„Von der Politik bin ich sehr enttäuscht“

Corona: Münchner Arzt über den Impf-Western, Seehofer und Mythen 

Seine erste Impfung war ein „aufregender Moment“ – HNO-Arzt Rainer Jund.
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Seine erste Impfung war ein „aufregender Moment“ – HNO-Arzt Rainer Jund.
  • Claudia Theurer
    VonClaudia Theurer
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Seit März impft der Münchner Dr. Rainer Jund gegen Corona. Dass es bei der Pandemie zu Goldgräberstimmung gekommen ist, kritisiert er scharf. Was die Politik noch verbessern könnte.

Ängste zu schüren und mit der Unsicherheit zu arbeiten, findet der Münchner HNO-Arzt und Sachbuchautor unverzeihbar. Er nennt es „Impfwestern“. Mit welchen bayerischen Politikern er hart ins Gericht geht, welche Erfahrungen der 56-Jährige selbst beim Impfen gemacht hat und welche Internet-Mythen er entkräften kann, lesen Sie hier. von CLAUDIA THEURER

Herr Dr. Jund, in Ihrem Buch behandeln Sie das Thema Impfen mit einem Augenzwinkern – und Genervtheit. Ist die Aufregung, die Sie beschreiben, immer noch Dauergast bei Ihnen?

Das hat sich gelöst. Der Grund dafür ist die Verfügbarkeit von mehr Impfstoffen. Aber dennoch gibt es jeden Tag aufregende Momente. Tausende Menschen in einem Fußballstadion zu sehen, die sich mit nacktem Oberkörper anschreien, während die Kinder mit der Maske in der Schule sitzen müssen, ist aufregend mit einer negativen Komponente.

Sie haben ja anfänglich keine Antworten auf Ihre Fragen von Impfzentren oder Gesundheitsbehörden bekommen. Wie haben Sie sich trotzdem durchgeboxt?

Wir haben gefragt, ob wir mihelfen können, gegen die Pandemie zu kämpfen. Wir wollten mitimpfen. Morgen anfangen im Impfzentrum. Morgen in der Praxis impfen. Ganz konkret habe ich angeboten, dass wir am Wochenende und nachts impfen würden. Aber am Wochenende wurde nicht geimpft. Das war unverständlich. Es geht um Leben und Tod. Meine Wahrnehmung ist, dass es Regeln hierfür geben muss, die der Gesetzgeber vorgibt. Man kann es nicht dem Gutwillen einzelner oder Beziehungen überlassen. Wir haben es mit ständiger Penetranz erreicht und das ist kräftezehrend.

Nach welchen Kriterien werden die Impfpatienten ausgewählt?

Wir impfen mittlerweile jeden, der will. Es gibt keine Priorisierung mehr. Wir arbeiten einfach eine Liste ab.

Wie war das Gefühl der ersten Impfung? Es war ja Neuland für Sie, oder?

Oh ja. Das war ein ganz besonders aufregender Moment für mich, weil ich mithelfen konnte. Nach Monaten der Unsicherheit und Verzweiflung gab es endlich Hoffnung, die ich umsetzen konnte. Das ist etwas ganz elementar ärztliches.

Gibt es noch Impfneid? Viele Leute kommen mir vor, als hätten sie beim Karteln ein Ass in der Hand.

Nein, nicht mehr. Am Anfang war das der Fall. Das liegt auch im Wesen des Menschen. Er möchte zeigen, dass er aus der Gruppe heraussticht.

Andere haben Angst vor den Nebenwirkungen...

Das kann ich verstehen. Aber allein die große Erfahrung, die wir durch die Millionen von Impfungen gewonnen haben, müsste die Angst der Menschen jetzt mildern. Viele Geschichten sind unerwiesene Angststories. Nur impfen hilft weiter. Dadurch, dass sich viele Leute impfen lassen, bleiben die Ungeimpften geschützt. Das ist ein Akt der Solidarität.

Sie schreiben: „Der Staat bewegt sich, als ob er unter fortgeschrittenem Parkinson leiden würde.“ Sind Sie von den Politikern enttäuscht?

Maßlos. Ok, sie haben eine anspruchsvolle Aufgabe. Menschen machen Fehler und sind angreifbar. Die Widersprüche der Politiker zu den Corona-Maßnahmen waren kontraproduktiv. Dass sich manche einen Aufmerksamkeitsvorteil verschaffen und Wahlkampf machen, ist nicht nur unfair, sondern kostet konkret Zeit und Mühen. Aber Ängste zu schüren und mit der Unsicherheit zu arbeiten, ist unverzeihbar. Auch das holprige Management, obwohl in einer Pandemie die Zeit zählt! Es ist sicherlich schwierig. Aber das ist es für alle Menschen.

