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Kirchturmuhr schlägt wieder

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Josef Saller repariert die Kirchturmuhr, hat gerade einen Glocken-Antriebsmotor ausgewechselt. © rh

Am 1. März feierte die Kirchengemeinde St. Korbinian ihren 700. Geburtstag mit einem großen Festgottesdienst. Drei Monate später blieb die Zeit stehen. Nun wurde sie von Josef Saller repariert und schlägt wieder. HALLO war dabei mit auf dem Kirchturm.

Seit 700 Jahren gibt es die Kirchengemeinde St. Korbinian. Was in der Nacht auf den 8. Juni 2015, exakt um 5.17 Uhr, geschah, dürfte im Lauf der Jahrhunderte jedoch nicht allzu oft vorgekommen sein. In dieser Nacht nämlich gingen über Deutschland angeblich 65.000 Blitze nieder, 1000 davon allein über München. Zwei schlugen in den Kirchturm von St. Korbinian ein und zerstörten die Kirchturmuhr. Zwei von vier Steuerungsmotoren der Glocken brannten durch, der Sicherungskasten, die elektronische Steuerung sowie die Hauptuhr in der Sakristei, die komplett verkokelte. Seitdem schwieg die Kirchturmuhr am Friedensplatz.

„Wir haben großes Glück gehabt“, sagt Kirchenpfleger Hermann Mader (71), „dass es nicht gebrannt hat“. Josef Saller nickt: „Das Gebälk ist leicht entzündlich und der Glockenturm wirkt wie ein Kamin. Diesen Brand hätten alle Feuerwehren der Umgebung nicht löschen können.“ Saller kennt sich aus, er hat die Uhr repariert. Der Experte der Regensburger Firma Nidermayer weiß von einem Kirchturm zu berichten, der – anders als St. Korbinian – einen Blitzschutz besitzt, der durch einen Blitzeinschlag komplett geschmolzen ist. Alle Metallleitungen zerflossen wie Plastik auf der Herdplatte. Saller übt einen ganz seltenen Beruf aus, denn Kirchturmuhrmacher gibt es eigentlich nicht. Er ist gelernter Elektroanlagentechniker, sein Kollege Feinmechaniker. Saller: „Das muss man sich aneignen mit der Zeit.“ Für die meist alten Uhrwerke gibt es keine Ersatzteile oder gar Baupläne, jede Reparatur ist eine Tüftelei.

Nun gab es eine Privatführung für HALLO im Glockenturm mit Kirchenpfleger Mader, bis 2009 Dekan der Fakultät für Elektrotechnik an der Hochschule München. Man steigt über schiefe, alte Holzstufen etwa fünf Etagen bis zu den Glocken hoch, wo Josef Saller mit einem Kollegen gerade den ersten Elektromotor ausgetauscht hat.

Ein Fachmann der Versicherung, sagt er, habe den Schaden schon begutachtet und grünes Licht für die Reparatur gegeben. Sie dürfte an die 10.000 Euro kosten – viel Geld, jedoch ein Klacks im Vergleich mit der Kirchenrenovierung, die im August beginnt und bis zu fünf Jahre dauern wird. Hermann Mader: „Wir wissen noch gar nicht, was das kosten wird, es wird eine große Menge Geld sein. Zum Glück muss die Pfarrgemeinde nur 30 Prozent davon aufbringen – wir haben schon fleißig gespart –, den Rest übernimmt die Erzdiözese.“

Der vorhandene Blitzableiter jedenfalls hat nichts bewirkt und nicht mal verhindert, dass die Hauptuhr 20 Meter tiefer zerstört wurde. „Gegen diese Gewalt“, sagt Josef Saller, „kommt nichts an“. Er erklärt auch den Unterschied zwischen Läuten und Schlagen. „Das Läuten gehört der Kirche, das Schlagen der Gemeinde.“ Sie soll so die Uhrzeit erfahren. Zwei Hämmer schlagen jeweils ihre Glocke, die Bewegungen von Hammer und Glocke müssen synchronisiert sein, „sonst reißt der Hammer ab“. Auch die Gefahr bestand bei St. Korbinian, die Synchronisation war hin. Hermann Mader: „Als wir die kaputten Sicherungen ersetzt hatten, fingen die Glocken wie verrückt zu läuten an, wir hatten Mühe, sie abzustellen.“ Natürlich läuteten sie trotz der defekten Uhr auch bei allen kirchlichen Anlässen, wie gewohnt konnte Mesner Stipo Capin (59) die Messen einläuten und die Gläubigen zum Gebet oder zur Taufe oder Hochzeit rufen. Die Uhr soll schnellstmöglich wieder arbeiten und die Stunden schlagen, zwei Tage dauerte die Reparatur. Mader: „Einen inneren Blitzschutz lassen wir später installieren“, um wenigstens die Elektronik in der Kirche zu schützen.“ Vielleicht hat ja eine höhere Macht das Schlimmste verhindert…

Am 29. Juli wurden die Reparaturarbeiten abgeschlossen, seit mittags um zwölf schlägt die Uhr von St. Korbinian wieder die Stunden.

rh

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