Wenn der Bissen im Hals steckt

Unsichtbare Krankheiten (2): Achalasie – eine chronische Funktionsstörung der Speiseröhre

Dr. Martin Fuchs, Chefarzt der Gastroenterologie in der München Klinik Bogenhausen mit einem Endoskop.
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Dr. Martin Fuchs, Chefarzt der Gastroenterologie in der München Klinik Bogenhausen mit einem Endoskop. (Das Bild ist vor der Pandemie entstanden.)
  • Daniela Borsutzky
    VonDaniela Borsutzky
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Der zweite Teil der Serie zu unsichtbaren Krankheiten widmet sich der Schluckstörung Achalasie. Ein Experte erklärt was dahinter steckt und wie man die Krankheit behandelt.

„Gesund in Serie“ - unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. Unsere aktuelle Serie widmet sich Krankheiten, die für andere nicht sichtbar sind - wie die Schluckstörung Achalasie.

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Was sich genau dahinter verbirgt und mit welcher Behandlungsmethode wieder Lebensqualität zurückgewonnen werden kann, erklärt Experte Dr. Martin Fuchs aus der München Klinik Bogenhausen.

Schluckstörung Achalasie: Das steckt dahinter

Wer als Kind Pippi Langstrumpf im Fernsehen angeschaut hat, der hat sich vielleicht gefragt, wieso das Mädchen mit den roten Zöpfen im Handstand trinken kann. „Unsere Speiseröhre zieht sich dabei in wellenartigen Kontraktionen zusammen. Man kann sich das wie beim Melken vorstellen“, erklärt Dr. Martin Fuchs, Chefarzt der Gastroenterologie der München Klinik in Bogenhausen. „Sobald wir zu schlucken anfangen, öffnet sich außerdem am Ende der Speiseröhre ein Schließmuskel, damit die Nahrung in den Magen kann.“

Dieser ist sonst geschlossen – eben damit kein Mageninhalt wieder nach oben gelangt. Menschen, die an Achalasie erkrankt sind, können nicht im Handstand trinken. Sie können nicht einmal normal essen.

Achalasie ist eine Schluckstörung. „Die Nahrung rutscht sozusagen nicht durch, der Bissen bleibt im Hals stecken“, sagt Fuchs. Die Betroffenen können ohne Beschwerden nicht schlucken, der Inhalt der Speiseröhre entleert sich nur schwer in den Magen, weil sich der zusammengekrampfte Schließmuskel nicht normal öffnet. „Die Patienten müssen sehr langsam essen, viel kauen, viel nebenbei trinken, manche müssen dabei aufstehen und herumlaufen. Und oftmals erbrechen sie dann wieder“, berichtet der 56-jährige Arzt.

Unsichtbar ist die Krankheit auch aus der Perspektive des Umfelds der Betroffenen. „Die Patienten gehen irgendwann nur noch sehr ungern auswärts essen.“ Oft erfolge ein Rückzug aus dem sozialen Umfeld. „Ich hatte schon junge Patienten, die vorab in der Psychiatrie waren mit der Fehldiagnose einer Essstörung.“

Schluckstörung Achalasie: Die Krankheit wird nur selten richtig erkannt

Bis es zum Befund „Achalasie“ kommt, durchlaufen die Betroffenen oft eine Ärzte-Odyssee. Weil die Krankheit schlecht erkannt wird, variiert die Zahl der Betroffenen je nach Statistik, so Fuchs. Bundesweit gebe es 2,3 bis zehn Betroffene auf 100 000 Menschen. Das Geschlechterverhältnis sei in etwa ausgeglichen und die Altersspanne reiche von 16 bis 80 Jahren.

Die Ursache für die Krankheit ist unbekannt. Erkennen kann man sie mittels einer Speiseröhren-Manometrie. Dabei werden die Druckverhältnisse in der Speiseröhre und auch deren Bewegungsmuster untersucht.

Rund 50 Patienten therapieren Fuchs und sein Team pro Jahr. Die Krankheit lässt sich mit drei Methoden behandeln – allerdings nicht mit Medikamenten. „Man muss den Schließmuskel sozusagen kaputt machen“, erklärt Fuchs. Die Standard-Methoden waren bislang die OP oder die Aufdehnung des Muskels mit einem Ballon im Rahmen einer Magenspiegelung. Doch: „Bei der Ballondilatation lässt sich nur schwer kontrollieren, wie der Muskel einreißt.“ Im Nachgang berichten die Patienten öfter von Problemen mit Sodbrennen, so Fuchs.

Schluckstörung Achalasie: Die OP ist die favorisierte Behandlungsmethode

Daher favorisieren er und andere große Zentren die OP – oder die sogenannte POEM (perorale endoskopische Myotomie)-Technik: „Hierbei öffnen wir vorsichtig mittels eines kleinen Schnitts die Schleimhaut der unteren Speiseröhre und fahren mit dem schlauchförmigen Gastroskop unter diese bis zum Mageneingang.“ Nachdem der Schließmuskel elektrisch durchtrennt wurde, wird der Tunnel mit Clips wieder verschlossen.

Mit dem Endoskop wird bei der POEM-Technik ein Tunnel entlang der Speiseröhre bis zum Schließmuskel vor dem Magen präpariert. (Abbildung)

Mit diesem Verfahren könne das Zusammenkrampfen des Schließmuskels dauerhaft behoben werden. Bereits während der Endoskopie kann der Erfolg mit einer intraoperativen Manometrie kontrolliert werden. Jährlich behandelt Fuchs etwa 35 Mal mit der POEM-Technik.

Achalasie tritt nicht über Nacht ein, die Beschwerden verschlimmern sich mit der Zeit. Fuchs Rat: „Wenn Schluckbeschwerden anhalten, sollte man zum Spezialisten.“ Fuchs erinnert sich an einen italienischen Patienten, der nach der Behandlung endlich wieder Spaghetti essen konnte – „ein neues Lebensgefühl“.

Quelle: www.hallo-muenchen.de

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