Zurück zum Sonntagsbraten

Welttierschutztag: Fachtierärztin Dr. Wöhr über Tierversuche, Fleisch-Konsum und die neue Bundesregierung

Dr. Anna-Caroline Wöhr (51), Fachtierärztin für Tierschutz im Hallo-Interview von A-Z.
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Dr. Anna-Caroline Wöhr (51), Fachtierärztin für Tierschutz im Hallo-Interview von A-Z.
  • Daniela Borsutzky
    VonDaniela Borsutzky
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Anlässlich zum Welttierschutztag erklärt Fachtierärztin Dr. Anna-Caroline Wöhr, was sich im Umgang mit Tieren künftig ändern muss - von A bis Z im Hallo-Interview.

In Gesellschaft von Tierheim-Hund Pauli empfängt Dr. Anna-Caroline Wöhr zum Hallo-Interview daheim im Grünwalder Garten: „Hier ist es doch viel gemütlicher als im Institut.“

Die 51-Jährige ist seit über 20 Jahren an der Veterinärmedizinischen Fakultät der LMU am Englischen Garten tätig – und hat dort viel mit Labortieren zu tun. Denn sie ist Fachtierärztin für Tierschutz und Tierschutzbeauftragte. Anlässlich des Welttierschutztags, der am Montag, 4. Oktober, begangen wird, spricht Wöhr über den Nutzen von Tierversuchen, Fleisch-Konsum, darüber, was die neue Bundesregierung angehen sollte und über das Schwein in ihrem Garten.

Dr. Anna-Caroline Wöhr (51), Fachtierärztin für Tierschutz, von A bis Z

Aufgaben als Tierschutzbeauftragte: Ich berate Wissenschaftler, die Versuche durchführen, unter anderem hinsichtlich des Wohlergehens der Labortiere. Wir besprechen die Haltungsbedingungen und verbessern sie nötigenfalls. 

Bio-Fleisch ist immer besser als Billig-Fleisch. Leider hapert es noch sehr beim Bio-Angebot von weiterverarbeiteten Produkten wie Aufschnitt oder Streichwurst. Ein Problem ist die Unsicherheit des Verbrauchers, er weiß nicht, was hinter all den Siegeln steckt.  

Circustiere: Ein Gesetzesentwurf, dass Giraffen, Elefanten, Nashörner, Flusspferde, Primaten und Großbären nicht mehr neu angeschafft werden dürfen, ging leider nicht durch. Ich finde, Heimtiere kann man im Circus schon zeigen, unter Umständen auch Pferde. Es kommt immer auf die Haltungsbedingungen an.

Doktorarbeit: Ich habe damals über die Riechschleimhaut bei Wildwiederkäuern geschrieben. Das hat mir sehr Spaß gemacht.

Ernährung: Die Überfütterung von Heimtieren ist absolut tierschutzrelevant. Man muss den Menschen vor Augen halten, dass sie die Lebenszeit ihres Tieres so drastisch verkürzen.

Flexitarier: Ich esse Fleisch nur, wenn ich weiß, wo es herkommt. Der Fleisch-Konsum in Deutschland ist viel zu hoch. Ich plädiere dafür, dass wir zurück zum Sonntagsbraten gehen. Mehr braucht es nicht. Was die Haltungsbedingungen angeht, ist Fisch übrigens keine Alternative.

Gesetze: Da wäre die Anbindehaltung von Milchkühen, die so nicht in Ordnung ist. Oder Legehennen, die konstant hungern. Die neue Bundesregierung sollte so einiges angehen.  

Hundeführerschein: Gerade zu Corona-Zeiten haben sich viele einen Hund angeschafft, die keine Ahnung haben. Die Einführung eines entsprechenden Führerscheins würde ich befürworten.  

Insekten: Jede Tierart erfüllt eine Funktion, sonst würde es sie nicht geben. Ich bin besorgt, wenn ich an meine Windschutzscheibe denke. Als ich vor zehn Jahren nach Italien gefahren bin, sah die anders aus, heute klebt da nicht mehr viel. 

