte die Moschee besuchen.
  • Eyup Sultan Moschee, Ampfingstraße 48: 11 bis 18 Uhr, Moscheeführung um 11.30, 12.30 (mit Mittagsgebet) und 14 Uhr.
  • Gemeindezentrum Merkez, Schanzenbachstraße 1, Öffnungszeiten sind von 12 bis 16 Uhr.
  • Mehmet Akif, Moosacher Straße 22, von 12 bis 16 Uhr.

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