Hallo-München-Interview

Harald Lesch erklärt: „Wahnsinn, was auf uns einprügelt“

In seinem neuen Buch beschäftigt sich der Physiker und Philosoph Harald Lesch mit der Zeit.
+
In seinem neuen Buch beschäftigt sich der Physiker und Philosoph Harald Lesch mit der Zeit.
  • Claudia Theurer
    vonClaudia Theurer
    schließen

In dem Buch „Alles eine Frage der Zeit“ erklärt der Münchner Physiker und Philosoph, warum die messbare Zeit dank Mathematik, Physik und Technik zur Ware geworden ist.

Woher wir Menschen die Arroganz nehmen, immer mehr in die Kreisläufe der Natur einzugreifen und warum wir bescheidener werden müssten, erklärt er im Hallo Interview.

Harald Lesch im Interview: „Wenn alles unkontrollierbar wird, macht das etwas mit uns.“

Herr Lesch, sagen Sie, ticken wir Menschen noch richtig?

Es gibt zu viele, die zu schnell ticken und zu viel wollen. Gerade im Hinblick auf die Wirtschaft, in der ein Produkt das andere überholt. Es sind keine Ruheinseln mehr da. Es ist der Wahnsinn, was auf uns einprügelt. Wenn alles unkontrollierbar wird, macht das etwas mit uns. Wir können Krisen nur meistern, wenn wir gelassener werden. „Gut Ding will Weile haben“ ist ein Spruch, in dem mehr steckt, als man denkt.

In Ihrem Buch steht: „Mit der Erfindung der Uhr hat sich unser Zeitdenken gewandelt.“ Wie hat man sich früher an der Zeit orientiert?

An der Naturzeit. Die Tage waren länger, da hat man länger gearbeitet. Im Sommer war Erntezeit, im Winter hat man den Ball flacher gehalten. Mit der Technik ist alles anders geworden. Die Motorisierung hat alles schneller gemacht. Durch die Technologie wurden die Wege kürzer. Ich zum Beispiel bin das erste Mal mit 26 Jahren in einem Flugzeug gesessen. Heute haben 16-Jährige schon Weltreisen hinter sich.

„Zeit heilt Wunden“ heißt ein Spruch. Aber wie geht das bei ökologischen Problemen wie dem Klimawandel?

Wir können, was wir über 200 Jahre verletzt haben, nur unter gewissen Bedingungen wieder richten. Wir müssen das vor allen Dingen für die nächsten Generationen tun, die hoffentlich nicht die gleichen Fehler machen wir. Erneuerbare Energien sind ein guter Anfang. Das müssen wir vorbereiten und etwas hinterlassen, womit sie weitermachen können.

„Wir müssen mehr für die ökologische Landwirtschaft tun“, erklärt Harald Lesch im Interview.

Acht Millionen Tier- und Pflanzenarten gibt es weltweit. Eine Million ist vom Aussterben bedroht. Die Zeit läuft davon. Was können wir dagegen tun?

Gute Frage. Wir können nicht so weitermachen wie bisher. Wir müssen mehr für die ökologische Landwirtschaft tun. Wir müssen auf die Verwendung von Pestiziden verzichten können. Erst dann kommt wieder Artenvielfalt nach Europa.

Wie sieht es außerhalb Europas aus, Beispiel Brasilien?

Wir können anderen Ländern nichts vorschreiben. Einen Herrn Bolsonaro können wir nicht ändern. Diese Kröte müssen wir leider schlucken. Wir können nur versuchen, auf die anderen positiv einzuwirken.

Wir sind alle durch Smartphone und Internet durchgetaktet. Ist da ein Leben im Einklang mit der Natur noch möglich?

Deutschland hat eine kulturell geformte Natur. Wir sind in der glücklichen Lage, hier, in und um München, genügend Natur zu haben. Das Wort Einklang klingt mir zu romantisch, weil unser Wald gefährdet ist und wir wieder mehr Moore anlegen müssten... 2010 war es noch nicht so warm wie heute. Wie würde denn ein Leben im Einklang mit der Natur aussehen, wo immer mehr Eisflächen verschwinden? Diese Kipppunkte müssen wir verhindern. Die Klimaanpassung wird eine wichtige Rolle spielen.

Harald Lesch im Interview: „Es sollte ein Impf-Drive-In geben.“

Die Natur wird durch den Menschen unterworfen. Woher nehmen wir diese Arroganz?

Weil wir es können. Seit dem 18. Jahrhundert gibt es Uhren, seitdem gibt es auch eine Taktung durch Maschinen. Die Menschen sind nicht dazu gedacht, in die Kreisläufe der Natur einzugreifen. Etwas Bescheidenheit stünde uns gut an.

Die Menschen behaupten ja, die Zeit im Griff zu haben. Ist das richtig?

Keinesfalls. Sie hat uns im Griff. Der Gesunde hat 1000 Wünsche. Der Kranke nur einen.

Wie kommen Sie durch die Pandemie?

Ich lebe nicht in Existenz­angst, bin privilegiert. Trotzdem wäre ich froh, mit Astrazeneca geimpft werden zu können. Ich halte ständig den linken Arm raus, aber leider hat es noch nicht geklappt. Es sollen so schnell wie möglich so viele wie möglich geimpft werden. Am besten 24 Stunden rund um die Uhr. Es sollte ein Impf-Drive-In geben.

Verlosung

Gewinnen Sie das neue Buch von Harald Lesch „Alles eine Frage der Zeit“.

Zur Person

Der gebürtige Gießener Harald Lesch ist Astrophysiker, Naturphilosoph, Wissenschaftsjournalist und Fernsehmoderator. Seit 1995 lehrt der 60-Jährige an der Ludwig-Maximilians-Universität und an der Hochschule für Philosophie in München. Seit 2015 ist er Mitglied des Bayerischen Klimarats. Seine Beliebtheit beruht auf der einfachen Darstellung komplexer und schwieriger Themen. Bekannt wurde er auch durch seine Sendungen „Leschs Kosmos“ (ab 2010) und „Terra X“. Harald Lesch lebt mit seiner Frau in Schwabing.

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Marisa Burger: "Wer sagt, er tratscht nicht, der schwindelt"
Marisa Burger: "Wer sagt, er tratscht nicht, der schwindelt"
GNTM 2021: Topmodel-Kandidatin Ashley Amegan aus München im Interview mit Hallo München
GNTM 2021: Topmodel-Kandidatin Ashley Amegan aus München im Interview mit Hallo München
Peter Fricke: „Eifersüchtig? Ich bin doch kein Gockel!“
Peter Fricke: „Eifersüchtig? Ich bin doch kein Gockel!“
Abschied vom Theater? „Für mich unvorstellbar“ - Neue „Rosenheim Cops“-Kommissarin Vanessa Eckart im Interview
Abschied vom Theater? „Für mich unvorstellbar“ - Neue „Rosenheim Cops“-Kommissarin Vanessa Eckart im Interview

Kommentare