„Es tut gut, sich einen kindlichen Glauben zu bewahren!“

Die Haarer Pfarrer Kilian-Thomas Semel und Dagmar Häfner-Becker zum Zauber von Weihnachten

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Es begab sich aber zu der Zeit ... doch steht Christi Geburt heute noch im Zentrum des Fests?

Weihnachten verbindet. Das sehen auch der Pfarrer Kilian-Thomas Semel von der katholischen Kirchengemeinde Haar und die Pfarrerin Dagmar Häfner-Becker von der Evangelisch-Lutherischen Jesuskirche so. Doch nicht nur das Fest verbindet die beiden Geistlichen: Im Interview erzählen sie, wie sie sogar mit Differenzen wie dem Zölibat und der Frauenordination umgehen.

HALLO: Was bedeutet Weihnachten für einen Pfarrer? 

Semel: Für mich ist es jedes Jahr aufs Neue ein wunderbares Geschenk, das wir als Christen feiern. Gott hat sich einen besonderen Weg gesucht, um sich der Welt zu zeigen — indem er in Jesus Christus Mensch wurde. Bis heute ist es eines der schönsten Feste für mich. Seit Kindesbeinen an ist es voll mit Erinnerungen, Geschichten und Gefühlen. Da müssen selbst so schöne Feste wie Ostern hinten anstehen. (lacht) 

Die Haarer Pfarrer Kilian-Thomas Semel (l.) und Dagmar Häfner-Becker zum Zauber von Weihnachten

Häfner-Becker: Als Kind schon habe ich ab dem ersten Advent immer diesen besonderen Zauber von Weihnachten gespürt. Die Vorfreude macht es zu einer besonders heiligen Zeit für mich. An Weihnachten kam immer die ganze Familie zusammen. Und das Bewahren von Traditionen: Es gab zum Beispiel immer die Kartoffelknödel von der Oma. Weihnachten ist aber auch ein Kristallisationspunkt für mich. Wenn Streit aufkam, dann an Weihnachten. Da denke ich an den Satz der Engel im Himmel, die sagen „Fürchte dich nicht“, denn das Leben ist nun mal so. 

Semel: Auch der Satz „Freut euch!“ ist in dem Zusammenhang wichtig. Diese weihnachtliche Grundhaltung sollte man im besten Fall das ganze Jahr über tragen. 

Stört es Sie, dass Weihnachten so kommerziell geworden ist? 

Semel: Ich war vor kurzem in der Stadt und muss sagen, es hat mich gewundert, wie gestresst die Leute sind, wenn es um die Weihnachtsgeschenke geht. Und da habe ich mich gefragt: Ist es wirklich das, was wir an Weihnachten feiern? Jeder von uns hat doch schon alles. Darum habe ich in den vergangenen Jahren angefangen, meinen Freunden vermehrt Zeit zu schenken. Auch in der Werbung wird ja keine christliche Botschaft mehr vermittelt. Es geht zwar um das Fest der Liebe und der Familie, aber vom Glauben ist es fast völlig losgelöst. Das macht mich schon traurig. 

Häfner-Becker: Wir leben nun mal in einer freien Gesellschaft, und was der Markt aus Weihnachten macht, hat eine gewisse Eigendynamik. Ich störe mich nicht so sehr daran. Mir ist es wichtiger, dass ich in meiner Gemeinde den Inhalt transportieren kann, auf den es bei Weihnachten ankommt. Es ist unsere Aufgabe, daran zu erinnern und den Menschen auch in schwere Zeiten Halt zu bieten. Bei Weihnachten geht es aber nicht darum, eine falsche Harmonie zu erschaffen. 

Semel: Das ist auch so ein Problem: Alles, was unterm Jahr nicht an Gefühlsbedarf abgedeckt wurde, projizieren viele auf Weihnachten. Wenn es dann nicht perfekt läuft und die zu hohen Erwartungen nicht erfüllt werden, kracht es und man ist enttäuscht. An Weihnachten kommen auch die meisten Anrufe bei der Seelsorge rein, weil viele merken, dass sie einsam sind und nichts haben, was sie trägt.

Es gibt Menschen die sagen, man soll nicht erzählen, das Christkind bringe die Geschenke, weil man Kinder damit belüge. Wie bringt man Kindern am besten den Weihnachtsgedanken nahe? 

Häfner-Becker: Für Kinder ist Weihnachten sehr wichtig. Ich finde es nicht schlimm, ihnen zu sagen, dass das Christkind die Geschenke bringt. Symbolisch gesehen ist es ja richtig. Sie sind von Gott beschenkt worden, das Leben an sich ist schon ein Geschenk. Es geht bei Weihnachten auch darum, dieses Wunder zu erklären. 

