Neuer Roman und Nachtleben-Größen erinnern an Münchens Disco-Szene

Comeback der 80er-Helden

Norbert Schmitz (links) war bekannter Türsteher im „P1“, später im angesagten „Parkcafé“ und im „Paradiso“.
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Norbert Schmitz (links) war bekannter Türsteher im „P1“, später im angesagten „Parkcafé“ und im „Paradiso“.

Altstadt - Michel Decar hat eine Liebeserklärung an die 80er-Jahre in München geschrieben: Ein Party-Macher, ein Club-Besitzer und DJ Hell erinnern sich an die bunte Zeit

Er entschied, wer in Münchens exklusivste Clubs durfte: Kult-Türsteher Norbert Schmitz. Anlässlich eines neuen Romans über die Münchner Disco-Szene der 80er, erinnern sich Nachtleben-Größen wie Schmitz, DJ Hell oder Wanja Belaga an Schulterpolster, Mallorca-Löckchen und Turnschuh-Verbot. Was sie vermissen und wo die 80er-Helden jetzt wieder voll durchstarten.

Die Kultzeit lebt wieder auf

Die bayerische Landeshauptstadt in den 80ern: Das hieß Vielfalt in der Musik­szene, Mode mit Schulterpolstern und angesagte Clubs – mit sehr strengen Türstehern. Genau diese Zeit beschreibt Autor Michel Decar (31) in seinem neuen Roman „1000 Deutsche Diskotheken“. Er spielt im Sommer 1988 und dreht sich um einen Ermittler aus München. Hallo hat den Schriftsteller, der in München studierte und heute in Berlin lebt, getroffen. Über die Faszination dieser Kult-Zeit, wen er befragte und wo er recherchierte, erzählt Decar im Interview.

Herr Decar, warum gerade 1988?
Ich war von 89 so satt! Das konnte ich nicht mehr hören, sehen. Alle reden immer über 89. Aber 88 ist ein verlässliches Jahr, das habe ich noch nicht gelesen. Und ich hatte Lust auf eine Detektiv-Geschichte, eine Liebeserklärung, eine ‚BRD-Noir‘ am Ende des kalten Krieges.

Nennen Sie doch einmal den Prototyp eines typischen 80ers.
Mallorca-Löckchen im Nacken, Slipper, Leinenhemd, Sportsakko mit hochgekrempelten Ärmeln. Dazu raucht er Mentholzigaretten und trinkt Bacardi-Cola als gäbe es kein morgen. Wie mein Hauptdarsteller Frankie.

Hätten Sie gerne 1988 gelebt?
Kurz, vielleicht eine Woche, in der alten BRD mit all ihren Spleens und Neurosen, den Diskussionen und Moden.

Wie haben Sie recherchiert? Sie waren 1988 erst ein Jahr alt, haben diese Zeit unbewusst erlebt.
Ja, tatsächlich, es war schon schwer zu recherchieren, das Internet kann man da total vergessen. Ich wollte vor allem in Details ganz genau sein. Ich habe Anfang 2016 angefangen – das Buch „Mjunich Disco“ gelesen. Dann habe ich überlegt, wie ich an weitere Fakten komme.

Wodurch gelang das?
Man hat da so seine Tricks. Ich habe mir alte Branchenbücher von 1988 in der Staatsbibliothek ausgeliehen, darin unter dem Stichwort Gaststätten akribisch gesucht, welche Diskotheken in diesem wirklich existierten. Alle Diskotheken, Bars, Spelunken und Adressen im Buch sind ja echt! Dann habe ich die Familie befragt und sämtliche umtriebige Onkels konsultiert. Und ich habe Recherche-Ausflüge gemacht, war etwa bei der Zentrale der Bahn, habe Akten studiert.

Kommen tatsächlich 1000 Diskotheken im Buch vor?
Es ist eine mystische Zahl, sie hat mir gefallen! Wer nachzählt: Ins Buch haben es leider nicht 1000 Diskotheken geschafft.

Die Geschichte beginnt mit dem Madonna-Song: „White Heat“.
Absolut. Dieser Song ist seltsam, schräg, mit ihm stimmt etwas nicht. Er ist hinterhältig. Verschlagen. Vielleicht wie Frankie.

Wen hätten Sie aus dieser Zeit gerne kennengelernt?
Den Schriftsteller und Journalisten Jörg Fauser!

Marie-Julie Hlawica

Club-Gastronom und Lebenskünstler

Eben erst hat er die „Paris-Bar“, die in den 80er-Jahren Nachtschwärmer nach Haidhausen zog, als „Provisorium“ wiedereröffnet. Nicht das erste Lokal von Club-Macher Wanja Belaga, Mitte der 60er in Moskau geboren und als Teenager nach München gekommen. 

