A bis Z mit der Chefin der Städtischen Friedhöfe Kriemhild Pöllath-Schwarz

200 Jahre Städtische Friedhöfe - Chefin Kriemhild Pöllath-Schwarz spricht über Historie & Zukunftsprojekte

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Kriemhild Pöllath-Schwarz spricht mit Hallo über Friedhofsbusse, Trauercafés und QR-Codes am Grab.

Die Münchner städtischen Friedhöfe haben dieses Jahr ihr 200. Jubiläum - Selbst das Sterben hat sich in dieser Zeit verändert: „Bestatten ist heute entspannter“ und moderner

Es herrscht Leben auf den städtischen Friedhöfen – dieses Jahr noch mehr als sonst. Für das Jubiläum „200 Jahre städtische Friedhöfe“ plant die Stadt viele Veranstaltungen. „Ich freue mich besonders auf die Rekonstruktion der Sphingen-Skulpturen auf dem Nordfriedhof“, betont die Leiterin der städtischen Friedhöfe, Kriemhild Pöllath-Schwarz. als weiteren Höhepunkt sieht die studierte Landschafts-Planerin den Tag des Friedhofs am 6. und 7. April auf dem Ostfriedhof, wo verschiedene Gewerke ihre Arbeit vorstellen. Die Vielseitigkeit ihrer Aufgabe ist es auch, was Pöllath-Schwarz schon seit 2008 Spaß macht. „Man beschäftigt sich mit Religion, Philosophie, Betriebswirtschaft, Kunstgeschichte, Grünplanung und Stadtplanung“, erklärt die 65-Jährige. Doch Ende Juli muss sie sich von ihrer Aufgabe und ihren 336 Mitarbeitern verabschieden. „Im Ruhestand werde ich viel reisen und mir weiterhin Friedhöfe anschauen – sie sind für mich ruhige Orte, man betritt eine andere Welt gegenüber der hektischen Großstadt.“ Wieso auch eine Bestattung in München heute entspannter abläuft als noch vor ein paar Jahren, was sich sonst noch verändert hat und wie die Friedhöfe der Zukunft aussehen, verrät sie im A bis Z. Maren Kowitz

Kriemhild Pöllath-Schwarz von A bis Z

Alter Südlicher Friedhof: Der Alte Südliche Friedhof ist ein historisches Juwel und eine Oase der Ruhe. Das aktuell diskutierte Infozentrum befindet sich derzeit in der stadtweiten Abstimmung.

Bauvorhaben: Krematorium Der Auftrag zum Bau des neuen Krematoriums am Ostfriedhof wurde im Frühjahr 2018 vom Stadtrat beschlossen. 2021 soll es fertig sein.

Cholera und Pest waren die großen Seuchen im Mittelalter (Pest) sowie im 19. Jahrhundert (Cholera). Die Opfer wurden außerhalb der Stadtmauer im 1563 eingeweihten Alten Südlichen Friedhof bestattet. 1789 gab es den Erlass, dass innerhalb der Stadtmauer überhaupt nicht mehr beigesetzt werden durfte, also wurden unter anderem die Kirchhöfe „Zu unserer lieben Frau“ und „St. Peter“ aufgegeben. Der Alte Südliche Friedhof wurde damals zum Zentralfriedhof für München.

Denkmalschutz: Als Einzeldenkmal ist die Lenbach-Gruft auf dem Westfriedhof herausragend. Aber alle unsere Friedhöfe stehen unter Denkmalschutz - außer dem Friedhof Riem und dem Neuen Südfriedhof. Wir planen ein Projekt mit Architekturstudenten der Hochschule für angewandte Wissenschaften auf dem Ostfriedhof. Hier sollen die Gräber in Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalpflege inventarisiert werden. Dann sehen wir, welche Grabsteine wir auf jeden Fall erhalten und in unsere Nutzung übernehmen sollten.

Eigene Wahl: Auf den größeren Münchner Friedhöfen bekommt man immer einen Grabplatz. Auch die Grabart kann man – sofern vorhanden – frei wählen. Bei einigen Stadtteilfriedhöfen muss man im jeweiligen Bestattungsbezirk wohnen, bei den ganz kleinen sogar 20 oder 30 Jahre lang.

Friedhofsbus: Die Chancen stehen gut, dass sich der E-Bus am Waldfriedhof umsetzen lässt. Wir sind im engen Kontakt mit der MVG. Es haben auch schon zwei Befahrungen stattgefunden. Wir prüfen außerdem, ob das auch eine Option für den Westfriedhof als zweitgrößtem Friedhof werden könnte.

