200 Jahre städtische Friedhöfe: Der Ostfriedhof in Obergiesing

Sein Job? Würde auf dem letzten Weg

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Der Ostfriedhof im Stadtviertel Obergiesing wurde 1821 gegründet, umfasst eine Fläche von 30 Hektar und beherbergt 34.700 Gräber.

Obergiesing – 35.000 Gräber: Auf dem Ostfriedhof sind zahlreiche Münchner begraben – von Kindern bis zu über 100-Jährigen – Aufbahrer Bernd Kalteis begleitet sie auf ihrem letzten Weg

Jubiläum „200 Jahre städtische Friedhöfe“: In der Hallo-Serie stellen wir Gesichter, Anekdoten und Besonderheiten der bekanntesten Münchner Gottesäcker vor. Heute: der Ostfriedhof.

An seine erste Leiche kann sich Bernd Kalteis, Aufbahrer am Ostfriedhof, noch ganz genau erinnern. „Die vergisst man nicht“, sagt der 43-Jährige. Zumal es ein Leichnam war, der schon einige Tage alt war – die Hautfarbe fahl und blaugrau, der Geruch süßlich und streng. Das war 2007. 

Bernd Kalteis (43) arbeitet als Aufbahrer am Ostfriedhof.

Heute ist es für ihn Routine – im Durchschnitt kommen hier 35 Tote pro Tag an. Bernd Kalteis’ Aufgabe ist es, zu kontrollieren, ob sie bekleidet, pietätvoll und exakt im Sarg liegen. Er und ein Kollege sind zuständig für die Toten, die am Ostfriedhof eingeäschert werden, zwei weitere Kollegen für die Erdbestattungen.

Gerade wurde eine Frau im Holzsarg gebracht, es dauert nur einen kurzen Moment, in dem Kalteis den Deckel öffnet und kontrolliert. Die Dame trägt ein blaues Totenkleid, ihre Gesichtsfarbe ist bleich, die Haut schimmert wächsern als wäre sie durchsichtig. Auf ihrem leblosen Körper liegen Fotos, jede Menge Fotos. Von den Enkeln, dem Partner und den Kindern.„Immer wieder liegen Beigaben in den Särgen“, sagt Kalteis. Fotografien, Briefe, Blumen, Erinnerungen – einmal sogar eine Bergsteiger-Ausrüstung.

Als Aufbahrer sorgt Bernd Kalteis dafür, den letzten Weg der Verstorbenen würdevoll zu gestalten, bevor sie auf dem Friedhofsareal beigesetzt werden.

An die 20 000 Leichen hat er gesehen, Promis, Kinder, 100-Jährige und auch Säuglinge. „Wenn Kinder kommen, ist es am schlimmsten“, sagt der Giesinger. Was den Beruf für ihn dennoch so besonders macht: „Ich sorge dafür, dass der letzte Weg der Menschen würdevoll begangen wird.“

In seiner Funktion entscheidet Kalteis auch bei Verabschiedungen, ob man den Angehörigen zumuten kann, den Verstorbenen noch einmal zu sehen.

Die Arbeit mit den Angehörigen mag Kalteis. „Jeder ist anders und man muss sich auf die Leute einstellen.“ Was er allerdings überhaupt nicht mag: „Wenn die Kinder auf dem Trauerzug schon anfangen übers Erbe zu streiten. Das hat es alles schon gegeben.“ Meistens genügt ein kurzer Blick und die Angehörigen verstummen.

Jeden Tag bekommt Kalteis eine neue Liste, auf der die Namen der Toten stehen, sie bekommen eine Nummer, damit überprüft werden kann, ob Nummer und Urne oder Sarg übereinstimmen. Im vergangenen Sommer stand auf dieser Liste der Name seiner Mutter. „Ich wollte das selbst machen, es war meine Art, mich von ihr zu verabschieden“, erzählt der 43-Jährige.

Wie er sich selbst verabschieden will, weiß er auch schon. Wenn er eines Tages selbst bestattet wird, sollen Elvis-Songs auf seiner Trauerfeier gespielt werden.

Hanni Kinadeter

Neues Krematorium und Trauercafé bis 2021

Die Trauerhalle aus dem Jahr 1929 untersteht dem Denkmalschutz.

Am Ostfriedhof befindet sich eines der größten Krematorien Deutschlands mit fünf Brennkammern, in denen jeweils eine Temperatur von 850 Grad Celsius herrscht. Dazu gehören die denkmalgeschützte Trauerhalle aus dem Jahr 1929, die örtliche Verwaltung, ein eigener Urnenfriedhof sowie der technische Bereich mit Einäscherungsanlage. Weil aber die Technik in die Jahre gekommen ist, plant die Stadt einen Neubau. Noch in diesem Jahr soll der Bau beginnen, 2021 dann fertig sein. In dessen Nähe wird außerdem das erste Trauercafé Münchens entstehen. Die katholische Kirche will hier einen Begegnungsort für alle Friedhofsbesucher schaffen, wo sich Trauernde gegenseitig Trost spenden können.

Mosis Mausoleum

Das Mausoleum, unter dem der Modemacher Rudolph Moshammer neben seiner Mutter beigesetzt wurde, ist heute eine Pilgerstätte für viele Münchner.

Berühmte Münchner Persönlichkeiten liegen auf dem Ostfriedhof. Unter anderem der so genannte „bayerische Herkules“ Hans Steyrer (gestorben 1906), die Oberbürgermeister Georg Kronawitter, Thomas Wimmer und Karl Scharnagl, die Schauspieler Barbara Valentin, Erni Singerl, Klaus Löwitsch, Erich Hallhuber, Toni Berger oder der Schlagersänger Rex Gildo. Die auffälligste Grabstätte ist aber bestimmt das Mausoleum, unter dem der Modemacher Rudolph Moshammer neben seiner Mutter beigesetzt wurde. Nach seinem gewaltsamen Tod 2005 ist es zu einer Pilgerstätte vieler Münchner geworden. Es befindet sich hinter der Aussegnungshalle am St.-Martins-Platz.

Auch Kurt Eisner, Bayerns erster Ministerpräsident, wurde nach seiner Ermordung 1919 dort begraben. Es war die größte Beerdigung, die der Ostfriedhof je erlebt hat – 100 000 Menschen sollen dabei gewesen sein. Seine sterblichen Überreste wurden 1933 von den Nationalsozialisten auf den jüdischen Friedhof an der Ungererstraße verlegt.

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