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Unsichtbare Krankheiten (1): Was bei Migräne wirklich hilft

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Von: Romy Ebert-Adeikis

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Den Kopf im Schraubstock eingespannt, malträtiert von Hämmern und explodierenden Granaten – so fühlt sich eine Migräne-Attacke bei Victoria John an. In der Schmerztherapie musste sie diese visualisieren.
Den Kopf im Schraubstock eingespannt, malträtiert von Hämmern und explodierenden Granaten – so fühlt sich eine Migräne-Attacke bei Victoria John an. In der Schmerztherapie musste sie diese visualisieren. © Romy Ebert-Adeikis

Im ersten Teil der neuen Serie zu unsichtbaren Krankheiten geht es um Migräne. Was helfen kann und was besonders wichtig für Erkrankte ist, erklärt ein Experte.

„Gesund in Serie“ - unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. Unsere neue Serie widmet sich Krankheiten, die für andere unsichtbar sind - wie die Migräne.

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*HalloMuenchen.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA. © Hallo München

Wieso Medikamente bei der Behandlung nicht alles sind und warum für Erkrankte der Austausch mit anderen Patienten wichtig ist, erklären eine Experte und eine Betroffene aus München.

Migräne als unsichtbare Krankheit: Minimale Reize können Kopfschmerzen auslösen

Wenn Victoria John öffentlich unterwegs ist, lässt sie gern mal die ein oder andere U-Bahn aus. Zu viele Menschen, Gespräche, Gerüche – das kann schon der Auslöser dafür sein, dass die Haidhauserin kurze Zeit später mit hämmernden Kopfschmerzen außer Gefecht gesetzt ist: „Zu viele Reize sind einfach schlecht. Ein voller Weihnachtsmarkt – geht nicht“, sagt die 34-Jährige.

John leidet an einer anhaltenden Migräne, fühlt dauerhaft einen dumpfen Schmerz, der mehrfach pro Woche in eine heftigere, pulsierende Attacke mündet. „Am liebsten würde man den Kopf an der Wand einschlagen, damit es aufhört“, beschreibt es John. Denn außer hinlegen, Licht dimmen und dem Einnehmen starker Migränemittel – aktuell Opiate – hilft der Erzieherin nicht viel gegen ihren Schmerz.

„Eine chronische Form der Migräne haben etwa 0,2 bis ein Prozent der Bevölkerung“, erklärt Professor Andreas Straube von der Neurologischen Klinik der LMU München. Generell ist Migräne die mit Abstand häufigste neurologische Krankheit: „Epidemiologische Studien gehen davon aus, dass sie zehn bis zwölf Prozent der Bevölkerung betrifft“, sagt Straube.

Migräne als unsichtbare Krankheit: Mindestens zehn Prozent der Bevölkerung betroffen

Frauen leiden dabei drei mal häufiger als Männer. „Es gibt eine genetische Veranlagung, aber es spielen auch immer Umweltfaktoren eine Rolle.“ Viele Betroffene haben zwar nur selten Attacken. „Wer regelmäßig mehr als drei pro Monat hat, sollte sich beraten lassen“, rät Straube.

Wirklich anerkannt ist die Erkrankung trotz ihrer großen Verbreitung aber nicht – auch nicht bei den Betroffenen selbst. „Man schiebt die Kopfschmerzen auf Stress in der Arbeit oder zu wenig Schlaf. Man realisiert die Krankheit erst, wenn die Lebensqualität verloren geht“, sagt John, die seit fünf Jahren mit der Migräne lebt.

Außenstehende könnten das Problem oft erst gar nicht nachvollziehen, weiß die 34-Jährige. „Der Schmerz ist ja unsichtbar. Wenn es mir schlecht geht, denken viele Leute, ich hätte einfach nur schlechte Laune.“

Migräne als unsichtbare Krankheit: Austausch unter Erkrankten wichtig für Behandlung

Umso wichtiger ist für sie der Kontakt zu anderen Migränikern. Zwar gibt es derzeit keine Selbsthilfegruppe, die sich in München trifft. Aber über die Migräneliga tauscht sich John einmal im Monat digital mit Betroffenen aus ganz Deutschland aus. „Wir sprechen über Erfahrungen mit bestimmten Medikamenten oder Methoden, wie man mit der Migräne umgeht.“

Um ihren Weg zu finden, hat die junge Münchnerin über mehrere Jahre mit Neurologen und Schmerzärzten gesprochen, sogar eine Schmerztherapie absolviert und vieles ausprobiert. In ihrer Wohnung hängen Merkzettel und Motivationssprüche, um sich daran zu erinnern, die Krankheit zu dominieren – nicht andersherum.

Migräne als unsichtbare Krankheit: Behandlung nicht nur durch Medikamente

„Die psychologische Komponente macht wahrscheinlich die Hälfte aller Probleme aus, aber das ist bei jedem unterschiedlich“, sagt Kopfschmerz-Experte Andreas Straub. Einige Studien legten nahe, dass Migränepatienten besonders leistungsorientiert sind und nach einer Attacke möglichst viel nachholen wollen. „Eine Stress-Spirale, die sich immer weiter dreht“, warnt der Neurologe. „Patienten sollten deswegen wissen, dass die Behandlung von Migräne weit über die Verordnung von Medikamenten hinausgeht.“

Regelmäßige Schlaf- und Essenszeiten, Ausdauersport und Entspannungsübungen seien ebenso wichtig. Das „Zeit für sich selbst nehmen“ habe einen psychologischen Effekt. „Aber bei 60 bis 70 Prozent der Betroffenen geht es trotzdem nicht ohne Medikamente“, sagt der Neurologe.

Austausch unter Gleichen: Neue Selbsthilfegruppe für München

Bundesweit 75 Migräniker-Selbsthilfegruppen treffen sich regelmäßig persönlich. Auch in München gab es das früher, aktuell finden aber keine Treffen in Präsenz statt. Eine solche Gruppe will die Migräneliga aber bis Ende Mai wieder etablieren.

Interessierte können sich dafür bei der Regionalleiterin für Süddeutschland, Lucia Baumann, melden – per E-Mail an region-sued@migraeneliga.de oder unter der Telefonnummer 0152/31 85 85 65.

Quelle: www.hallo-muenchen.de

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