Jagd: Wir haben Arten, die sich vermehren, weil ihre natürlichen Feinde fehlen. Eine limitierte Anzahl von Jägern, die ihr Handwerk beherrschen, brauchen wir schon. Toll finde ich, dass der Wolf und in manchen Regionen Europas sogar der Bär zurückkehrt.

Klima: Die Schadgase, die durch die Nutztierhaltung entweichen, sind durchaus ein Problem. Trotzdem ist der Mensch der größte Verursacher von Emissionen. Das muss global angegangen werden. 

Lieblingstier: Schweine sind in meinen Augen noch intelligenter als Hunde. Und sie sind tolle Mütter. Die Schweine-Skulptur in unserem Garten hat mir mein Mann geschenkt  und stammt von einer Münchner Künstlerin.

Mehr Kontrollen was jegliche Tierhaltung angeht, wären nötig, aber die Veterinärämter können nicht alles stemmen. In München geht man glücklicherweise auch anonymen Hinweisen nach. 

Nutzen: Ich bin kein Gegner von Tierversuchen, wenn diese der Gesundheit des Menschen und der Tiere dienen und es keine alternativen Lösungen gibt. Die Auflagen und Kontrollen in Deutschland sind sehr streng. Skandale, wie die 2014 aufgedeckten Misshandlungen der Affen am Max-Planck-Institut, sind absolute Einzelfälle. 

Olympia: Der Vorfall mit Saint Boy beim Fünfkampf in Tokio hat bei uns für einen Aufschrei gesorgt. Auf die Bundestrainerin wird man nun ein besonderes Auge haben, das sollte hoffentlich reichen. 

Pelztiere: Was in Pelzfarmen im Ausland passiert, ist schrecklich. Auf die Frage, was man mit dem alten Pelzmantel der Großmutter machen soll, habe ich ehrlich gesagt keine Antwort.

Qualzuchten, wie beispielsweise Nacktmeerschweinchen, werden oft über Ebay-Kleinanzeigen vertrieben. Das gehört beides verboten. Oder Königspythons, die in Farben gezüchtet werden, die in der Natur gar nicht vorkommen. Das führt bei den Schlangen zu neurologischen Störungen. 

Replace, Reduce, Refine: Das 3R-Prinzip ist wesentlicher ethischer Leitgedanke bei Tierversuchen. Also die Reduzierung und Verfeinerung von tierexperimentellen Methoden sowie die Entwicklung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden.

Schlafverhalten von Pferden: Ich habe eine Pseudo-Narkolepsie untersucht. Pferde, die plötzlich zusammenbrechen. Herausgekommen ist, dass sie einen REM-Schlafmangel haben, der zum Beispiel durch häufige Stallwechsel verursacht wird. Das kann man oft wieder in den Griff kriegen, wenn man die Haltungsbedingungen verbessert.

Transporte: In Bayern ist man bemüht, die Bedingungen zu verbessern. Wir sind auf einem guten Weg. 

Unterhaltung: Formate wie Seelöwen-Fütterungen in Zoos sind natürlich Zuschauermagneten. Sie haben zum Ziel, die Tiere zu beschäftigen, sind aber auch Teil des Medical-Trainings.

Veganer sollten anderen gegenüber trotzdem tolerant sein. Ausschließende Haltungen sind nie gut. 

Wenn sich Tierrechtler nicht illegal Zutritt zu so manchem verschafft hätten, wäre einiges nicht aufgedeckt worden. Ich persönlich kann daher ein Auge zudrücken. 

XS: Labormäuse sind die kleinsten Tiere, mit denen ich regelmäßig zu tun habe. Elefanten wären die größten gewesen – aber der Circus hat die Untersuchungen verweigert. 

Yeti: Falls es ihn tatsächlich gibt, ist er in meiner Vorstellung eher Mensch als Tier (lacht). 

Zoos haben eine wichtige pädagogische Aufgabe und tragen zur Arterhaltung bei. Auslaufen lassen sollte man meiner Meinung nach aber die Haltung von beispielsweise Eisbären oder Elefanten. Der Platzbedarf steht hier häufig in der Kritik. 

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