Belaga, Pianist und Kultur-Talent, macht vor nichts Halt: „Man musste auch damals wissen, wo man hin will.“ Als junger Student lässt er sich in der Zeitschrift „Mädchen“ portraitieren, landet als junger Musiker einen Rap-Hit in Asien. Jede Gruppe hatte ihren Dresscode, ich war eine Mischung aus Popper und Powerflower- Individualist: Meine Frisur zum davonrennen, aber dazu trug ich Batikkleidung. Ich war jung und habe das Leben genossen!

Als Künstler gründet er das Projekt Berdux in Pasing, das Festspielhaus in der Domagk­straße: „Der ,Prager Frühling‘ kam in die Giselastraße. Vor der Sonnenstraße haben sie mich gewarnt: Da stechen sie Dich ab. Doch die Manufaktur wurde ein Erfolg.“ 

Frägt man ihn heute nach den Hotspots von von früher, ist seine Antwort klar: „Die Places to be waren Parkcafé, P1, das Far Out am Kosttor, eben die Parisbar."  In das „Größenwahn“ sei er allerdings nie reingekommen. „Türsteher waren viel härter, damals, natürlich, denn es war die Zeit der Hedonisten!“

Sein Salon Irkutsk in Schwabing gilt heute als Inbegriff der Bohemiens. Sicherlich trägt sein Flair auch zu diesem Erfolg bei.  „Man traute sich das Hässliche, das Künstliche, das Grelle. Heute ist alles viel glatter, viel spießiger, unpolitischer. Keine Nackten, kaum Provokationen, wir sind prüde, bigott, fast bipolar.“

Als junger Student ließ sich Wanja Belaga in der Zeitschrift „Mädchen“ portraitieren.

P1 und Parkcafé: Kulttürsteher über Regeln & Bademäntel

Norbert Schmitz war bekannter Türsteher im „P1“, später im angesagten „Parkcafé“ und im „Paradiso“. Der Experte in punkto Nachtleben gründete die Blub-Club-Reihe, veranstaltet heute Luna-Parties. In Hallo erinnert er sich. 

„Neben P1 und dem Parkcafé gab es viele andere Läden wie die Negerhalle, Sugarshake, Why Not und Babalu Club! Dresscode galt auf alle Fälle für Leute, die man nicht kannte. Wenn jemand bekannt im Club war, konnte man auch nackt mit Bademantel ausgehen – ist auch vorgekommen! Der Spaßfaktor war definitiv an erster Stelle. Wichtig an den 80ern war für mich die Vielfalt! Ich bin froh, dass ich die 80er im richtigen Alter erleben durfte. Heute ist alles voll mit Regeln. Türsteher waren damals konsequenter. Heute gibt es doch kaum noch Türsteher, nur noch Security, die sich den ganzen Abend über Nahkampf und Nahrungsergänzungsmittel austauschen! Türsteher damals waren Gastgeber, man hat mit den Leuten, auch mit den Abgewiesenen, kommuniziert. Das ist der Grund, warum es damals viel weniger unangenehme Zwischenfälle an der Tür gab. Ich habe sehr viele Freunde und Bekannte aus dieser Zeit, die Leute von damals halten bis heute zusammen.“

Zeit des Größenwahn

Helmut Geier startete vor 30 Jahren seine Karriere am Plattenteller in München. Bis heute ist der 55-Jährige als „DJ Hell“ der Mann, wenn es um Elektro, Trance und Techno geht. Rund um den Globus bringt Hell noch immer die Massen zum Tanzen. In Hallo erzählt er von seinen Anfängen während Münchens Kultdekade. „Die 80er hatten musikalisch viel zu bieten. Aus Punk wurde New Wave, gefolgt von der deutschen Welle. Hip-Hop stand in den Startlöchern und Elektro explodierte Mitte der 80er, gefolgt von House & Acid House, bevor alles plötzlich Rave Music sein musste und gleichzeitig die ersten Techno Traxx veröffentlicht wurden. Es gab in München eine große Aufbruchsstimmung im künstlerischen Bereich – alles war neu, innovativ, es wurde viel experimentiert. In meinem Umfeld war das Tanzlokal ,Größenwahn‘ in der Klenzestraße das Nonplusultra. Hier wurde alles definiert, was später meine weitere künstlerische Laufbahn beeinflusste. Dort hatte ich die ersten wegweisenden DJ-Bookings, konnte mich frei entfalten. Früher waren alle hier, heute wollen alle nach Berlin. In den 80ern gab es diverse Dresscodes, die sich in kurzer Zeit wieder überholten. Zuerst mussten die Cowboystiefelträger in Levis-Jeans verdrängt werden. Von Designer Anzügen bis Trainingsanzügen war alles erlaubt, es gab aber auch den Code „no trainers“, also keine Turnschuhe. Peinlich waren nur die Leute, die um jeden Preis ins P1 wollten und sich dabei alles nur Erdenkliche ausgedacht hatten. Die P1-Türsteher Norbert Schmidt und Klaus Gunschmann wurden hier zu Münchner Legenden.“ 

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