Gesamtpaket: Die Bevölkerung wird älter und die Grabpflege kann beschwerlich sein. Deshalb bieten wir seit 2015 mit unseren Mosaikgärten im Westfriedhof für Urnengrabstätten ein Komplettangebot an. Dieses enthält den Grabplatz, den Grabstein, die Bepflanzung und die Pflege. Das ist so beliebt, dass wir eine Erweiterung prüfen. Für Sargbestattungen haben Planungen für ein vergleichbares Angebot im Friedhof am Perlacher Forst begonnen.

Historie: 1818 erließ Maximilian I. ein Gemeindeedikt. Das war der Grundstein für das Selbstverwaltungsrecht der Kommunen. Es hat bis März 1819 gedauert, bis die städtische Leichenanstalt installiert wurde, wie die Friedhofsverwaltung damals hieß.

Islam: 1956 hat es das erste muslimische Grab am Waldfriedhof gegeben. Mittlerweile stellen wir eine steigende Nachfrage fest. Immer mehr Muslime wollen sich nicht mehr in der Heimat begraben lassen, sondern in München, wo ihre Kinder und Enkel sind. Die Voraussetzungen für neue Gräberfelder sind, dass dort noch keine anderen Verstorbenen bestattet waren und dass die Gräber nach Südosten ausgerichtet sind. Für rituelle Handlungen gibt es außerdem in einigen Friedhöfen Waschräume sowie Gebetssteine in den Gräberfeldern.

Jubiläum: Im März erscheint das Programmheft für unser Jubiläum. Persönlich freue ich mich ganz besonders auf die Rekonstruktion der Sphingen am Nordfriedhof. Eine Sphinx ist ein Geschenk der Steinmetzinnung, die Rekonstruktion der zweiten Sphinx beantragen wir im Herbst im Stadtrat. Ab April wird es vor Ort ein Zelt geben, in dem die Steinmetze einen Natursteinblock bearbeiten. Die Bevölkerung kann zuschauen, wie daraus die Figuren entstehen. Am 6. und 7. April planen wir einen Tag des Friedhofs am Ostfriedhof. Dort werden verschiedene Gewerke vor Ort sein - Steinmetze, Friedhofsgärtner, der Bestatterverband, Schmiedeeisenkunst, Floristen. Auch für Kinder wird es ein Programm geben.

Kosten: Im Jahr kostet beispielsweise ein Erdgrab in der zweiten Reihe 35 Euro. Das ist eine der traditionellen Grabarten in München. Bis zu 2 Särge und 8 Urnen können hier während der Ruhezeit beigesetzt werden. Zehn Jahre muss man ein Grab mindestens halten – so lange dauert in München die Ruhezeit, erst dann ist bei einer Sargbestattung eine vollständige Zersetzung der Leiche sicher. Sehr oft verlängern die Münchner ihr Grab aber.

Lerchenfeld: Seit 1958 haben die Städtischen Friedhöfe München und die Städtische Bestattung ihren Sitz im Palais Lerchenfeld in der Damenstiftstraße. Vorher waren sie über das Stadtgebiet verteilt. Seitdem sind hier die Angebote zentral und gut erreichbar zusammengefasst. Beratung findet aber auch auf den Friedhöfen statt.

Mausoleum: Wir haben auf unseren Hauptfriedhöfen historische Grabmäler und Mausoleen, für die man das Nutzungsrecht erwerben kann. Man kann sich aber auch ein Neues errichten lassen. Es gibt ein ganz neues Beispiel am Waldfriedhof. Das Bekannteste ist aber wahrscheinlich das Mausoleum von Rudolph Mooshammer am Ostfriedhof.

Nordfriedhof, Alter: Hier kommt es immer wieder vor, dass die Würde des Friedhofs missachtet wird. Aich Friedhofsbesucher stören sich daran, dass Parties gefeiert werden, nach denen wir in der Früh die Bierflaschen und Pizzakartons einsammeln müssen. Manchmal gibt es Kindergeburtstage, bei denen die Kinder auf die Grabsteine kraxeln oder die Grabsteine mit Wachsmalkreiden beschmieren. Und Slackliner schädigen die Bäume. Uns ist bewusst, dass das die einzige Grünfläche in der Maxvorstadt ist, aber nachdem wir vergeblich versucht haben, auf die Leute einzuwirken, müssen wir jetzt andere Wege finden, wie man das eindämmen kann.

