A bis Z mit Familien- und Paartherapeut Dr. David Wilchfort

Dr. David Wilchfort: „Besser die Diät mit einem  Plätzchen verderben als die Atmosphäre...“

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Familien- und Paartherapeut Dr. David Wilchfort (72) von A bis Z.

Geschenke, leckeres Essen, ein schöner Baum, Streit, Ärger und Stress: So muss Weihnachten nicht sein! Dr. David Wilchfort gibt in Hallo Tipps, wie es Weihnachten im Familienkreis friedlich bleibt

Die Schwägerin weiß wieder alles besser, der Partner macht ein liebloses Geschenk und die Oma bemerkt seufzend, dass sie zum Braten früher immer Semmel- UND Kartoffelknödel gemacht hat. Und plötzlich reagiert die Gastgeberin unverhältnismäßig barsch... „Weihnachten brechen oft Konflikte auf“, weiß Familien- und Paartherapeut Dr. David Wilchfort. „Das liegt an der hohen Erwartungshaltung. Läuft der Tag nicht toll, eskaliert es schnell.“ Über 45 Jahre praktiziert der 72-Jährige schon, er selbst ist über 50 Jahre verheiratet. Jetzt hat er für Beziehungskrisen ein neues Konzept entwickelt: „Auf meiner kostenlosen Website www.couplecoaching.de gibt es eine Übung: Einmal am Tag soll man sich fragen ,Was war heute ein schöner Moment in unserer Beziehung?‘ und das notieren“, erklärt der Obermenzinger. Dadurch, dass man den Blick aufs Positive lenkt, strahle man etwas anderes aus und auch beim Partner sei eine positive Wechselwirkung zu beobachten. Das lasse sich auf Weihnachten übertragen: „Wenn meine Schwiegermutter reinkommt, kann ich darüber genervt sein, dass sie schaut, wo Staub liegt, Oder ich kann mich darüber freuen, wie liebevoll sie mit meinem Sohn umgeht.“ Mehr Tipps lesen Sie im Hallo-Interview. Maren Kowitz

Familien- und Paartherapeut Dr. David Wilchfort (72) von A bis Z

Anfahrt: Man muss sich in vollen Zügen oder im Stau auf die Vorfreude konzentrieren. Wenn man sich positive Situationen ausmalt, wird man die Reise anders erleben, anders ankommen, das Fest anders genießen und nächstes Jahr wiederkommen.

Beherrschung: Oft gerät man in Versuchung, einen spitzen Kommentar abzulassen. Da sollte man sich beherrschen. Besser seine Diät mit einem extra Plätzchen verderben als die Atmosphäre...

Chronisch: Das Gehirn verführt uns zu einer Betonung der negativen Wahrnehmung, da muss man aktiv gegensteuern.

Depression: Nicht jedes traurig Sein ist eine Depression. An so einem Feiertag an den verstorbenen Onkel zu denken, der diesmal nicht dabei ist, macht traurig. Aber man sollte auch wieder damit aufhören.

Erwartungen: Viele denken, es soll der harmonischste Tag des Jahres werden. Das verursacht Leistungsdruck und Enttäuschungen. Erwartungshaltung ist immer schlecht, besonders übertriebene.

Frischluft: Jeder darf mal rausgehen – auch ohne eine Zigarette rauchen zu müssen. Dieses Stück Auszeit tut oft gut.

Geschenke: Man soll seine Gedanken in das Paket mit einpacken, entweder eine kleine Notiz dazu schreiben oder kurz sagen, was man sich gedacht hat. Das macht das Geschenk oft wertvoller.

Hart sitzen: Man soll nicht den Opa automatisch in den weichen Sessel verfrachten, damit er es bequem hat. Vielleicht will er lieber auf einem harten Stuhl sitzen, damit er besser aufstehen kann. Wie immer ist hier wichtig: Zuhören, auf den anderen eingehen und ihm nicht die eigenen Vorstellungen aufzwingen.

Individuell: Es gibt leider keine Regel für alle Familien. In manchen ist es gut, wenn jeder etwas getrennt macht, in anderen ist es wichtig, dass man zusammen ist.

