Gesundheit: Stephanie Kramer vom Trauma Hilfe Zentrum München

Ein Zuhause für verletzte Seelen

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Jetzt noch Onlineversand, bald Teil des Trauma Hilfe Zentrums: Geschäftsführerin Stephanie Kramer ist froh, dass ihre Einrichtung sich an der Horemansstraße weiter vergrößern kann.

Aus der Reihe „Psychische Störungen“: Das Trauma Hilfe Zentrum München erweitert nicht nur seine Räume

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. Aktuell richten wir den Blick auf die Psyche. Mehr als die Hälfte aller Menschen erleidet einmal im Leben ein Trauma – für viele der Ausgangspunkt für psychische oder körperliche Beschwerden. Beim Trauma Hilfe Zentrum München erhalten Betroffene Beratung – und das Handwerkszeug, um mit dem, was sie erlebt haben, umzugehen.

Schon als Kind hat Cordula Meister (Name geändert) viel mitgemacht: Ihre Eltern gaben sie weg, als sie drei Wochen alt war. Mit eineinhalb Jahren rang sie wegen einer schweren Lungenentzündung um ihr Leben. Meister wurde missbraucht, vernachlässigt und erlebte auf einer Waldstraße einen Autounfall mit vielen Toten. Noch Jahre später schrie sie unbewusst, wenn sie an der Stelle vorbeikam. Manchmal sah sie auch die Leichen aus der Erde aufsteigen. „Ich bin multitraumatisiert“, erklärt die Mitfünfzigerin aus dem Landkreis München. „Aber ich habe überlebt.“

Großen Anteil daran hat auch das Trauma Hilfe Zentrum München (THZM), das es seit 2005 gibt. Rund 450 Betroffene hat der Verein mit Sitz in Neuhausen allein 2017 kostenlos beraten. „65 Prozent davon waren direkt aus München“, sagt Geschäftsführerin Stephanie Kramer. Und doch könnte es gut sein, dass noch viel mehr Münchner Hilfe brauchen: Denn über die Hälfte aller Menschen erlebt einmal im Leben ein traumatisches Ereignis – einen schweren Unfall, eine komplizierte Geburt, eine Naturkatas­trophe oder einen Anschlag. Weil man sich aus der gefährlichen Lage nicht retten kann, fühlt man sich hilflos.

Etwa acht Prozent aller Menschen entwickeln statistisch gesehen einmal im Leben eine sogenannte posttraumatische Belastungsstörung. „Dann drängen sich Gedanken an das Erlebte auf, ohne dass man sich dagegen wehren kann, etwa durch einen Schlüsselreiz wie einen bestimmten Geruch“, erklärt die THZM-Geschäftsführerin. Ohnmachtsanfälle, Atemnot oder Konzentrationsschwächen können mit den Traumafolgen einhergehen, genauso wie Depressionen, Angstzustände oder körperliche Beschwerden. „Ich leide an einer schweren Autoimmunerkrankung“, sagt Cordula Meister. Diese sei auf die Traumatisierung zurückzuführen.

Seit sechs Jahren ist die Mitfünfzigerin inzwischen beim THZM eingebunden, sie bezeichnet es als großes Glück. „Ich habe gelernt, mich selbst zu stabilisieren und ins Hier und Jetzt zurückzuholen.“ Besonders geholfen hat ihr dabei die Arbeit in den sogenannten Stabilisierungsgruppen, die über mehrere Wochen laufen. Dabei lernen Betroffene im kleinen Kreis, zu verstehen, warum sie mit Rückzug, Panikattacken, Schlaflosigkeit oder anderem Verhalten auf Erlebtes reagieren und wie sie damit besser umgehen können. Zum Teil wird dafür Musik, Yoga oder Kunst genutzt. Auch Kurse für Psychotherapeuten, Sozialpädagogen und Pflegepersonal finden im THZM, das von der Stadt München und dem Bezirk Oberbayern finanziert wird, statt.

„In unserem Gruppen- und Seminarraum geben sich die Nutzer verschiedener Angebote inzwischen die Klinke in die Hand“, seufzt Kramer. Umso erfreuter ist sie, dass der Verein ab April weitere Räumlichkeiten beziehen kann, direkt neben der Geschäftsstelle an der Horemannstraße. „Wir müssen diesen Schritt gehen, weil wir wöchentlich Ideen für neue Angebote haben, für die derzeit aber keinerlei Platz ist“, so Kramer.

So ist für 2019 eine Stabilisierungsgruppe für Frauen geplant, die aufgrund von sexueller Gewalt Probleme mit ihrer Sexualität entwickelt haben. Auch ein Kurs für Angehörige ist im neuen Jahr vorgesehen. Zudem können in den neuen Räumen mehr akut Traumatisierte beraten und an geeignete Therapeuten vermittelt werden.

Romy Ebert-Adeikis

Hilfsangebot für Aussteiger

Ans Münchner Trauma Hilfe Zentrum angegliedert ist auch eine Beratungsstelle für Opfer ritueller oder organisierter Gewalt. Wer in einer Sekte gefangen ist und austreten will oder einen Weg aus Zwangsprostitution sucht, erreicht hier Ansprechpartner, die selbst vor Jahren den Ausstieg geschafft hat. Die Beratung, die telefonisch oder per E-Mail erfolgt, nutzten im vergangenen Jahr 56 Personen. Sie ist aber kein Ersatz für eine Psychotherapie.

Wer Interesse hat, findet unter www.thzm.de/kontakt ein entsprechendes Kontaktformular.

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