A bis Z mit dem Leiter einiger städtischer Beratungsstellen

Bernhard Kühnl: „Das oberste Gebot ist das Wohl eines Kindes“

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Kostenlose Erziehungsberatung bietet die Stelle von Dr. Bernhard Kühnl: Wer ein Kind zur Welt bringt, bekommt bis zu dessen 14. Lebensjahr halbjährlich die „Elternbriefe“ der Landeshauptstadt.

Ob rotzfrecher Teenager, schüchterner Schüler oder ein Dreijähriger in der Trotzphase: Erziehung ist nicht immer einfach. Hallo sprach mit Dr. Bernhard Kühnl über Mobbing, und Ängste

Viele Eltern, Kinder und Jugendliche brauchen bei der Erziehung ihrer Kinder Unterstützung. Seit genau 70 Jahren gibt es deshalb in München die städtischen Beratungsstellen. Dr. Bernhard Kühnl leitet fünf davon – von der Stelle in der Westendstraße 193 aus. Der Psychologe weiß, dass nicht nur Familie und Herkunft, sondern auch Gesundheit und Charakter eine Rolle in der Entwicklung spielen: „Armut in einer reichen Stadt wie München, Sprachbarrieren oder die Krankheit eines Elternteiles belasten Kinder. Wir hören ihnen zu, helfen, wo wir können.“ Dr. Kühnl berät schon seit 28 Jahren Familien in Punkto Erziehung und wird nicht müde, neue Konzepte, Ideen und Hilfestellungen zu verwirklichen. Was den Vater zweier erwachsener Kinder immer noch an seinem Beruf reizt, wieviele Fälle er und seine Mitarbeiter beraten und welche Gruppen sich oft an sie wenden, verrät der Truderinger im A bis Z.

Marie-Julie Hlawica

Anonym wird bei uns jeder beraten, der mit Erziehungsfragen zu uns kommt. Ob Eltern, Großeltern, Kinder oder Jugendliche. Wir unterliegen der Schweigepflicht und sind kostenfrei.

Beratungsstellen gibt es im Münchner Raum mittlerweile 20. Das heißt nicht, dass der Bedarf damit gedeckt ist. Je mehr Menschen nach München ziehen, desto höher wird die Nachfrage in Zukunft.

Cybermobbing ist bisher bei uns noch nicht das große Problem, eher das Binge Drinking: Junge Menschen, die sich Freitag und Samstag bis zum Umkippen betrinken. Gewalt in der Familie ist leider immer Thema.

Doktortitel habe ich als diplomierter Psychologe auch schon im Thema Erziehungsberatung gemacht.

Einzelfälle benötigen manchmal schnelles Handeln. Sehen wir das Wohl eines Kindes akut gefährdet, klären wir, ob ein Kind in Obhut durch das Jugendamt genommen wird. Manchmal auch mit Hilfe der Polizei.

Fälle habe ich im Jahr 100. 50 Mitarbeiter, davon 40 Fachmitarbeiter, arbeiten in den fünf Beratungsstellen, die ich leite. Jede betreut etwa

100 000 Bürger.

Gruppenangebote, Einzel­angebote, Familienangebote – wir haben sehr viel zu bieten. Im Einzelgespräch kann man herausfinden, welche Hilfe am besten ankommt und Wirkung zeigt. Manchmal ist es auch die Kombination.

Hausbesuche bieten wir nach Absprache auch an. Etwa bei chronischer Krankheit eines Elternteils. Oder wir helfen, das bei uns Erlernte in der häuslichen Situation umzusetzen.

International sind unsere Teams besetzt. Durch Fort- und Weiterbildung sind die Mitarbeiter sehr gut ausgebildet und auf dem neuesten Stand.

Jugendliche haben oft Schul­ängste, erleben Gewalt. Wie bei allen anderen wird ihr Anliegen natürlich vertraulich, anonym und kostenfrei behandelt. Wollen sie einen gleichgeschlechtlichen Berater, kommen wir ihrem Wunsch nach.

Krisen-Beratung können wir nur akut und stadtviertelgebunden leisten – etwa hier im Westend. Sonst muss sich jeder an seine lokale Beratungsstelle wenden, in fast jedem Stadtviertel gibt es eine.

Lösungen erarbeiten wir gemeinsam. Gegen den Willen einer Person, die in unseren Beratungsstellen Hilfe und Rat sucht, tun wir nichts.

Mehrsprachige Beratung können wir auch anbieten. Natürlich Englisch, Französisch, Türkisch, aber auch Griechisch, Serbisch oder Kroatisch. Mit der EU ist die Nachfrage nach Polnisch sehr hoch. Zum Glück spricht es eine Mitarbeiterin.

Neu ist auch für mich nach so vielen Jahren jede einzelne Beratung, denn jeder Mensch, jede Beratung ist anders. Das macht diese Aufgabe auch so interessant und spannend.

Oberbegriff: Münchner Erziehungsberatungsstellen klingt vielleicht im ersten Moment irreführend. Wir sind ja auch ausdrücklich für die da, die erzogen werden.

Prävention ist uns wichtig. Ob in Kindergruppen, Vorträgen über besondere Entwicklungs- und Erziehungsfragen oder der Versand der von uns herausgegebenen „Elternbriefe“ der Stadt München.

Qualität liefern wir offensichtlich, weil die letzte Evaluationsstudie gezeigt hat, dass wir als wirksam wahrgenommen werden und die Menschen zufrieden mit unserer Arbeit sind.

Rahmen: Die Beratung findet in unseren Häusern statt. Wir haben verschiedene Räume, Therapeuten, Ansprechpartner – und genug Platz.

Statistisch ist eine Familie oder ein Kind etwa acht bis neunmal in Beratung. Es gibt aber auch Familien, die mehrfach in unterschiedlichen Lebenssituationen wiederkommen. Kinder, die uns aufsuchen sind meist zwischen sechs und zehn Jahren jung.

Trennung und Scheidung sind problematisch für Kinder. Wir beraten beim München Modell des Familiengerichtes, wie sich Eltern etwa mit Mediation friedlich einigen und trennen können.

Unkosten: Unsere Unkosten werden zu 70 Prozent von der Stadt München getragen, 20 Prozent von freien Trägern und zehn Prozent stammen aus Fördergeldern. Die Beratung ist unabhängig von politischer, weltanschaulicher, sexueller oder religiöser Orientierung.

Verantwortung trage ich, weil ich im Bereich Kinderschutz arbeite. Ich berate nach bestem Wissen und Gewissen. Dabei gilt ganz pragmatisch: Das oberste Gebot ist das Wohl des Kindes.

Wartezeiten gibt es. Dazu kann es kommen, etwa wenn ein Dolmetscher besorgt werden muss, ein Kurs belegt oder alle Berater mit Klienten ausgelastet sind.

X-mal gefragt werde ich, ob es „den einen Fall“ gibt. Nein. Es ist wirklich so: jeder Fall ist einzigartig.

Young Generation ist heute übrigens braver als wir denken. Das belegen Studien. Sie haben sich neuen, großen Anforderungen und Ängsten zu stellen: Etwa die der wachsenden Rentenproblematik oder der schwankenden Arbeitslosigkeit.

Zeitmangel ist eines der schwierigsten Probleme, die Familien bei Erziehung heute betrifft. Oft arbeiten beide Elternteile oder Alleinerziehende viel, um die Familie zu ernähren.

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