Politiker sind also keine Vorbilder?

Dass sich Herr Seehofer weigerte, mit Astra geimpft zu werden, ist möglicherweise sein persönliches Recht, aber das Signal, das damit in die Öffentlichkeit getragen wurde, ist ein politisches gewesen und hat der Impfung geschadet. Dass Herr Aiwanger sich nicht impfen lässt, sondern die Entwicklung noch beobachten möchte, demonstriert seine Verantwortungslosigkeit und sein Unverständnis. Sich jetzt nicht impfen zu lassen, ist nicht nur medizinisch fragwürdig, sondern unsolidarisch.

Was könnte die Politik besser machen?

Viel. Und sofort. Es müsste jeden Tag zur gleichen Zeit die gleiche Person in einer motivierenden Sprache eine Bestandsaufnahme machen. Und vor allen Dingen dürften die Politiker nicht mit der Angst arbeiten. Sie ist ein schlechter Treiber, um Menschen strukturiert zu bewegen. Viele Leute haben kein Verständnis mehr für den Lockdown. Was viele nicht verstanden hatten, ist, dass die medizinische Behandlung in der Lockdown-Zeit bereits in vielen Fällen anders abgelaufen ist. Eine Triage findet natürlich dabei schon statt, in vielen kleinen Ebenen. Wenn die Klinik wegen Corona keine Notfallpatienten mehr nimmt, kommt man mit einem Herzinfarkt vielleicht in eine Klinik ins Hinterland ohne laufendes Katheterlabor.

In den sozialen Medien wurde immer wieder mal behauptet, dass Ärzte bis zu 700 Euro für eine Impfung bekämen...

Ich kenne niemanden, der das behauptet. Ärzte können dafür nichts berechnen, weil der Bund über die Kassenärztlichen Vereinigungen 16 Euro pro Impfung erstattet. Schade, dass so kontraproduktive Behauptungen auftauchen.

Korruption mit Masken, Manipulation an den Impfstellen gab es dafür tatsächlich...

Das ist leider sehr schlimm. Aber in der Geschichte gab es immer schon Kriegsgewinnler. Güter wie zum Beispiel Anzüge oder Spritzen werden verknappt und das lockt einige, ohne Moral Geschäfte zu machen.

Sind wir zur Ellbogengesellschaft geworden?

Wenn es um einen so erkennbaren Vorteil geht, um die Impfung, oder die Erlaubnis zu verreisen, entsteht ein Wettbewerb, in dem sich der Mensch zum Ellbogen-Egoisten entwickeln kann. Da steht das schnelle, greifbare Glück im Vordergrund, ohne Reflexion und Ethik.

Sie selbst nennen das auch einen Impfwestern...

Ich stelle mir vor, dass es im Wilden Westen ähnlich war. Es gab Land, es gab Gold. Die Leute wollten beides haben. Der Staat war nicht da. Bei den ersten Wochen an der Impffront gab es für mich ähnliche Szenen. Ähnliche Bedingungen. Respekt und Anstand werden leicht vernachlässigt.

Wie schätzen Sie die Delta-Variante ein?

Geschwindigkeit ist der entscheidende Parameter. Das Virus ist immer schneller, deshalb müssen wir vorbereitet sein auf eine andere Verbreitung. Das Gesundheitssystem müsste Corona ausklammern und die Versorgung und Nachsorge einigen speziellen Häusern überlassen, Corona-Schwerpunktkliniken, und alle anderen machen ihren normalen Job und greifen nur im Notfall ein. Dann gäb es ein, zwei Coronanzentren in München. Die Schulen müssen sich vorbereiten auf die Varianten. Lüfter, Lehrpläne, Ausbildungs- und Raumkonzepte müssen angepasst werden. Nach Delta kommen noch andere Varianten. Ganz sicher!

Ihre Prognose?

Ich glaube, dass dieser Virus, wie viele andere auch, zur gesundheitlichen Evolution des Menschen gehört. Wie die Influenza. Aber es ist ein Unterschied, wie schwer wir erkranken und ob zusammen alle in vier Monaten oder im Laufe von vier Jahren. Ich hoffe für uns und unsere Kinder, dass wir gut damit umgehen können. Gegen Die Natur sind wir machtlos, wird sind ein Teil von ihr.

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