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Der Herr über die S-Bahn-Baustelle: Gesamtprojektleiter der Stammstrecke Markus Kretschmer von A bis Z

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Gesamtprojektleiter Markus Kretschmer hat mit Hallo über die zweite Stammstrecke gesprochen.
Gesamtprojektleiter Markus Kretschmer hat mit Hallo über die zweite Stammstrecke gesprochen. © Schlaf

Schon Ende 2026 soll Münchens zweite Stammstrecke in Betrieb gehen. Wir haben über das wohl größte Münchner Bauprojekt mit Gesamtprojektleiter Markus Kretschmer gesprochen - von A bis Z

Bäume werden gefällt, das Baufeld freigemacht, die Baustraße vorbereitet – im Bereich des S-Bahnhofs Laim starten aktuell die Arbeiten zum Bau der zweiten S-Bahn-Stammstrecke im Münchner Westen. Und auch am Marienhof (Foto) wird fleißig gebuddelt. Ende 2026 soll die elf Kilometer lange Strecke in Betrieb gehen. „Der Zeitplan ist sehr eng. Es gibt kaum Puffer“, sagt Gesamtprojektleiter Markus Kretschmer (51). Für den Bau- und Wirtschaftsingenieur aus dem Münchner Osten eine große Verantwortung, doch er ist zuversichtlich: „Ich bin weniger mit Herzklopfen als mit viel Herzblut bei der Sache“, betont er. „Es ist für mich der absolute Höhepunkt, in meiner Heimatstadt mit das größte Infrastrukturprojekt leiten zu können.“ Erfahrungen als Projektleiter sammelte Kretschmer unter anderem von 2002 bis 2008 bei der Planung des Transrapid in München und von 2012 bis 2015 beim Bau der Metro in Doha, der Hauptstadt von Qatar am Persischen Golf. Doch der Bau der zweiten Stammstrecke ist die größte Herausforderung seiner Karriere. In Hallo verrät er, wie er mit Protest umgeht, seine Nerven schont und was auf die Münchner zukommt. Ursula Löschau

Anwohner sind für mich enorm wichtige Ansprechpartner. Ein eigens eingerichtetes Kommunikationsteam und ein Bürgerbeauftragter kümmern sich darum, dass diese immer gut informiert sind.

Bypass: Den gibt’s nicht nur bei Herz-OPs, sondern auch bei der Infrastruktur. Mit der zweiten Stammstrecke schaffen wir das. Wenn eine der Strecken dicht ist, gibt es künftig einen zweiten Weg.

Chaos: Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Wo gebaut wird, gibt’s natürlich auch Lärm und Dreck. Wir bemühen uns deshalb, sämtliche Bautätigkeiten so zu koordinieren, um gemeinsam – so gut es nur irgendwie geht – durch die Bauzeit zu kommen.

Denkmal: Es ist für mich als geborener Münchner natürlich eine große Ehre, dass ich dieses Projekt in meiner Heimatstadt umsetzen darf. Aber eine Art Denkmal für mich? Nein.

Eidechsen leben besonders gerne im Gleisumfeld. Damit ihnen nichts passiert, haben wir sie umgesiedelt und zum Beispiel mit Sandlinsen neue Zuhause geschaffen. Zu ihrem Schutz wurde außerdem ein rund vier Kilometer langer Reptilienschutzzaun errichtet.

Finanzierung: Der Freistaat Bayern und der Bund teilen sich den größten Teil der Kosten in Höhe von insgesamt 3,8 Milliarden Euro inklusive Risikopuffer. Auch die Stadt München finanziert mit – sowie die DB mit Eigenmitteln.

Gewohnheiten: Als DB-Mitarbeiter bin ich ein gewohnheitsmäßiger Bahnfahrer, auf Dienstreisen oder in der Stadt mit S- und U-Bahn.

Haltestellen: Weniger Haltestellen heißt schneller vorankommen. Deshalb gibt es zwischen Laim und Leuchtenbergring nur drei Stationen auf der zweiten Stammstrecke: Hauptbahnhof, Marienhof und Ostbahnhof.

