„Für mich soll’s Rosen hageln“

„Männer dürfen vui derber, frecher sein“ ‒ Die Kabarettistin Franziska Wanninger im Interview mit Hallo München

Franziska Wanninger
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Franziska Wanninger ist seit der Kindheit ein Fan von Pippi Langstrumpf: „Ich habe das so toll gefunden, dass die halt auf alle Konventionen scheißt auf gut bairisch.“
  • Sabina Kläsener
    VonSabina Kläsener
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Franziska Wanninger macht im neuen Programm Typenkabarett und schlüpft auch mal in die Rolles eines Mannes. Doch in ihrem Leben hat sie sich schon viel mehr getraut...

Ihr Steckenpferd ist das Typenkabarett. Mal als Influencerin, mal als Stammtischler heißt es im neuen Programm „Für mich soll’s Rosen hageln“. Warum ihr das Publikum in einer Männerrolle mehr verzeiht, worin ihr Opa ein erstaunliches Vorbild war und wem sie es mit ihrem Lehramtsstudium zeigen wollte...

Die Kabarettistin Franziska Wanninger im Interview mit Hallo München

Frau Wanninger, im Titel des Programms hagelt es Rosen. Sind Sie einfach keine klassische Romantikerin?
Ich breche halt gerne die Romantik. Es ist schön, wenn ich einen Sonnenuntergang sehe. Aber ich muss auch lachen, wenn beim schönen Sonnenuntergang im Schatten davor ein Hund sitzt, der sein Geschäft verrichtet (lacht).
Eine schöne Situationskomik. Sie machen Typenkabarett, warum passt das so gut zu Ihnen und nutzt sich für Sie nicht ab?
Das nutzt sich nicht ab, weil es immer spannend ist. Und weil ich als Frau auf der Bühne limitiert bin, was ich sagen darf. Wenn ich in die Rolle von einem behäbigen, bierdimpfeligen Mann schlüpfe, dann darf der vui derber, vui frecher sein. Die Menschen vergessen, dass ich eine Frau bin, da ich so bierdimpfelig spiele, dass man mir das verzeiht. Wenn ich als Frauenfigur oder als ich auf der Bühne so manches heraushauen würde, würden sie es nicht so annehmen.
Ist es im Jahr 2021 nicht schade, sagen zu müssen: Ich muss in die Rolle eines Mannes schlüpfen, um das sagen zu können?
Das stimmt. Wir sind im Jahr 2021 und es kann nicht sein, dass man immer noch die Geschlechterrollen vertauschen muss, damit man was sagen kann. Aber das ist ein Stück weit eine Parodie, dass der so spricht und sich so verhält. 
Es geht nicht um das „Frau Sein“, sondern eher darum, was einem als Mensch über die Lippen geht.
Da kann ich einen sexistischen Typen spielen, der irgendwas Unmögliches sagt. So kann ich der Gesellschaft den Spiegel vorhalten. Ich mache mich für das Thema stark. Denn in unserer Branche sind nicht so viele Frauen sichtbar, obwohl es viele gibt. Es gibt hunderte Kabarettistinnen im deutschsprachigen Raum, aber es wird ihnen nicht immer so viel Forum geboten.
Sie tragen gerne roten Lippenstift, haben ein Faible für Schuhe, backen gerne. Ist das die neue Freiheit, dass man Hobbys haben kann, auch wenn sie typisch Klischee sind?
Ich backe total gerne, aber ich würde es niemals tun, nur weil ich eine Frau bin. Mein Vorbild war mein Opa, der 1907 geboren wurde. Er war Konditor, hat die feinsten Plätzchen gebacken. Das Wichtige ist, dass man das nicht hinterfragt: Wenn man in Doc Martens und Jeans zu Kaffee und Kuchen am Sonntag zur Oma fahren möchte, geht das genauso wie in einem Petticoat-Kleid. Das heißt nicht, dass ich mir weniger oder mehr Wert beimesse.
Ihre Schulzeit verlief nicht linear und ohne Konflikte mit Lehrern. Etwas überraschend, dass Sie Lehramt studiert haben.
Der Witz ist, ich habe ja auch noch Lehramt fürs Gymnasium studiert. Genau dort, wo ich gescheitert bin. Ich hätte jemanden gebraucht, der mein Talent sieht. Später an der Wirtschaftsschule hatte ich eine Lehrerin, die mich gefördert hat. Es war keine Begeisterung da bei den Lehrern. Da war man nur so eine Nummer und das an einem kleinen Gymnasium. Ich hatte einen Mathelehrer, der gesagt hat: Wanninger aus dir wird nie was. Und ich habe jahrelang geglaubt, des stimmt.
Unfassbar
Mir hat immer geholfen, dass ich Trotz in mir habe. Deswegen habe ich dieses Staatsexamen gemacht, obwohl es ein Kraftakt war. Ich hatte schon Auftritte, war mit meinem Kopf in einer anderen Welt. Ich wollte mir beweisen, dass ich des schaff. Dass ich nicht weniger wert bin als der Idiot, der das gesagt hat.
Sie haben sich in Ihrem Leben Einiges getraut: Praktikum am US-Kongress, mormonische Gastfamilie, Lehramtsstudium, Schauspielschule Lee Strasberg. War das alles ein Schatz an Inspiration?
Ich war immer auf der Suche nach Erlebnissen, nach Geschichten, nach Menschen. Das hab ich als Kind schon gerne gemacht. Ich bin auf einem Einödhof groß geworden, da ist einem als Kind langweilig, ich musste mich viel mit mir selbst beschäftigen. Das ist gut für die Fantasie, führt aber auch dazu, dass, wenn mal jemand da ist, ich die Leute genau studiert habe. Das mache ich heute noch: in einem Café sitzen und beobachten. Das baue ich unbewusst ein, manchmal auch bewusst.

Zur Person Franziska Wanninger

„Was ich mit 30 nicht erledigt habe, schaffe ich nicht mehr, weil dann ist mein Leben vorbei,“ erklärt Franziska Wanninger rückblickend ihre Sinn-Krise vor dem 30. Geburtstag. „Jetzt bin ich 39 und muss sagen: Alles, was richtig super war in meinem Leben, ist erst danach gekommen.“ In Simbach am Inn wurde die Kabarettistin 1982 geboren. Aufgewachsen auf einem Einödhof im Landkreis Altötting war ihre Schulzeit recht turbulent. Ihr Abitur hat sie auf dem zweiten Bildungsweg nachgeholt.

Die Bühne eroberte sie ab Ende 2011 mit ihrem ersten Soloprogramm. Mit Kollege Martin Frank tritt sie nicht nur gerne auf, 2020 erschien auch ein gemeinsames Buch über Bayern. Wanninger macht zudem Podcasts, wie „Ladies First“ mit Kollegin Claudia Pichler. Ihr erste Regiearbeit beim Programm von Eva Karl-Faltermeier wird heuer mit dem Bayerischen Kabarettpreis ausgezeichnet. Wanninger lebt in Haidhausen.

Das neue Programm „Für mich soll’s rote Rosen hageln“ ‒ Hallo München verlost Karten für Franziska Wanninger am Nockherberg

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