A bis Z mit Trauer-Tänzerin Helga Seewann

Helga Seewann: Sie tanzt die Trauer weg

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Helga Seewann - Die Trauer-Tänzerin spricht mit Hallo über Beistand, Improvisation und die Trauer.

Schwabingerin bietet eine ganz besondere Form des Gedenkens

Zwischen Allerheiligen und dem Volkstrauertrag ist das Thema Tod bei den meisten Münchnern präsenter als sonst. Helga Seewann begleitet der Tod schon ihr Leben lang: Ihre Mutter litt an chronischem Asthma. Sie starb daran, als Seewann 30 Jahre alt war. „In meiner Trauer hätte ich mehr Hilfe, Unterstützung gebraucht. Diese Beerdigung war so, wie ich sie niemandem wünsche“, sagt die Schwabingerin heute. „Man darf Trauernde nicht so stehen lassen.“ Kurz drauf kam Seewann nach Italien, tanzte dort zum Abschied ihrer Mutter für sich in einer Kapelle. Da war ihr klar: Ein Tanz kann Hinterbliebenen helfen, in der schweren Zeit los zu lassen. Heute ist sie Trauer-Tänzerin. Ob auf Beerdigungen, Aussegnungsfeiern, bei Gedenktagen – Helga Seewann tanzt. Nach einem Vorgespräch sucht sie Musik und Kostüm aus und erarbeitet sich eine Choreografie. Nur zu viel kann sie nicht auf Beerdigungen tanzen: „Es kostet mich viel Zeit und Kraft. Viermal ihm Jahr kann ich auf Trauerfeiern tanzen. Mehr schaffe ich nicht.“ Wie die Form des Gedenkens bei den Trauergästen ankommt, was die Kirche davon hält, lesen Sie hier im A bis Z.                   Marie-Julie Hlawica

Trauer-Tänzerin Helga Seewann (61) von A bis Z

Anfang beim Tanz? Immer der erste Schritt! Der muss passen, wie überall. Der Rest ist Choreografie und Improvisation.

Begleitung und Beistand: Das ist meine Aufgabe für die Trauernden und den Verstorbenen. Ich sehe mich nicht als Dienstleisterin. Es ist mehr: es ist Gefühl, Gespür, Energie.

Christen und Konfessionslose – ich tanze für alle. Pfarrer sind oft etwas nervös, aus Sorge, der Tanz es könnte ein heidnischer Brauch sein. Aber die Skepsis wich in den letzten zehn Jahren, die Kirche öffnet sich.

Dauer eines Tanzes: etwa 10 bis 15 Minuten. Es soll nicht der Mittelpunkt der Zeremonie sein.

Empfehlung ist, warum ich gefragt werde. Der Trauertanz spricht sich herum, es werden mehr Anfragen. So habe ich etwa zur Gedenkfeier von Kurt Huber getanzt oder für verwaiste Eltern.

Farbe gibt es in meinen Kostümen und Kleidern kaum. Ich tanze in schwarz, trage gerne klare grafische Oberteile, aber schwingende Röcke, die gerne in mehreren Lagen.

Geld kostet es, aber darüber möchte ich nicht reden. Aber über Gemüse! Bei einer sehr schönen Trauerfeier gab es Gemüsepflanzen in Töpfen als Dekoration, die sich jeder mitnehmen konnte und in seinen Garten setzen – so wie es die Verstorbene gemocht hätte.

Haut: Dicke Haut brauche ich schon für den Trauertanz. Schön soll die Trauerfeier ja sein. Bei aller Trauer ist es auch irgendwie, wie wenn man man einen Geburtstag ausstattet!

Improvisation ist ein Teil meines Tanzes. Aber vor dem Auftritt habe ich die Musikelemente, das Kostüm, vieles über den Toten und dessen Familie erfahren. Ich tanze den Tanz oft durch, bevor ich auftrete. Dann bin ich allerdings sehr introvertiert – im Tanz.

Jung habe ich mich für meinen Beruf entschieden. Ich habe die musische Realschule in der Damenstiftstraße besucht, danach die Ausbildung zur Gymnastiklehrerin gemacht, den Tanzstil von Mary Wigman von einer von mir verehrten Ballettlehrerin erlernt.

Kälte macht mir zu schaffen. Weder Kirchen noch Aussegnungshallen sind gut im Herbst, Winter und Frühling gewärmt. Ich tanze ohne Schuhe, in Socken, japanischen Füßlingen. Das ist schon kalt.

Lebenszeit ist individuell. Nicht immer ist die Länge entscheidend.

Muskeln müssen aufgewärmt sein, wie bei jedem Tänzer. Das heißt ich brauche vor dem Tanz eine Vorbereitung, damit ich aufgewärmt und gedehnt bin und tanzen kann.

Neugierig bin ich. Ich gehe mit wachen, offenen Augen durch die Welt.

"Ein offener Umgang mit dem Thema Tod ist mir wichtig."

Offener Umgang mit dem Thema Tod ist mir wichtig. Ich gehe auch in die Wohnungen der Verstorbenen, brauche Information.

Platz ist knapp beim Trauertanz, denn die Räume in Kirche oder Trauerinstitut sind ja keine Tanzstudios. Das heißt, ich habe manchmal nur vier Quadratmeter Platz. Eine Herausforderung.

Qual ist es für mich, früh aufzustehen. Als Grundschülerin in der Haidhauser Flurschule habe ich mir auf dem Sportplatz geschworen: Ich will arbeiten, aber nicht zu früh aufstehen!

Richtig: Eine Trauerfeier ist zu wenig, um würdig Abschied zu nehmen. Doppelt so lang würde es allen gut tun. Nur sind die Bestattungstermine getaktet und gestaffelt.

Sterben ist irgendwie mein Thema. Ich bin tatsächlich früh geprägt, durch die Krankheit und das Sterben meiner Mutter. Ich hätte mir gewünscht, dass mir jemand dabei Struktur gegeben hätte, wie ich es heute anderen geben kann.

Trauern darf jeder, wie er will. Neben mir darf man trauern. Wenn jemand weint, schaue ich nicht weg. Für mich gehört der Tod zum Leben dazu.

Unterricht für meine Tanzschüler gebe ich auch. Da rede ich sehr viel. Bei den Trauernden aber höre ich zu, tanze den Trauertanz ohne Worte und Erklärungen.

Vorbereitung auf einen Tanz kostet mich Zeit und Kraft. Ich überlege genau, welche Musik, welche Röcke, welches Oberteil genau zu diesem einzelnen Ereignis passen.

Wichtig ist ein Tanz nicht immer. Aber wo er nötig ist, da gehört er hin. Dabei geht es nie um mich. Ich stehe nicht im Fokus.

X-mal habe ich getanzt. Ich habe nicht gezählt. Aber sicher ist: Jeder Tanz ist einzigartig und auch für mich etwas einmaliges, besonderes.

Y: Diese Form haben meine Arme im Tanz oft. Es ist eine offene, loslassende Bewegung.

Zwischen den Zeilen höre und verstehe ich sehr gut. So spüre ich für meine Arbeit Worte, Wünsche und Bitten, die manche in der Trauer nicht finden können.

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