Dieser Dialekt hat gute Karten

Benedikt Kronenbitter, Münchner Bairisch-Experte, von A bis Z

Benedikt Kronenbitter, Vorsitzender des Fördervereins Bairische Sprache und Dialekte sprach exklusiv mit Hallo von A bis Z.
+
Benedikt Kronenbitter, Vorsitzender des Fördervereins Bairische Sprache und Dialekte sprach exklusiv mit Hallo von A bis Z.

So ein Schmarrn – Bairisch stirbt nicht aus. Davon ist der Münchner Vorsitzende des Fördervereins „Bairische Sprache und Dialekte“, Benedikt Kronenbitter, überzeugt. Im Interview vo A bis Z

„Nicht mit mir“, fügt er hinzu. Sein Verein boomt: Das Interesse steigt ständig, heute zählt der Verein 3250 Mitglieder. In Schulen und Kitas bringen die Bairisch-Experten Kindern den Dialekt bei. Zum Tag der Muttersprache am 21. Februar erklärt Benedikt Kronenbitter sein Ziel – Bairisch soll als Minderheitensprache im Kader der Vereinten Nationen aufgenommen werden. Denn: „Bairisch ist eine wunderschöne und präzise Sprache“, findet er. Seit Kurzem bieten der 49-jährige Ludwigsvorstädter und seine Mitstreiter Wirten an, ihnen zu helfen, Speisekarten zu verfassen. Da steht nämlich manchmal Blödsinn drin – zum Beispiel Schweinebraten oder Fleischpflanzerl. Warum das verkehrt ist, was der Unterschied zwischen „zwo, zwee und zwoa“ ist und welche Ziele der Förderverein sich gesetzt hat, hat Benedikt Kronenbitter im Hallo München-Interview verraten. Hanni Kinadeter

Aussterbn: Bairisch stirbt nicht aus, solche Schlagzeilen fuchsen mich. Das Einzige, das uns alle trifft: Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht zu schnell anpassen, wenn jemand Schriftdeutsch spricht.

Bissgurre: Das Wort hat nichts mit Bissgurke zu tun, wie viele sagen. Gurre ist Althochdeutsch für eine Stute. Schimpfen auf Bairisch ist viel netter, weil es meistens mit einem Augenzwinkern ist und nicht persönlich verletzend.

Christbaum heißt das bei uns und nicht Weihnachtsbaum – ganz egal ob da ein Fatschnkindl drunter liegt oder nicht, also ein Wickelkind. In Bayern kommt das Christkindl und nicht der Weihnachtsmann.

Dad i song: Im Bairischen wird oft der Konjunktiv verwendet, das finde ich sympathisch, weil es dem bayerischen Naturell entspricht: Wir haben nicht den Anspruch, Recht zu haben. Es könnte so sein.

Erst in den 80ern hat das erste Mal jemand Bairisch bei den U-Bahn-Durchsagen gesprochen. Das war der Schütz Franz, der vergangenes Jahr gestorben ist – ein Vereinsmitglied. Danach haben sie, glaube ich, mit Absicht Leute eingesetzt, die Bairisch sprechen.

Fei ist ein Füllwort, das man nicht übersetzen kann. Es bekräftigt etwas. Wer Bairisch lernen will, scheitert an solchen Wörtern. Deswegen sage ich immer: Das kann man nicht lernen.

Gwandt ist ein Wort, das ich sehr mag. Es hat viele Bedeutungen: tüchtig oder schlau; aber auch brauchbar und nützlich. Und angezogen sein: Bist gwandt?

Haferl sagt man in München nicht, sondern Tass. Das Münchnerisch unterscheidet sich deutlich vom ländlichen Bairisch.

Isarpreißen: Das sagt man manchmal über die Münchner – es geht auch nicht anders, bei dem Zuzug, den wir jedes Jahr haben.

Joppn: Die Tracht, die zur Wiesn getragen wird, wird immer besser. Vor fünf Jahren war es viel schlimmer! Trotzdem gibt es zwei Sachen, die nicht funktionieren: Ein Bayer würde nie ein rotes Halstuch zur Lederhosn tragen. Und es schaut furchtbar aus, wenn die Strümpfe nicht hochgezogen sind und die Kniebundhose nicht gebunden ist.

Kukurutz ist ein altes bairisches Wort für Mais. Ich glaube, wenn ich das am Viktualienmarkt verlangen würde, wüssten die Händler, was ich meine.

Loamsiada ist mein bairisches Lieblingsschimpfwort. Es bezeichnet einen unbeholfenen, langweiligen, antriebslosen Mensch, der nichts Rechtes zustande bringt. Der Loam ist eigentlich der Lehm. Was aber ein „Lehmsieder“ sein soll, ist nicht erklärbar.

