„München – unsere zweite Heimat“

Circus Roncalli-Gründer Bernhard Paul (70) von A bis Z

Circus Roncalli-Gründer Bernhard Paul (70)
+
Circus Roncalli-Gründer Bernhard Paul (70)

Neuhausen: Die Roncalli-Manege öffnet dieser Tage ihre Pforten – auf der großen Freifläche im Kreativquartier an der Dachauer Straße.

Der Österreicher Bernhard Paul und sein Circus Roncalli verzaubern mit Nostalgie, Poesie und Magie. Den Hauptsitz hat das Familien-Unternehmen in Köln – im Herzen steckt aber ganz viel München! Hier hat der Circus-Patriarch seine Frau kennengelernt und geheiratet, zwei seiner drei Kinder sind hier geboren – und haben Gerd Käfer als Taufpaten. „In keiner anderen deutschen Stadt haben wir öfter gastiert. München ist meine und unsere zweite Heimat“, sagt der heuer 70 Jahre alt gewordene Paul im Hallo-Gespräch. Von Samstag, 7. Oktober, bis Sonntag, 12. November, gastiert er mit der Jubiläumstournee „40 Jahre Reise zum Regenbogen“ am Leonrodplatz. Im Gepäck: sein 1500-Zuschauer-Zelt, 80 historische Wagen sowie 120 Artisten und Mitarbeiter – darunter auch seine beiden Töchter. Warum er letztmals Ponys dabei hat, was ihn mit dem Circus Krone verbindet und inwiefern er gerne wieder auf dem Münchner Stadtplan verewigt wäre, verrät Bernhard Paul hier. Marco Litzlbauer

Adrian: Mein Sohn ist in München geboren und Direktor unseres Apollo-Varietés in Düsseldorf. Er ärgert sich, dass er diesmal nicht in München dabei sein kann.

Bundesverdienstkreuz: Das bedeutet mir viel. Aber: Ich kann mich erinnern, wie in München mal ein altes Mutterl in meine Garderobe kam und einen Teller dabei hatte mit Stanniolpapier darüber. Es war ein frischer, selbstgemachter Guglhupf als Dank, dass sie in unseren Vorstellungen immer so viel Freude habe. Das sind die wahren Verdienstkreuze.

Circus Krone: Es ist der letzte Riese – davor ziehe ich meinen Hut. Als ich als Kind das erste Mal im Circus Krone war, haben mir die Knie geschlackert. Das große Baumwollzelt stand da wie ein Elefant von einem anderen Planeten. Mein Bruder und ich waren so fasziniert, dass wir es als Modell nachgebaut haben. Dafür brauchten wir Unterlagen. Wir haben Herrn Sembach einen Brief geschrieben – und er hat tatsächlich geantwortet und uns die Pläne geschickt. Die habe ich bis heute. Außerdem habe ich dort meine Frau kennengelernt: Ich habe sie als Artistin gesehen und sofort gesagt: Die werde ich heiraten.

Dynastie: Meine Frau gehört in achter Generation zu einer großen italienischen Circus-Dynastie. Es gab neulich ein Familientreffen in Mailand – da waren 2000 Personen! Und alle irgendwie miteinander verwandt. Nach dem Tod meines Bruders war ich eigentlich alleine auf dieser Welt – jetzt bin ich im Prinzip mit ganz Italien verwandt.

Exil: 2008 wurde ich zum „Auslandsösterreicher des Jahres“ gewählt. Die Gault-Millau-Ehrung zum „Feinschmecker des Jahres 2016“ bedeutet mir in einem Feinschmecker-Land wie Österreich aber fast noch mehr.

Flächen: Heuer schlagen wir unsere Zelte in München am Leonrodplatz auf. Im Vergleich zum Viehhofgelände beim letzten Mal ein Fortschritt. Dennoch trauere ich der Zeit nach, als wir auf der Wiese standen, auf der jetzt die Pinakothek der Moderne steht. Im Volksmund nannte man diesen Platz schon Roncalliplatz – sogar auf Stadtplänen war er so verzeichnet. Seit damals sind wir in München quasi immer auf Herbergssuche.

Geburtstag: Dass ich heuer 70 geworden bin, ist ein Gerücht. Ich fühle mich wie 40 – genauso alt wie mein Circus. Und Künstler haben ohnehin kein Recht auf Ruhestand – das haben nur Bergarbeiter.

Heller, André: Sein Einfluss auf Roncalli wird überschätzt. Er war zwar Mitgründer, aber nur drei Monate dabei. Auf 40 Jahre gerechnet ein geringer Prozentsatz.

Illusion: Es heißt, ein Circus verkaufe Illusionen. Im Vergleich zum nun beendeten Wahlkampf sind wir aber Waisenknaben. Wenn wir fliegende Menschen versprechen, dann fliegen sie wirklich. Was sagen aber Parolen wie „Für mehr Gerechtigkeit“ wirklich aus? Politiker sind die wahren Gaukler.

