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Unsichtbare Krankheiten (4): Jeder fünfte Mensch erlebt einmal im Leben eine depressive Phase

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Von: Romy Ebert-Adeikis

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Sie sind selbst betroffen und dadurch Experten: Anja Seidel (li.) und Karolina De Valerio arbeiten beim „Münchner Bündnis gegen Depression“ daran, die Gesellschaft über die Erkrankung aufzuklären.
Sie sind selbst betroffen und dadurch Experten: Anja Seidel (li.) und Karolina De Valerio arbeiten beim „Münchner Bündnis gegen Depression“ daran, die Gesellschaft über die Erkrankung aufzuklären. © Romy Ebert-Adeikis

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. Unsere aktuelle Serie widmet sich Krankheiten, die nicht auf den ersten Blick sichtbar sind – zum Beispiel Depression. Mit welchen Schwierigkeiten Betroffene konfrontiert sind und wie sich Corona auf die Psyche ausgewirkt hat, berichten Dr. Karolina De Valerio und Anja Seidel vom Münchner Bündnis gegen Depression.

„Ich wusste nicht, was mit mir passiert. Ich habe mich gefühlt wie auf einem fremden Planeten“, erinnert sich Anja Seidel an den Mai 2009. Damals erlebt die Sendlingerin ihre erste schwere Depression. „Von heute auf morgen ging nichts mehr, ich konnte nicht mehr aufstehen, empfand keine Freude, keinen Lebensmut.“ Ohnmächtig habe sie sich gefühlt, genauso wie ihr Ehepartner, der ihren Ausfall im Alltag kompensieren musste. „Von außen hat das keiner so wahrgenommen, weil wir uns komplett isoliert hatten. Wir haben das dann sechs Monate ausgesessen“, sagt die 41-Jährige.

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*HalloMuenchen.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA. © Hallo München

Erst zwei Jahre und zwei depressive Phasen später bekommt sie in einer Münchner Tagesklinik die Hilfe, die sie braucht. Seidel, die heute für das „Münchner Bündnis gegen Depression“ arbeitet, ist sich sicher: „Hätte ich früher gewusst, was Depression wirklich ist und dass die Krankheit so viele betrifft, hätte mir das geholfen.“

Depressionen und ihre Schwierigkeiten: Knapp ein Fünftel der Deutschen einmal betroffen

Etwa 20 Prozent der Bevölkerung erleben einmal im Leben eine depressive Phase. Die Symptome reichen von Antriebslosigkeit und dem Verlust von Freude bis hin zu Schlafstörungen, Appetitsveränderungen oder Suizidgedanken. Statistiken zufolge erkranken Frauen doppelt so oft wie Männer. „Aber es kann auch sein, dass sie sich einfach eher Hilfe holen“, erklärt Dr. Karolina De Valerio, die wie Seidel beim „Münchner Bündnis gegen Depression“ arbeitet.

Offen über die Krankheit zu sprechen, ist für viele bis heute ein Tabu. „Das liegt auch an den Schubladen, in die Betroffene immer noch gesteckt werden. Man sagt, sie seien schwach oder dumm“, so De Valerio. „Aber eine Depression ist keine Sache des Willens, sondern eine Krankheit.“

Aufklären ist eine der Hauptaufgaben des Münchner Bündnisses. Dafür organisiert es Infoveranstaltungen, Sport- und Kreativgruppen und Stammtische. „Es ist wichtig, dass die Leute wissen, sie sind nicht allein“, sagt De Valerio. Pro Jahr knüpft das Münchner Bündnis etwa 2000 Betroffenenkontakte.

Depressionen und ihre Schwierigkeiten: Zu wenige Therapieplätze in München

Was der Verein ebenfalls als Problem sieht: An Hilfe zu kommen, ist für Erkrankte nicht leicht. „Überhaupt zum Arzt zu gehen, ist für diese eine echte Herausforderung“, so De Valerio. Zudem sind Therapieplätze rar. „Offiziell gilt München zwar als Eldorado, weil es hier viele Angebote gibt“, sagt die Expertin. Dennoch müssten viele Betroffene sechs bis acht Monate warten. Und welche Therapie wirklich hilft, ist höchst individuell. „Es ist darum wichtig, verschiedene Sachen auszuprobieren“, sagt De Valerio. Gerade für spezielle Therapien sind die Wartezeiten lang.

Und es könnte noch schwieriger werden: Durch Pandemie und Ukraine-Krieg sind die psychischen Belastungen gestiegen. „Was man schon jetzt in der Gesellschaft sieht: Die depressive Verstimmtheit – also, dass man mal einen schlechten Tag hat oder sich down fühlt – ist gestiegen“, sagt De Valerio. Das bedeute allerdings nicht, dass dies auch zu mehr Depressionen führen wird.

Die Ursachen für eine Erkrankung sind vielfältig und oft nur schwer nachzuvollziehen. Körperliche Krankheiten, Armut, eine Vorbelastung in der Familie, Gewalt- oder Vernachlässigungserfahrungen gelten als Risikofaktoren. Bei Seidel kamen etwa Schwierigkeiten im Elternhaus und eine große Belastung als Mutter, Ehefrau und Studentin zusammen. „Der Druck wurde immer größer. Bis eben nichts mehr ging.“

Studie soll Lage in München klären

Welche Bedürfnisse oder Barrieren haben Menschen mit seelischen Behinderungen in München? Das will die Studie „Sichtbar“ der Stadt München herausfinden, die noch bis 2023 läuft. Dabei arbeitet das wissenschaftliche Institut Sozialplanung und Quartiersentwicklung zusammen mit einem Co-Forscherteam aus Betroffenen – darunter Dr. Karolina De Valerio vom Münchner Bündnis gegen Depression. Neben Befragungen wird es auch Interviews mit Betroffenen geben. Dadurch soll auch die Situation von Menschen mit Depression in München klarer werden. „Dann kann die Kommune auch konkrete Maßnahmen umsetzen“, so De Valerio.

Quelle: www.hallo-muenchen.de

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