Ohne Alternative: In Bayern gibt es die Friedhofspflicht. Alle Verstorbenen müssen in einem Friedhof in einem Sarg oder einer Urne bestattet werden.

Platz: Wir planen eine Erweiterung des Neuen Südfriedhofs nach Süden bis zur S-Bahn. Gemeinsam mit dem Baureferat werden wir einen Architektenwettbewerb ausschreiben. Dann muss der Stadtrat noch befasst werden. Das wird spannend.

QR-Codes: Die Möglichkeit, einen QR-Code auf dem Grab anbringen zu lassen, bieten wir seit 2015 an. Über diesen Zugang können auf einer Website beispielsweise Fotos und Lebenslauf der Verstorbenen gezeigt werden.

Regeln: Die Friedhofssatzung ist die Hausordnung der Friedhöfe. Hunde sind auf allen Friedhöfen verboten. Joggen auf den Wegen wird nur in den Friedhöfen ohne Bestattungsbetrieb geduldet. Bußgelder verteilen wir hauptsächlich an Autos, die unerlaubt einfahren.

Stille Beisetzung: Wenn keine Angehörigen mehr da sind, die eine Bestattung in Auftrag geben, führen wir eine sogenannte Bestattung von Amts wegen durch. Uns ist es wichtig, dass jeder Mensch würdevoll beigesetzt wird – unabhängig davon, ob Angehörige anwesend sind. Wenn die verstorbene Person einer religiösen Gemeinschaft angehört, begleitet ein entsprechender Geistlicher die Zeremonie. Manchmal ist außer unseren Mitarbeitern wirklich niemand sonst dabei, das sind auch für uns traurige und bewegende Momente. Für Würde, Wertschätzung und das Mitgefühl sorgen dann unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, soweit es eben geht. Es bilden sich aber gerade ehrenamtliche Kreise, die organisieren wollen, dass mehr Menschen bei einer Bestattung von Amts wegen dabei sind.

Trauercafé: Am Ostfriedhof will die katholische Kirche in der Nähe des geplanten neuen Krematoriums das erste Trauercafé Münchens einrichten. Das soll ein Begegnungsort sein, der für alle Friedhosbesucherinnen und -besucher offen ist. Trauernde treffen dort Menschen, die dasselbe Schicksal erlitten haben. Sie können ins Gespräch kommen und sich gegenseitig Trost spenden.

Urnenbestattung: Vor zehn Jahren waren es in München noch mehr Erd- als Feuerbestattungen. Das hat sich gewendet. Mittlerweile liegen wir im Jahr 2018 bei 64 Prozent Feuerbestattungen. Die Gründe sind vielfältig.

Vandalismus: erleben wir hauptsächlich in Form von Graffiti-Schmierereien an den Friedhofsmauern. Was mich besonders ärgert, ist, dass wiederholt die Bronzebuchstaben der Aufschrift am Riemer Friedhof gestohlen worden sind. Wir haben sie schon das dritte Mal erneuern lassen.

Würdige Bestattungen: Früher lagen die Zeitfenster für eine Bestattung bei 30 Minuten. Das konnte für die Trauerfeier und den Trauerzug ans Grab schon knapp werden. Vor ein paar Jahren haben wir den Zeitraum auf 45 Minuten verlängert – jetzt ist es entspannter. Man hat immer auch die Möglichkeit längere Zeiten zu vereinbaren.

X-viele: Wieviele Bestattungen es gibt, hängt ganz von der Größe des Friedhofs ab. Am Westfriedhof sind es beispielsweise im Durchschnitt sieben Bestattungen am Tag, am Waldfriedhof neun. Am Daglfinger Friedhof bloß 22 im Jahr. Im Jahr sind es in ganz München über 10.000 Bestattungen.

Yin und Yang: Dieses chinesische Symbol für die Harmonie der Gegensätze findet man auch auf Grabsteinen, besonders im Waldfriedhof.

Zentral: In München haben wir keinen Zentralfriedhof wie beispielsweise in Wien. Seit über 100 Jahren gibt es bei uns die Möglichkeit, sich wohnortnah bestatten zu lassen. Neben den vier großen Friedhöfen in jeder Himmelsrichtung gibt es weitere 22 Friedhöfe mit Bestattungsbetrieb.

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