Information: Überall! On- und offline, vor Ort und im Infozentrum am Marienhof: In unserer multimedialen Ausstellung kann man die zweite Stammstrecke digital erleben und mit Virtual Reality schon heute die Stationen der Zukunft erkunden.

Japanische Schnurbäume standen am Marienhof und mussten im Vorfeld der Baumaßnahmen in eine Baumschule verpflanzt werden. Nach Fertigstellung der Maßnahme wird der Platz wiederhergestellt zu einer mit Bäumen gesäumten Grünfläche.

Kapazität: In Spitzenzeiten werden fast doppelt so viele Züge auf der S-Bahn-Strecke fahren können wie heute. Im Durchschnitt werden es statt derzeit rund 950 Zugfahrten pro Tag künftig etwa 1250 sein.

Laim: Hier bauen wir unter rollendem Rad. Das ist sehr anspruchsvoll, denn der normale Betrieb geht weiter. Nach Fertigstellung der Station 2024 wird man barrierefrei und bahnsteiggleich zwischen jetziger und neuer Stammstrecke umsteigen können.

München: Die zweite Stammstrecke ist ein Jahrhundert-Bauwerk für München. Es ist hier die größte Bahn-Baustelle der letzten und der nächsten 50 Jahre.

Nerven: Die werden ab und an ganz schön strapaziert. Zum Entspannen zieht es mich im Winter in die Berge zum Skifahren. Im Sommer liebe ich es, mit meiner Frau und unserem Hund mit dem Radl in den Englischen Garten zu fahren. Dann Biergarten. Herrlich.

Oberirdisch West: So nennen wir den drei Kilometer langen Abschnitt zwischen Laim und der Donnersberger Brücke, auf dem die zweite Stammstrecke oberirdisch verläuft.

Protest: Sorgen und Ängste der Bürger und Anwohner nehmen wir sehr ernst. Protest um des Protestes willen? Den gibt es in München Gott sei Dank kaum.

Qatar: Staub, Sand, Hitze und 21 Tunnelbohrmaschinen gleichzeitig – 111 Tunnelkilometer in 26 Monaten – das bescherte Qatar einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde. Das war eine spannende Zeit, aber nach drei Jahren hat es mich dann doch wieder nach Hause an die Isar gezogen.

Rente: Das ein oder andere graue Haar mehr werde ich bis zur Fertigstellung des Projekts sicher haben. Bis zur Rente ist aber noch Zeit – dafür macht mir meine Arbeit zu viel Spaß.

Sicherheit schreiben wir ganz groß. Auch für die Kleinsten: Gerade organisieren wir zusammen mit der Polizei Verkehrssicherheitstrainings für die Kinder im Umfeld unserer Baustelle im Bereich „Oberirdisch West“.

Transrapid: In zehn Minuten zum Flughafen – davon würde heute sicher der ein oder andere träumen. Aber auch mit der zweiten Stammstrecke wird es deutliche Verbesserungen bei der Flughafenanbindung geben.

Umweltschutz: Mit der prognostizierten Zahl von Wechslern vom Auto auf die S-Bahn werden rund 300 Millionen Pkw-Kilometer jährlich und ein Ausstoß von 64 000 Tonnen Kohlendioxid eingespart.

Vorteile: Mit der zweiten Stammstrecke gibt es mehr Kapazitäten im Netz, einen Bypass im Störungsfall, ein Express-S-Bahn-Netz und die Möglichkeit für Regional-S-Bahnen.

Weßling: Der Bau eines Abstell- und Wendegleises in Weßling ist eine von sieben Maßnahmen in den Außenästen der S-Bahn, die Verbesserungen für das S-Bahn-System bringen.

X-mal: Damit wir im Kostenrahmen bleiben, optimieren wir den Bauablauf in Zusammenarbeit mit den ausführenden Firmen. Zudem ist auch ein Risikopuffer von 600 Millionen Euro eingeplant.

YouTube-Star-Status haben wir noch nicht, aber unter www.2.stammstrecke-­muenchen.de stets die aktuellsten Infos.

Zeitplan: Am Marienhof geht’s ab Ende dieses Jahres in die Tiefe. Am Hauptbahnhof und in Laim laufen die Vorabmaßnahmen. Wir liegen gut im Zeitplan.

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