A bis Z mit dem berühmtesten Rechtsmediziner Deutschlands

Professor Dr. Wolfgang Eisenmenger: Er spricht mit Hallo über 25 000 Leichen – von Lady Di bis Strauß

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Professor Dr. Wolfgang Eisenmenger spricht mit Hallo über seine berühmteste Leiche, den Humor unter Rechtsmedizinern und unnatürliche Todesfälle.

Er gilt als berühmtester Rechtsmediziner Deutschlands, steht jeden Tag im Seziersaal und feiert jetzt seinen 75. Geburtstag: Aber ans Aufhören denkt er noch lange nicht

Allzuviel nachdenken darf Wolfgang Eisenmenger nicht, wenn er Leichen seziert. Rund 25 000 sind es bisher, schätzt der emeritierte Professor. 1972 begann er seine Arbeit am Münchner Insitut für Rechtsmedizin, das er ab 1989 leitete. Vor zehn Jahren ging er in den Ruhestand, trotzdem steht er immer noch jeden Tag im Seziersaal in der Nußbaumstraße. Am 4. Februar feiert der Grünwalder seinen 75. Geburtstag. Welche Prominente er seziert hat, wie er seine schlimmsten Fälle erlebte und warum er überhaupt Rechtsmediziner geworden ist, verrät Eisenmenger im A bis Z. Hanni Kinadeter

Professor Dr. Wolfgang Eisenmenger (74) von A bis Z

Abschalten: Heute träume ich oft von meinem Berufsleben, früher war das nie der Fall. Aber es sind keine Albträume, ich konnte das immer gut verarbeiten. Ich denke, meine Frau hat es viel mehr belastet, wenn ich ihr etwas erzählt habe.

Berühmteste Leiche: Ich habe mehrere berühmte Menschen seziert, unter anderem Franz Josef Strauß, Rudolph Mooshammer und Walter Sedlmayr. Nervös war ich nicht, weil ich eine große Routine habe.

Charakter: Ich habe mich durch meinen Beruf nicht verändert. Ich habe mich auf meine Aufgabe konzentriert und versucht, nicht zu reflektieren – das darf man nicht.

Das erste Mal: An meine erste Sektion kann ich mich sehr gut erinnern. Das war in meiner Heimatstadt in Waldshut im Krankenhaus bei einem Pathologen. Mir ist nicht übel geworden.

Einbetonierte Leichen habe ich nur einmal in meiner Berufslaufbahn seziert. Bei dem Mord ging es um Geschäftsinteressen, um Diskotheken. Wenn es um Geld geht, haben die Verbrechen oft mafiöse Strukturen und sind geplant.

Fehler: Es ist schwer zu belegen, was ein klassischer Fehler ist, der Rechtsmedizinern unterläuft. 1971 obduzierten wir in Freibung eine junge Frau, die aus einem Fluss gezogen wurde. Der neue Chef hat nicht geprüft, ob sie an einer Abtreibung gestorben ist, wie man es standardmäßig bei Frauen im gebärfähigen Alter durchführt. Damit ist er bei uns gleich in Misskredit gefallen.

Geruch: Ich denke, die Gerüche sind für den Laien schlimmer. Meine Ehefrau nimmt es schon wahr, wenn ich den ganzen Tag im Seziersaal war.

Humor: Man braucht schon einen bestimmten Humor für diese Branche, ich habe einen sehr trockenen.

Igitt-Faktor: Äußerst unangenehm ist es, wenn die Toten nicht mehr ganz frisch sind, speziell im Sommer, und mit Parasiten befallen sind. Man muss akzeptieren, dass man in diesem Beruf mit Leichen zu tun hat, an denen Fliegenmaden sind.

Jenseits: Ich denke heute anders über das Jenseits als früher. Das hat aber weniger mit meinem Beruf zu tun. Ich überlege, wie das Weltall und das Leben entstanden ist, und was nach dem Tod kommt.

