Zombie-Marsch für reine Stadtluft

Umweltwissenschaftlerin Silvia Gonzalez (37) von A bis Z

Green City-Mitarbeiterin Silvia Gonzalez hat sich ganz traditionell für den Todesmarsch hergerichtet.
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Green City-Mitarbeiterin Silvia Gonzalez hat sich ganz traditionell für den Todesmarsch hergerichtet.

Schwanthalerhöhe: „500 Münchner sterben im Jahr wegen Abgasen“, sagt Silvia Gonzalez von der Umweltorganisation Green City. Der Verein mit Sitz an der Lindwurmstraße veranstaltet deshalb jetzt einen Trauermarsch.

Jährlich sterben rund 500 Münchner wegen Abgasen. „Studien belegen das, aber die Bevölkerung nimmt die Langzeitfolgen noch nicht so ernst“, erklärt Silvia Gonzalez von Green City. Der Verein greift deshalb jetzt zu dramatischen Maßnahmen. In Anlehnung an das mexikanische Allerheiligen, den Dia de los Muertos, veranstalten sie einen Trauermarsch vom Wittelsbacherplatz zum Stachus. Treffpunkt ist am Donnerstag, 29. Juni, um 18 Uhr. „An diesem Tag ist die Regierung von Oberbayern verpflichtet, ein Verzeichnis aller Straßen in München zu veröffentlichen, an denen Stickstoffdioxid-Emissionen den vorgeschriebenen Grenz­wert überschreiten“, betont Gonzalez. Auf diese Liste wollen sie und ihre Mitstreiter mit der Grusel-Demo aufmerksam machen – geschminkt nach mexikanischer Tradition, mit passender Musik und Zombieläufern auf Stelzen. Für spontane Mit-Demonstranten stehen drei Make-Up-Artistinnen und Papiermasken bereit. „Wir müssen Druck machen, damit auch der Stadtrat endlich Maßnahmen ergreift, um Münchens Luft sauberer zu machen“, betont die Sendlingerin im A bis Z. Maren Kowitz

Abgaswerte müssen laut dem Gesetz seit 2010 bei unter 40 Mikrogramm pro Kubikmeter liegen. In München lagen manche Stellen schon damals weit über diesen Werten. Und trotzdem hat die Stadt nichts unternommen.

Brennpunkte: Der bekannteste ist die Landshuter Allee, wo regelmäßig bis zu 80 Mikrogramm pro Kubikmeter gemessen werden, und der Stachus. Aber unsere Messungen an 50 Stellen haben gezeigt, dass beispielsweise auch an der Verdistraße in Obermenzing die Werte überschritten werden.

City: Wir lieben München und wünschen uns eine Innenstadt für die Menschen und nicht für den Autoverkehr.

Dieselverbot: Die einzig kurzfristige Lösung, um die Werte zu senken. Aber eigentlich wollen wir positiv arbeiten, die Alternativen zum Auto attraktiv machen und eine Verkehrswende erreichen.

Elektroautos lösen einige Probleme, nicht aber das Platzproblem in München. Dadurch gibt es ja nicht weniger Autos. Außerdem wird bei ihrer Herstellung mehr Kohlenstoffdioxid ausgestoßen als bei Autos mit Verbrennungsmotor.

Forderungen: Kurzfristig fordern wir mehr Expressbuslinien – auch mit Ampel-Vorrangschaltung – und den Ausbau der Fahrradinfrastruktur. Dazu gehören neue Radstreifen, auch auf Kosten von Fahrspuren. Langfristig muss unter anderem das Trambahnnetz sowie der S-Bahn-Ring ausgebaut werden.

Gegner holen wir am liebsten an Bord und verändern München dann gemeinsam.

Hilfe: Wir wollen der Stadt „helfen“, die Ergebnisse ihrer Abgas-Messungen bekannt zu machen, die am 29. Juni veröffentlicht werden müssen. Sonst wird vielleicht nur eine Fußnote daraus.

Idee: Die Idee zum Trauermarsch hatte mein Kollege Christian Grundmann. Er hat ganz früher mal das Computerspiel „Grim Fandango“ gespielt, das während des Dia de los Muertos spielt.

James Bond: Neue Popularität erlangte der Trauermarsch im jüngsten Bond-Film „Spectre“, in dessen Eingangssequenz die Parade am Dia de los Muertos in Mexico City gezeigt wird.

Klima: Das wichtigste Projekt unserer Abteilung „Stadtgestaltung“ ist die Gebäudebegrünung. Die hat viele Vorteile fürs Klima im Innenhof – Pflanzen kühlen die Luft ab und säubern sie. Außerdem dienen sie dem Lärmschutz.

Lebensqualität in München lässt nach. In Gesprächen lassen Leute durchblicken, dass es unangenehmer wird, hier zu leben. Vor allem wegen des höheren Verkehrsaufkommens und des immer weniger werdenden Platzes.

Mitstreiter: Green City hat 1300 Mitglieder und rund 1000 Ehrenamtliche. Den Marsch veranstalten wir gemeinsam mit unseren Partnern vom Bürgerbegehren „Sauba sog i“: dem Bund Naturschutz, dem ADFC, dem Münchner Forum und vielen mehr.

Neue Gesetze: Ende des Jahres trifft das Verwaltungsgericht Leipzig die Entscheidung, ob Kommunen Fahrverbote aussprechen können. Das wäre ein wichtiges Handwerkszeug, das den Städten an die Hand gegeben werden könnte, um kurzfristig auf erhöhte Werte zu reagieren.

Oeffentlicher Nahverkehr muss in München massiv ausgebaut werden. Lieber Bus und Tram als U-Bahn. Lieber S-Bahn-Ring als Stammstrecke.

Parken verbraucht in der Stadt zu viel Platz. Mit Hilfe von mehr Carsharing und Mobilitätsstationen könnte dieser Stellplatz reduziert und besser genutzt werden.

Quorum: Beim Bürgerbegehren haben wir innerhalb von sechs Wochen 16 000 Unterschriften gesammelt.

Rathaus: Unsere Forderung zur Verkehrswende bis 2025 aus dem Bürgerbegehren hat der Stadtrat im Januar übernommen, aber noch wenig dafür getan.

Stadtgestaltung: ­In München sind rund 700 000 Autos zugelassen, eines pro zwei Bürger. Den Raum, den man von den Autos zurückgewinnt, könnte man für Bäume oder Sitzbänke nutzen oder für die Fußgänger.

Tradition: In Mexiko glaubt man, am Dia de los Muertos, ihrem Allerheiligen, kommen die Toten zurück. Man kocht ihr Lieblingsessen und stellt es auf einen Altar mit Fotos.

Umweltzone in München hat sich bewährt. Die Feinstaubbelastung ist zurückgegangen.

Verkehrswende: Für uns bedeutet sie, dass 80 Prozent des Individualverkehrs bis 2025 über abgasfreie Verkehrsmittel abgewickelt wird, also zu Fuß, mit dem Fahrrad, mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder durch Elektromobilität. Momentan sind es 60 Prozent.

Weckruf: Wir sind verwundert, dass das Bewusstsein unter der Bevölkerung noch nicht so da ist. Der Marsch soll als Weckruf dienen.

Xundheit: Zu hohe Abgaswerte sind verantwortlich für Atemwegserkrankungen wie Asthma oder Allergien und können langfristig zum Tod führen.

Youngsters geben wichtige Impulse für unsere Arbeit und haben wir immer gerne dabei.

Zombie-Stelzenläufer: Bei unserem Trauermarsch wird auch ein untotes Tango-Tanzpaar auf Stelzen mitlaufen.

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