Jubiläum: Wenn einem etwas Spaß macht, vergehen 40 Jahre wie im Flug. Lang kommt mir Zeit nur beim Warten und beim Zahnarzt vor.

Köln: Der Hauptsitz von Roncalli. Dort hat man jetzt sogar die Straße nach uns benannt. Ich selbst habe zwar Wohn­sitze in Köln, Wien und auf Mallorca – lebe aber die meiste Zeit des Jahres im Wohnwagen.

Lili: Meine jüngste Tochter ist jetzt 19 Jahre alt. Auch sie ist ein echtes Münchner Kindl – und bildhübsch. Sie hat viele Angebote von Model­agenturen und Filmemachern. Sie muss sich jetzt aber erstmal auf ihr Abitur konzentrieren.

Museum: Ich habe mein Leben lang gesammelt – nicht nur Circus- und Varieté-Sachen. Unter anderem besitze ich das letzte Filmkostüm von Marlene Dietrich und über 350 Gitarren – von den Stones, David Bowie und den Beatles. Ich baue gerade ein Museum in Köln. Aber nicht mit Schaukästen und Infotafeln – sondern mit lebendig gewordenen Geschichten.

Notfall: Von wirklich schlimmen Unfällen sind unsere Artisten bisher zum Glück verschont geblieben.

Oesterreich: Da bin i her, da g’hör i hin – I am from Austria. Mein Urgroßvater war übrigens der Textdichter von Johann Strauß Sohn und hat den Text zur inoffiziellen Hymne Österreichs geschrieben – dem Donauwalzer.

Poesie: Früher war beim Circus alles auf Todeskitzel ausgelegt. Wir sind einen anderen Weg gegangen – weshalb man uns Poesie attestierte. Das kam so gut an, dass auf den Plakaten unserer Konkurrenz irgendwann Aufkleber mit „Jetzt mit Poesie“ pappten.

Quereinsteiger: Ich war bei einer großen Agentur der jüngste Art-Director Österreichs. Ich habe mich gefragt: Was soll jetzt noch kommen? Dann ist mir mein Traum vom Circus eingefallen.

Reiter, Dieter: Seine Schirmherrschaft freut mich sehr. Dadurch erkennt er an, dass Circus eine Volkskultur ist. Circus verbindet – anders als bei Film, Theater oder Musik lachen bei uns alle Leute, egal welcher Klasse oder welchen Alters.

Speisen: Wir erweitern gerade unser Angebot um Vegetarisches und Veganes.

Tiere: Haben wir ab 2018 nicht mehr. Das ist kein Kniefall vor der Tierschutzorganisation „Peta“. Als Großstadtcircus findest du einfach keine Wiesen mehr, auf denen Ponys stehen können.

Umbau: Auf- und Abbau dauern jeweils etwa drei Tage – der Aufbau etwas länger.

Vivian: Meine ältere Tochter hat grandioses parodistisches Talent. Sie macht die Josephine Baker – da liegst du am Boden.

Wilhelmsburg: In diesem kleinen österreichischen Ort bin ich aufgewachsen bis ich 13 war. Dort habe ich mit sechs Jahren auch meinen ersten Circus gesehen – und war sofort infiziert.

Xylophon habe ich nicht gespielt. Aber Trixon – ein Schlaginstrument, das ich tatsächlich wegen des grafisch-hübschen „X“ in der Mitte ausprobiert habe.

Yacht: Ich kaufe mir keine Probleme – alle Yachtbesitzer, die ich kenne, haben Probleme damit. Aber unsere Event-Kompanie macht Shows auf einem Kreuzfahrtschiff.

Zippo: Meine Clown-Nummer, die ich über alles liebe. Durch das Museums-Projekt liegt die momentan auf Eis – wird aber bald wiederbelebt. Versprochen!

Auch interessant:

Meistgelesen

Monika Gruber: „Ich tanze viel zu wenig nackert durchs Haus“ 
Monika Gruber: „Ich tanze viel zu wenig nackert durchs Haus“ 
Konstantin Wecker: „Denen geht es nicht um Freiheit für alle“
Konstantin Wecker: „Denen geht es nicht um Freiheit für alle“
Isarindianer Willy Michl wird 70 – im Interview spricht der Bluesbarde über seine Geheimnisse
Isarindianer Willy Michl wird 70 – im Interview spricht der Bluesbarde über seine Geheimnisse
Unternehmerin Kathrin Wickenhäuser-Egger - Zwischen Erbe und eigenen Wegen
Unternehmerin Kathrin Wickenhäuser-Egger - Zwischen Erbe und eigenen Wegen

Kommentare