Semel: Unsere Gesellschaft ist sowieso schon sehr rationalisiert und auf Fakten beschränkt. Würden wir nicht Kindern ganz viel nehmen, wenn wir ihnen das Geheimnisvolle vorenthalten? Damit hängt ja auch Freude zusammen. Letztlich bleibt der Kern unseres Glaubens — dass Gott in Jesus Mensch wird — ein Geheimnis. Dieses Geheimnis gilt es auszuhalten. Das Fragen und Zweifeln gehört dazu. Ein Christ ist auch immer ein Suchender. 

Häfner-Becker: Auch entwicklungspsychologisch ist es ganz wichtig, dass Kinder eine spirituelle und religiöse Entwicklung durchmachen. Wenn wir den Kindern das nehmen, nehmen wir ihnen auch ein Stück Persönlichkeitsentwicklung. Vielen Erwachsenen täte es sicherlich auch gut, sich ein Stück kindlichen Glaubens zu bewahren.

Ihre Antworten wirken sehr harmonisch, haben Sie auch unterschiedliche Ansichten im Hinblick auf Ihre Konfessionen? 

Häfner-Becker: Witzig, dass Sie fragen, weil wir tatsächlich sehr eng zusammenarbeiten. Das geht so weit, dass Kinder aus meiner Gemeinde am Heiligen Abend bei Herrn Semel im Kinderchor singen, dafür sind sie dann bei mir im Krippenspiel. Das ist mittlerweile selbstverständlich. 

Semel: Und so sollte es auch sein. Wir haben auch gerade miteinander das Reformationsjahr begangen. Ich glaube, mittlerweile ist es schwierig, noch Unterschiede zu finden. Wenn, dann sind es theologische Fragen, die uns bis heute trennen, wie die Frage des Abendmahls und des Papstamtes.

... und das Zölibat. Und, dass Frauen in der katholischen Kirche keine Pfarrer werden können ... 

Semel: Wobei ja auch in der katholischen Kirche immer mehr Frauen leitende Funktionen einnehmen.

Wären Sie dafür, dass sich die katholische Kirche da noch mehr öffnet? 

Semel: Ich glaube, bevor wir in der katholischen Kirche über die Frauenordination sprechen, müssen wir erst das Thema Zölibat klären. In Rom wird ja derzeit schon über die sogenannten „Viri probati“ diskutiert. Also verheiratete Männer, die sich bewährt haben, zum Priester zu weihen. Ich kann mir auch vorstellen, dass es da irgendwann zwei Stränge gibt. Pfarrer, die das Zölibat leben, und welche, die es nicht tun. Ich kann allerdings für mich sagen, dass ich vom Zölibat als Lebensform überzeugt bin. Für mich schafft es einen großen Freiraum. Ich kann mir vorstellen, dass Frau Häfner-Becker als Ehefrau und dreifache Mutter öfter an ihre Grenzen kommt, wenn es darum geht, Beruf und Familie zu vereinen. 

Häfner-Becker: Auf jeden Fall! Ich finde auch, dass die zölibatäre Form in unserer Zeit etwas zu sagen hat — dass es noch mehr gibt als eheliche Beziehungen. Es ist auch eine Form der Askese. Als evangelische Pfarrerin muss ich diese Form des Verzichts jeden Tag üben. Es bedeutet auch, dass meine Familie oft verzichten muss. Das zeigt sich schon alleine darin, wie wir Weihnachten feiern. Ich muss ja arbeiten. Mein Mann geht einkaufen und plant das Essen. Und während meine Familie noch bis zum Morgengrauen des 25. feiert, gehe ich früh ins Bett, weil ich am nächsten Tag wieder die Messe halten muss. Ich liege dann da und genieße es zu hören, dass meine Familie Spaß hat. 

Semel: Ich habe an Heiligabend zwei Gottesdienste. Einmal die Christmette in St. Konrad um 20 Uhr und um 23 Uhr in St. Bonifatius. Zwischen diesen beiden Messen habe ich ein wenig Zeit im Pfarrhaus mit meiner Tante, die bei mir lebt, Weihnachten zu begehen. Wir zünden die Kerzen am Baum an, lesen die Weihnachtgeschichte, es gibt eine Gericht meiner Kindheit, ein Glas Wein, Musik und natürlich auch Geschenke. 

Interview: Lydia Wünsch

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