Zeitkapsel im Turm von St. Paulus Perlach

Erinnerungen ganz oben

Was anderswo im Grundstein steckt, findet sich in St. Paulus Perlach in luftiger Höh' im Kirchturm

Ein paar Münzen, aktuelle Zeitungen, ein Foto der Gemeinde und Baupläne – eigentlich steckt man sowas in einen Grundstein. Anders in Perlach. Da stecken die Sachen in luftiger Höhe, nämlich in der Turmspitze von St. Paulus.

Kurz vor Ende der Turmsanierung bei St. Paulus am Hachinger Bach in Perlach wurde jetzt das neue Kupferblechdach angebracht. Zuvor wurden noch zwei Zeitkapseln gefüllt und im Inneren der neuen Turmspitze mit Turmkugel montiert. Um irgendwann einmal von den Arbeiten im Jahr 2014 zu berichten. 

Aufwändige Sanierung

Dieser ungewöhnlichen Aktion voraus ging eine aufwändige Sanierung des Turms der ältesten, noch existierenden evangelischen Kirche Münchens. Der ganze Glockenturm musste dafür zuerst vom Putz befreit werden. Mit einer Fräse hatten sich die Restauratoren hier zunächst bis zu den Ziegeln vorgearbeitet; dann wurde die verbleibende dünne Putzschicht von Hand abgetragen. Damit konnten die schönen Formziegel an der Turmbasis und den Schallfenstern freigelegt werden. Schadhafte Ziegel wurden ersetzt, insgesamt aber war die Wand in einem deutlich besseren Zustand als zuvor befürchtet, berichtet der Kirchenbaubeauftrage von St. Paulus, Michael Kammerloher. „Die an allen Außenflächen unserer Kirche vorgenommenen Freilegungen des Mauerwerks lassen die hochwertige handwerkliche Maurerarbeit erkennen. Leider ist auch zu sehen, dass die Formziegel im Bereich der Fenster im Kirchenschiff und in der Apsis zerstört wurden.“

Ein Schreiner hat die völlig verfaulten Gesimse des Turmdaches ersetzt und die Blindrahmen für die Schallfenster gesetzt. Außerdem wurde der so genannte „Kaiserstiel“, der bislang zusammengestückelt war, ersetzt. Dieser „Kaiserstiel“ ist der hölzerne Unterbau einer Turmkonstruktion, in den dann das Oberteil quasi reingesteckt wird. In Perlach war dies das frisch vergoldete Turmkreuz. 

Mittlerweile sind auch die Turmwände gemäß historischem Vorbild verschlämmt und die Ziffernblätter und Zeiger der Uhr wieder montiert. Als Nächstes wird nun das Turmgerüst entfernt und die Arbeiten am Dach des Kirchenschiffes können begonnen werden. 

Durch die fehlenden Schallläden hatte man vom Gerüst einen guten Blick auf Glocken und Glockenstuhl. „Es ist erkennbar, dass sowohl der ursprünglich hölzerne, als auch der später eingebaute Glockenstuhl aus Eisenprofilen in gutem Zustand sind“, so Kammerloher erfreut. Zu sehen seien auch die beiden Glocken. Die Kleine - „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden“ -, 1949 gestiftet von Nikolaus Michel. Und die große Glocke - „Eine feste Burg ist unser Gott“ -, gestiftet 1951 von Gemeindegliedern, gegossen von Karl Czudnochowsky in Erding, der auch eine Glocke der Frauenkirche, der Mariahilfkirche und des Alten Peter gefertigt hat.

Die Basis für den Turm bildet ein Gesims aus Tuffstein. In eine größere Vertiefung hat, trotz Baustelle, ein Mauersegler sein Nest gebaut. „Der Familienvorstand schimpft ausführlich, wenn man seiner Familie zu nahe kommt“, erzählt Michael Kammerloher. 

Entdeckung

Abgesehen von den Arbeiten in der Höhe wurde an zwei Stellen das Fundament teilweise freigelegt. Dabei entdeckte man, dass ursprünglich ein vorgesetzter Sockel um die Kirche lief. „Die Dimension des Sockels ist erkennbar und die verbliebenen Reste unter der Geländerkante können als Fundament für die Rekonstruktion des Sockels genutzt werden.“ 

Der Kirchenvorstand hat sich nun entschieden, den ursprünglichen geplanten Ablauf der Sanierungsarbeiten zu ändern und die Arbeiten an der St.Paulus-Kirche in zwei Bauabschnitte zu teilen. Nach der Turmsanierung will man zunächst die Arbeiten an den Dächern der Kirche zügig vorantreiben und abschließen. Die Fassadenarbeiten sollen erst nächstes Jahr erfolgen. „Wir möchten hier nichts überstürzen und möglichst in einer Gemeindeversammlung über das zukünftige Erscheinungsbild unserer Kirche diskutieren.“

Zudem kann durch die finanziellen Probleme des Dekanatzbezirks München die ursprünglich abgesprochene Kostenverteilung nicht mehr eingehalten werden. So laufen derzeit noch Anträge auf Bezuschussung der Maßnahmen, deren Ausgang man abwarten will.

Carmen Ick-Dietl

Auch interessant:

Kommentare