Gesundheit: Dr. Bastian Wollweber vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie

Wenn der Druck zu groß wird

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Bei der Behandlung selbstverletzenden Verhaltens helfen Gespräche, das Tun der Betroffenen zu reflektieren.

Aus der Reihe „Psychische Störungen“: München ist Vorreiter bei der Therapie von sich selbstverletzenden Erwachsenen – Hallo hat mit einer Betroffenen gesprochen

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. In den nächsten Ausgaben richten wir den Blick auf die Psyche, dieses Mal auf Menschen, die sich selbst verletzen. Welche neuen Wege München bei der Therapie von Betroffenen geht, erklärt Dr. Bastian Wollweber vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie.

Wenn Kirsten Feil (45) wieder mit einer Schnittwunde in der Notaufnahme saß, wurde nicht selten über sie gespottet. „Das näht dann die Reinigungskraft“, hat die Allacherin sogar einmal zu hören bekommen. Der Grund: Als Erwachsene, die sich selbst verletzte, wurde sie nicht ernst genommen. Dabei war Feil schlichtweg krank.

„Mindestens zwei Prozent der Bevölkerung verletzen sich selbst. Frauen sind etwa doppelt so oft wie Männer betroffen“, sagt Dr. Bastian Wollweber (39). Der Oberarzt am Münchner Max-Planck-Institut (MPI) für Psychiatrie hat jetzt den deutschlandweit ersten Schwerpunkt für die Behandlung und Erforschung selbstverletzenden Verhaltens bei Erwachsenen eingerichtet. Denn anders als für Jugendliche, die öfter „ritzen“ als Ältere, gibt es für Erwachsene noch keine wissenschaftlich fundierte Therapie.

Patientin Kirsten Feil und Oberarzt Bastian Wollweber im Gespräch.

„Meistens gibt es bei Erwachsenen eine Grund­erkrankung und das Verletzen ist nur ein Symptom. Es kann mit Depressionen, posttraumatischer Belastungsstörung oder Zwangsstörungen ebenso einhergehen wie mit Borderline“, erklärt Wollweber. Als Kirsten Feil 2008 die Diagnose Depression bekommt, hofft sie noch, dass alles von selbst besser wird. Doch die Allacherin muss immer wieder in die Klinik, bekommt Medikamente und wird nach einigen Wochen wieder entlassen. „So ging das acht Jahre lang“, sagt sie. „Der Druck hat immer mehr zugenommen. Ich war so wütend darüber, dass ich die Depression nicht in den Griff bekomme“, so die 45-Jährige. Dann fängt sie an zu Ritzen. Erst an den Beinen – wo es keiner so schnell sieht – , später an den Armen. „Am Ende habe ich mir sogar die Finger blutig gebissen oder stumpfe Messer genommen, damit der Schmerz größer ist.“

Wollweber ist davon überzeugt, dass nur wenige Betroffene durch dieses Verhalten Aufmerksamkeit bekommen wollen. „Es steht vielmehr in Verbindung mit Stress.“ Weil der Körper ein eigenes schmerzstillendes System habe, könnten Verletzungen leicht euphorisierend wirken. Auch Nägelkauen oder Lippenbeißen seien „subtile Erscheinungen von seelischer Anspannung“, so Wollweber. Bedenklich werde es, wenn jemand Hilfsmittel zur Schädigung des Körpers nutzt. Wer sich öfter als fünf Mal im Jahr verletzt hat, gilt nach neuen wissenschaftlichen Vorschlägen als psychisch krank.

Zu den schlimmsten Zeiten hat Feil, die schließlich stationär in der beschützten Abteilung von Oberarzt Wollweber behandelt wurde, alle drei Tage geritzt. Seit Mai ist das anders. „Ich habe damit aufgehört, weil auch die Depression weg ist“, sagt sie. Die Verbindung zur Grunderkrankung ist einer der Kernpunkte von Wollwebers Behandlung. Je besser Patienten verstehen, warum sie sich verletzen, desto besser könne die Therapie angegangen werden, sagt er.

Sein Ziel: Auch für Erwachsene eine fundierte Behandlungsleitlinie zu entwickeln und die Gesellschaft zum Umdenken zu bewegen. So dass Menschen wie Kirsten Feil Hilfe bekommen – und keinen Spott.

Romy Ebert-Adeikis

So wird selbstverletzendes Verhalten am MPI therapiert

Bis zu fünf der 24 Plätze in der beschützten Station am Max Planck Institut für Psychiatrie stehen neuerdings für die Behandlung sich selbst verletzender Erwachsener zur Verfügung. Die Therapie dauert zwischen vier und acht Wochen. „Sich danach gar nicht mehr zu verletzen ist gut, weniger auch. Jeder definiert das Ziel für sich selbst“, erklärt Oberarzt Dr. Bastian Wollweber.

Er versucht, den Betroffenen mit einer kombinierten Behandlung zu helfen: Neben einer Therapie mit Psychopharmaka, welche unter anderem Unruhezustände beenden, gehört dazu auch das Schreiben eines Selbstverletzungstagebuchs. Darin notieren die Patienten noch vor der stationären Aufnahme zwei Wochen lang, wie oft und wie intensiv sie sich verletzen und wie groß der Drang dazu ist. Im weiteren Verlauf wird mit den Ärzten das Verhalten analysiert und unter anderem eine Ersatzhandlung antrainiert – etwa das Kneten eines Anti-Stress-Balls.

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