Jähzorn: Wenn ich etwas raus schreie, bin ich es nicht los. Es geht noch tiefer in mein Gehirn. Die, die angeschrien werden, hören nicht den Inhalt – nur den Schrei.

Kommunikation: Manchmal will ich es mir ersparen, etwas im Vorfeld abzusprechen, und am Ende kostet es viel mehr Zeit. Ein Anruf dauert fünf Minuten. Wenn man es nicht besprochen hat, handelt man sich ein Riesending ein. Ich muss nicht alles besprechen, aber alles, bei dem ich Zweifel habe, ob das gut geht.

Leistungsdruck: Manche wollen es sich einfacher machen – Würstchen statt Gans zum Beispiel. Aber es ist nicht das Was, sondern das Wie. Die meisten Menschen schaffen es auch bei Würstchen Leistungsdruck zu erzeugen.

Materialschlacht: Es ist eine Mode zu sagen: Wir schenken uns nichts. Man sollte sich aber im Vorfeld intensiv Gedanken machen, was wollen wir wirklich, wie würdest du dich fühlen, wie geht es mir damit. Aber es ist wichtig, etwas genau zu vereinbaren. Sonst geht das immer schief, weil einer sich nicht daran hält.

Nüchtern: Es ist schade, die Schönheit der Situation zu verpassen, weil man sein Bewusstsein eingetrübt hat.

Offenheit: Frechheit wird oft mit Offenheit verwechselt. Jeder denkt, man darf nicht leugnen, wenn ihn etwas ärgert, vergisst aber offen zu sein, wenn ihn etwas freut.

Passiv-aggressiv: Auf gefühlte Vorwürfe sollte man eingehen – aber positiv. „Du sagst es zwar nett, aber ich habe das Gefühl, es ist ein Vorwurf.“ Dann wird derjenige eher einlenken und sagen: „Du hast recht, das hat mich geärgert.“

Quantität: Alle Bedürfnisse kann man nie unter einen Hut bringen? Den anderen fragen, heißt nicht automatisch, es ihm recht zu machen. Aber wir müssen uns vorher einigen, dass wir nicht nachher voneinander enttäuscht sind.

Rechtzeitig: Man sollte es bereits im Herbst klären, ob man den geschiedenen Ehemann der Mutter einlädt. Man repariert auch sein Loch im Dach am besten im Sommer, wenn die Sonne scheint, nicht, wenn es stürmt und reinregnet.

Single: Wenn ich mich einsam fühle, sollte ich mich fragen, ob ich tatsächlich ausgeschlossen werde oder ich mich vielleicht auch selbst ausschließe. Das kommt öfter vor, als man denkt.

Themen: Weihnachten ist nicht der beste Zeitpunkt, Reizthemen zu klären. Wenn man etwas Wichtiges zu klären hat, sollte man einen Arbeitstermin dafür ausmachen.

Unwichtig: Manchmal entzündet sich der Streit an Lappalien. Da geht es dann nicht darum, ob man jetzt spazierengehen soll oder fernsehen – da geht es darum, ob man sich respektiert fühlt.

Verpflichtungen: Wen ich Weihnachten einladen will und muss, ist wirklich ein schwieriges Thema. Aber wenn alle Beteiligten eine positive Grundstimmung haben, kann man auf die beste aller schlechten Lösungen kommen.

Warmes Getränk: Da gibt es wissenschaftliche Untersuchungen. Wenn ich eine warme Tasse Tee in der Hand habe, rede ich weicher wie wenn ich ein kaltes Glas Bier halte. Aber: Das ist nur ein Minimaleffekt. Es wird nicht automatisch friedlich, wenn alle heißen Tee trinken.

X-Chromosom: Jeder Mensch hat andere Chromosome, deswegen streitet jeder Mensch anders. Zwischen Männern und Frauen ist es nicht viel unterschiedlicher als zwischen Frau und Frau.

Yes: Mein Sohn lebt mit seiner Familie in New York. In Amerika ist es ganz üblich, dass es bei Familienfeiern klare Regeln gibt, welche Themen nicht angesprochen werden, meist Politik und Religion.

Zwang: Die Realität bestimmt schon so viele der Zwänge, unter denen wir stehen. Deswegen sollte man zwischenmenschliche auf ein absolutes Minimum reduzieren.

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