Ein Hörbuch für Bayerns ersten Ministerpräsidenten

In Gedenken an Kurt Eisner:  „Er hat ein Denkmal vor dem Landtag verdient“

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Man kennt Hans Well als Teil der mittlerweile aufgelösten „Biermösl Blosn“ sowie aktuell als Kopf der „Wellbappn“. In Gedenken an Bayerns ersten Ministerpräsidenten hat er jetzt ein Hörbuch gestaltet.

München - Hans Well gedenkt Bayerns erstem Ministerpräsidenten zusammen mit prominenten Mitstreitern in einem Hörbuch – und fordert ein Umdenken auch im aktuellen Wahlkampf

Man kennt ihn als Teil der mittlerweile aufgelösten „Biermösl Blosn“ sowie aktuell als Kopf der „Wellbappn“. Zum Jubiläum des Freistaats hat sich Hans Well zusammen mit prominenter Unterstützung der bayerischen Geschichte angenommen und mit „Rotes Bayern“ ein Hörbuch geschaffen, das die bayerische Revolution und den ersten Ministerpräsidenten Kurt Eisner szenisch näher bringt. Fernab von langweiligem Geschichtsunterricht.

Herr Well, ist es bezeichnend, das mit Kurt Eisner ausgerechnet ein Berliner den Bayern die Revolution bringen musste?
Das war eher Zufall – ich glaub net, dass die Bayern zu blöd warn, die warn ja mit dabei. Die Bereitschaft zur Revolution lag in der Luft und Eisner war einfach glaubwürdig. Er ist aus der SPD ausgetreten, hat Streiks gegen die Rüstungsindustrie organisiert und ist für seine Überzeugung mehrmals ins Gefängnis gegangen. Mir gefällt, dass er kein pathetischer Held war, sondern Witz und Ironie gehabt hat.

Es war Kurt Eisner, ein Berliner, der Bayern die Revolution brachte. Unter ihm wurden die Republik und der Freistaat gegründet.

Was hat Sie zu diesem Projekt veranlasst?
Dass dies die erfolgreichste Revolution Deutschlands war und ohne einen Tropfen Blut über die Bühne ging. In der Schule hab ich über dieses wichtige Kapitel unserer eigenen Geschichte nix gelernt.

Wie erklären Sie es sich, dass Eisner nicht in der Schule vorkommt?
Im Vergleich zur meiner Schulzeit ist’s inzwischen vermutlich besser geworden. Aber der Staats­partei ist es ein Dorn im Auge, dass der Gründer des Freistaats kein Schwarzer war, sondern ein Linker. Ihnen wäre der Ochsensepp, alias Josef Müller, der erste Vorsitzende der CSU, halt lieber gewesen. Kurt Eisner hätte längst ein Denkmal am Landtag verdient, denn genau da gehört er hin. Stattdessen schweigt ihn die CSU tot und verbindet die Feierlichkeiten zum Jubiläum vorsichtshalber noch mit dem 200. Geburtstag der Verfassung. Dabei entstand die nicht aus dem Volk heraus, sondern kam von oben.

Ein Bild der Novemberrevolution in München 1918.

Allerdings gibt es auch Professoren und Soziologen, die betonen, Eisners Rolle für den Freistaat würde überschätzt.
Unter Eisner wurden Republik und Freistaat gegründet, der 8-Stundentag und das Frauenwahlrecht eingeführt, die Prügelstrafe an Schulen abgeschafft. Er war kein Politiker im heutigen Sinne. Deshalb ist er bei den Wahlen dann auch abgeschmiert. Er hat kaum Wahlkampf für sich gemacht, sondern dazu angeregt, unabhängig und frei zu denken. Heutzutage macht man ja für die Macht alles, hetzt sogar gegen Minderheiten. Und das als christliche Partei. Wer Eisner auch heute noch als Träumer oder Spinner abtut, der verwendet genau den Wortschatz der damaligen Rechten und der Nazizeit.

Wie lange haben Sie recherchiert?
Über ein Jahr. Uns war wichtig, dass die CD unterhaltsam wird und Geschichte mit Geschichten erzählt. Dabei konnten wir auf Texte von Schriftstellern wie Oskar Maria Graf, Victor Klemperer, Ernst Toller oder Lion Feuchtwanger zurückgreifen. Und die Wellbappn machen Musik dazu. Ohne meine Frau wär allerdings nix draus g’worden. Sie hat die Struktur, die mir fehlt (lacht).

Wäre heutzutage eine Revolution überhaupt noch denkbar?
Heute? Nein. Es gibt ja keine Klassengesellschaft in dem Sinne mehr. Dafür versucht die Bayerische Staatsregierung gerade einen Putsch von rechts gegen Merkel – quasi eine Revolutionsblähung. Schließlich gehört man seit Jahren zum Establishment. Eine wirkliche Revolution ginge nur über Wahlen. Themen wie Wohnungsnot, Dieselbeschiss, S-Bahn-Chaos gibt’s genug. Stattdessen redet man über Gefühle à la Trump. Anlässlich des Jubiläums des Freistaats könnten unsere Politiker viel über Idealismus statt Populismus lernen. lit

Kurt Eisner und die bayerische Revolution

Am 7. November 1918 riefen sowohl die Mehrheitssozialisten (MSPD) als auch die Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD), denen auch Kurt Eisner angehörte, zur Demo auf der Theresienwiese auf. Von dort aus marschierte die USPD unter der Führung Eisners zu den Kasernen. Bis zum Abend liefen alle Münchner Garnisonen zu den Revolutionären über und König Ludwig III. flüchtete aus München. Im Mathäser­bräu formierte sich ein Arbeiter- und Soldatenrat, der Kurt Eisner zum Ministerpräsidenten von Bayern ernannte. Bis zu seiner Ermordung am 21. Februar 1819 führte er den 8-Stunden-Arbeitstag und das Frauenwahlrecht ein und schaffte die Aufsicht der Kirche über die Schulen ab.

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