Kinder: Das Schlimmste ist es, wenn wir Kinder sezieren müssen. In Erinnerung geblieben ist mir Ursula Herrmann, das zehnjährige Mädchen, das 1981 entführt und in einer Kiste vergraben wurde und erstickte. Wenn man dann so ein zusammengekauertes Mädchen sieht, ist das entsetzlich.

"In meiner Berufslaufbahn habe ich wahrscheinlich 25 000 Leichen seziert."

Lady Di: Bis heute zweifelt der Vater von Dianas damaligem Liebhaber Dodi daran, dass der Vorfall reinen Unfallcharakter hatte. Ich prüfte zusammen mit zwei Schweizer Kollegen die Befunde. Und ich muss sagen, wir fanden einige Fehler und Mängel. Obduziert wurde nur der Chauffeur, Lady Di und Dodi nicht. Das wäre in Deutschland nicht denkbar.

Motive: Indirekt liefern wir Hinweise auf Motive. Etwa, wenn jemand mit 80 Messerstichen getötet wurde, da fragt man sich: Warum hat jemand so oft zugestochen? War es Hass, der den Täter angetrieben hat? Oder war das Messer einfach das falsche Werkzeug und es hat so lange gedauert, bis das Opfer aufgehört hat, zu schreien?

No-Go: Ein Rechtsmediziner darf nicht voreingenommen sein. Das wird im Fernsehen falsch dargestellt.

Obduktion: In meiner Berufslaufbahn habe ich wahrscheinlich 25 000 Leichen seziert.

Privatleben: Ich lebe in Grünwald und verbringe sehr gerne Zeit mit meiner Familie, habe zwei Töchter und auch schon Enkelkinder.

Qual: Ein Fall bleibt einem in Erinnerung, wenn man überlegt, welche Qual das Opfer erleiden musste. Deswegen war der Fall von Ursula Herrmann so furchtbar.

Rache: Ich bin noch nie bedroht worden. Zwar hat mich im alten Institut, das früher noch in der Pathologie war, einmal der Chef angerufen und gewarnt, ein Mann mit Pistole suche nach mir. Aber daraufhin ist nichts passiert.

Sektionstisch: Es gab einen Gastronom, der einen alten Sektionstisch aus Marmor aus der Zeit des Prinzregenten Luitpolds für seinen Club kaufen wollte. Er versprach sich davon wohl einen tollen Publikumseffekt. Aber wir haben aus ethischen Gründen abgelehnt.

Tod: Im Gegensatz zum Pathologen, der Gewebe untersucht, prüfen wir, ob ein Tod natürlich war. Nach dem Gesetz liegt ein unnatürlicher Tod vor, wenn er durch einen Unfall, Selbstmord, eine strafbare Handlung oder andere äußere Einflüsse verursacht wurde. Ich schätze, 40 Prozent unserer Leichen sind eines unnatürlichen Todes gestorben.

Unnatürliche Todesfälle bringen immer Problematisches, Dramatisches oder Unerwartetes mit sich. Im Beruf kommt man sehr nahe an menschliche Extremsituationen.

Verschwörungstheorie: Unsere Nachuntersuchungen zum Tod von Lady Di haben die Verschwörungstheorien angetrieben. Mehr kann ich nicht sagen, ich unterliege der Verschwiegenheit.

Wahrheit: Das Gericht stützt sich häufig stark auf unsere Befunde. Sie sind oft maßgeblich, ob jemand schuldig gesprochen wird oder nicht. Das ist eine große Verantwortung, schließlich will man keinenfalls an einem Justizirrtum beteiligt sein.

X -mal habe ich die Leichen von Beziehungstaten seziert. Das läuft häufig spontan ab, typisch sind Messerstiche, Erwürgen oder Totschlagen. Die Täter sind meistens Männer, wobei die Frauen zahlenmäßig in den vergangenen zwei Jahrzehnten aufgeholt haben.

Y -Chromosom: Ich denke, wir sezieren häufiger Männer als Frauen.

Zufall: Eigentlich wollte ich Landarzt werden, aber früher war es üblich, in verschiedenen Bereichen Erfahrungen zu sammeln.


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