FW-Chef Hubert Aiwanger und Ministerpräsident Markus Söder im Hallo-Interview

„Besonders, aber nicht überheblich“

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Vor 100 Jahren startete auf der Theresienwiese die rote Revolution, aus der der Freistaat hervorging. Jetzt steht Bayern eine orange-schwarze Revolution bevor.

München – Ministerpräsident Markus Söder und Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger erklären im Hallo-Interview, wie sie sich die orange-schwarze Revolution im Landtag vorstellen

Vor drei Wochen hat Bayern gewählt, bis zum 7. November soll die Koalition von CSU und Freien Wählern stehen. Dann wird mit einem Festakt 100 Jahre Freistaat gefeiert. Dazu werden im Nationaltheater 800 Gäste aus ganz Bayern erwartet – darunter auch Schüler sowie Soldaten, die im Auslandseinsatz waren. Wie die zukünftigen Spitzenpolitiker Bayerns, Ministerpräsident Markus Söder und Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger, das Jubiläum und die Zukunft des Freistaats sehen, verraten sie im Interview. von Sabina Kläsener

Wie beurteilen Sie die Gründung des Freistaats?
Hubert Aiwanger: Das war ein riesiger Paradigmenwechsel und für viele Bürger etwas ganz Neues. Viele wussten teilweise nichts mit der Demokratie anzufangen, daher gab es rechte Gegenbewegungen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg war die Demokratie in den Köpfen angekommen und stand auf festen Beinen.

Vor drei Wochen hat Bayern gewählt, bis zum 7. November soll die Koalition von CSU und Freien Wählern stehen.

Welche Bedeutung hat die Gründung des Freistaats für die Gegenwart?
Markus Söder: Wir können auf unsere demokratische Tradition in Bayern stolz sein. Wir feiern 2018 nicht nur 100 Jahre Freistaat, sondern auch 200 Jahre Verfassungsstaat. Wir sollten uns aber hüten, diese Errungenschaften als selbstverständlich zu betrachten. Gerade heute müssen wir die richtigen Lehren aus der Geschichte ziehen und wachsam bleiben. Nur eine wertgeleitete und wehrhafte Demokratie wird nicht zum Opfer ihrer eigenen Freiheit.

Was macht den Freistaat heute aus?
Aiwanger: Ein besonderes Selbstbewusstsein: zu wissen, etwas Besonderes zu sein, ohne überheblich zu sein. Der Freistaat zeichnet sich durch seine Eigenstaatlichkeit aus. Dadurch unterscheidet er sich von vielen anderen Bundesländern. Wir haben eine starke eigene Landestradition und Identität, beispielsweise auch den Dialekt, was wir pflegen und erhalten müssen.

Was ist die größte Herausforderung, vor der der Freistaat heute steht?
Söder: Bayern ist erfolgreich wie nie und soll es auch bleiben. Immer mehr Menschen wollen deshalb im Freistaat leben und arbeiten. Das stellt uns vor große Herausforderungen, die wir besonders in München spüren. Bezahlbares Wohnen, Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur, neue Kitas und Schulen sind Beispiele, bei denen wir schon viel auf den Weg gebracht haben. Wir werden mehr als zwei Milliarden Euro in den Ausbau des ÖPNV investieren. Für München liegt mir ein gut abgestimmtes U- und S-Bahn-Angebot besonders am Herzen. Wir wollen ein 365-Euro-Jahresticket einführen. Gleichzeitig unterstützen wir insbesondere Familien mit Kindern beim Erwerb von Wohneigentum.

„Die Politik muss mit gutem Beispiel vorangehen“

Laut Hubert Aiwangerm zeichnet sich der Freistaat heutzutage durch ein besonderes Selbstbewusstsein aus: „Zu wissen, etwas Besonderes zu sein, ohne überheblich zu sein.“Dem pflichtet Markus Söder bei: „Bayern ist erfolgreich wie nie und soll es auch bleiben.“

Und der Gegensatz von Stadt und Land?
Söder: Unser Ziel ist, dass jeder Mensch in seiner Heimat leben und arbeiten kann. Wir brauchen sensibles Wachstum in den Großstädten und müssen den Ländlichen Raum durch aktive Strukturpolitik gezielt stärken. Digitalisierung und Breitbandausbau laufen auf Hochtouren. Gleichzeitig verlagern wir behördliche Arbeitsplätze in die ländlichen Regionen. Das schafft dort sichere Arbeitsplätze, entlastet München und soll Vorbild für die Wirtschaft sein. Bayern darf kein Land der zwei Geschwindigkeiten werden.

Welche Weichen müssen für die Zukunft gestellt werden?
Aiwanger: Die Aufgabe ist heute, eine große Akzeptanz der Bürger für das Staatswesen zu erhalten oder wieder herzustellen, Vertrauen zurückzugewinnen. Die Verbindung der Bürger zum Staat muss gestärkt werden, sodass sich die Menschen gerne beispielsweise beim Ehrenamt einbringen.

Wie schafft man das?
Aiwanger: Zunächst mal muss die Politik mit gutem Beispiel vorangehen und sich glaubwürdig um die Alltagsprobleme der Bürger kümmern. Eine Symbiose von Staat und Bürgern ist das Ziel.

Kurt Eisner hat nicht nur den Freistaat gegründet, sondern auch das Frauenwahlrecht und den Acht-Stunden-Tag eingeführt. Was soll man in 100 Jahren über Sie und Ihre Amtszeit sagen können?
Söder: Das müssen einmal andere beurteilen. Meine Herausforderungen heute sind: Die Zukunft des Landes aktiv gestalten und die bayerische Identität bewahren. Beides zusammen dient den Menschen im Land.

Was muss für diese Zukunft des Landes getan werden?
Aiwanger: Es geht um den Erhalt des Wohlstands, um Sicherheit und die Sicherung unserer Lebensgrundlagen. Die damals erkämpften Arbeitnehmerrechte sind wieder in Gefahr. Heute heißt es oftmals: Gewinn vor Mensch. Vor 100 Jahren waren es schlechte Arbeitsbedingungen wie die Luft in Fabriken, mit denen man zu kämpfen hatte. Heute sind es Themen wie Burn-out, Leih- und Zeitarbeit, dass man funktionieren muss. Die Errungenschaften von damals dürfen uns in der Globalisierung nicht verloren gehen.

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