Madl und Buam: Wir können stolz sein, unser Verein hat 3250 Mitglieder, es werden jedes Jahr mehr und die Mitglieder werden immer jünger. Das Durchschnittsalter liegt aber immer noch weit über 60 Jahren.

Nix hat ein drittes „l“ in dem Wort Fleischpflanzerl verloren. Es heißt Fleischpfanzerl, weil es aus der Pfanne kommt. Das ist so ein Wort, das heute keiner mehr richtig sagt – vermutlich wird sich das auch nicht mehr ändern.

Oachkatzlschwoaf: Oft heißt es ja, wer dieses Wort beherrscht, kann Bairisch – das ist Schmarrn. Wenn man nicht mit Bairisch aufgewachsen ist, lernt man es nie. Deswegen gehen wir in die Schulen und Kitas. Andersrum ist es nämlich genauso: Wer mit Dialekt aufgewachsen ist, wird die Intonation nie verlieren.

Pfiadigod ist so ein schönes Wort. Ich verstehe nicht, warum so viele Tschüss sagen – das hat mit unserem Sprechraum nichts zu tun. Entstanden ist Tschüss im Laufe der Jahre, weil Holländer statt des spanischen Adios Adiös gesagt haben.

Quetschn ist ein Wort, das ich nicht mag – klingt schlimm. Keiner meiner Lehrer verwendet das Wort. Ich spiele nämlich Ziach, also steirische Harmonika beziehungsweise Diatonische. Der Öllerer in Freilassing, wo ich meine Ziach gekauft hab, der sagt sogar nur Musi zu einer Ziach.

Rahm sagt leider fast keiner mehr. Heute sagen alle Sahne.

Schafkopfn: Es gibt immer weniger Wirtshäuser, in denen man Schafkopfn oder Wattn kann. Es geht immer nur ums Geld, die Wirte mögen es nicht, wenn man lange sitzt und nur ein paar Bier trinkt. Ein echter Bayer kann Schafkopfn.

Trottoir ist ein bairisches Wort, das – wie sehr viele – seinen Ursprung im Französischen hat. Ich bin kein Vertreter der reinen bairischen Sprache, denn Sprache verändert sich.

UNO: Unser großes Ziel ist es, dass Bairisch im Kader der Minderheitensprachen der vereinten Nationen aufgenommen wird. Friesische Dialekte sind in der Charta. Schwierig ist, dass der bairische Sprachraum so groß ist.

Vasn hat mein Vater zur Wiesn gesagt. Vasn ist ein sehr präzises Wort. Es beschreibt Erde und Gras, also etwa die obersten 20 Zentimeter vom Boden.

Wirten bieten wir einen Service, dass wir mit der Speisekarte helfen. Da stehen oft falsche Sachen, zum Beispiel Schweinebraten. Das heißt Schweinsbraten!

X aver heißt mein Sohn. Er ist anderthalb Jahre alt und das jüngste Mitglied in unserem Verein.

Y: Gibt es im Wort Bayern erst seit Ludwig I, der Baiern in Bayern umgewandelt hat, um seine Liebe zu Griechenland zu manifestieren. Später wurde ein bayerischer Prinz griechischer König – man sagt, dass deshalb die Flagge Griechenlands blau-weiß ist.

Zwo Leit sind zwei Frauen, zwee Leit zwei Männer und zwoa Mann und Frau. Bairisch ist nicht gschlampert, sondern eine sehr präzise Sprache.

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Die neue Münchner IG-Metall-Chefin Sibylle Wankel (56) im Interview mit Hallo München
INTERVIEWS
Die neue Münchner IG-Metall-Chefin Sibylle Wankel (56) im Interview mit Hallo München
Die neue Münchner IG-Metall-Chefin Sibylle Wankel (56) im Interview mit Hallo München
Die Literaturnewcomerin Ronya Othmann über ihren neuen Roman
INTERVIEWS
Die Literaturnewcomerin Ronya Othmann über ihren neuen Roman
Die Literaturnewcomerin Ronya Othmann über ihren neuen Roman
Peter Fricke: „Eifersüchtig? Ich bin doch kein Gockel!“
INTERVIEWS
Peter Fricke: „Eifersüchtig? Ich bin doch kein Gockel!“
Peter Fricke: „Eifersüchtig? Ich bin doch kein Gockel!“
„Der Riedl braucht keinen Karriereschub“
INTERVIEWS
„Der Riedl braucht keinen Karriereschub“
„Der Riedl braucht keinen Karriereschub“

Kommentare