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Infektionskrankheiten (3): Poliomyelitis – Gefahren und Spätfolgen durch die Kinderlähmung

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Von: Ursula Löschau

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Hannelore Penzkofer legt die meisten Wege mit dem Rollstuhl oder einem Fahrrad mit drei Rädern zurück.
Hannelore Penzkofer legt die meisten Wege mit dem Rollstuhl oder einem Fahrrad mit drei Rädern zurück. © Ursula Löschau

Im dritten Teil der Infektionskrankheiten-Serie geht es um Poliomyelitis, die Kinderlähmung. Ein Arzt warnt vor möglicher Ansteckung und den Folgen.

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. Unsere aktuelle Serie widmet sich den Infektionskrankheiten, zu denen auch die Poliomyelitis (Kinderlähmung) gehört.

Obwohl es in Deutschland seit 1990 keine Ansteckung mehr gab, warnt Dr. Gregor Scheible, Ärztlicher Leiter der Pfennigparade in München, davor, die Krankheit nicht ernst zu nehmen. Denn: „Das Virus selber ist, anders als bei den Pocken, ja noch in der Welt.“ Zuletzt gab es Nachweise in den USA und in Großbritannien. Wie man sich schützen kann und was man unter Post-Polio versteht, erläutert dieser Beitrag.

Infektionskrankheit Polio: Impfung als Mittel zur Immunität

„Schluckimpfung ist süß – Kinderlähmung ist grausam“: Die meisten über 50-Jährigen werden sich an diesen Slogan noch erinnern. Ab 1961 drängte die Impfung die Viruserkrankung zurück. Für davor Geborene wie Hannelore Penzkofer war Kinderlähmung eine Infektion mit möglicherweise tödlichem Ausgang.

Die heute 74-jährige Harlachingerin leitet eine Polio-Selbsthilfegruppe mit 106 Mitgliedern im Alter zwischen 50 und über 80 Jahren. Sie war zwei Jahre alt, als sie zunächst Kopfschmerzen und Fieber bekam. „Am nächsten Tag bin ich aufgewacht und war völlig gelähmt“, erzählt sie. Das passiert, wenn die durch Schmierinfektion übertragbaren Viren das zentrale Nervensystem angreifen. Bei ihr hinterließ die Schädigung von Nervenzellen vor allem im rechten Bein einen bleibenden Schaden. Mit zehn Jahren bekam sie eine „Schiene“, um gehen zu können, ohne hinzufallen.

Dieses Hilfsmittel – korrekt „Orthese“ genannt – begleitet die Münchnerin bis heute. Und: Penzkofer leidet an dem sogenannten Post-Polio-Syndrom. „Der Körper hilft sich. Gesunde Nerven versuchen, die geschädigten zu ersetzen. Aber irgendwann machen die durch die Überbelastung dann auch Probleme“, erklärt sie. Bei ihr fingen die Spätfolgen beispielsweise mit 38 Jahren im linken Knie an, das instabil wurde. „Damals war Post-Polio in Deutschland noch nicht bekannt“, erinnert sie sich. Heute wüssten viele Ärzte von Kinderlähmung erst recht nichts mehr. „Sie halten es ja für ausgestorben.“

Infektionskrankheit Polio: Post-Polio-Syndrom verschlimmert Lähmungen

Dabei gibt es sowohl noch das Virus als auch die Folgeprobleme. „Es können einige Jahrzehnte nach einer überlebten Kinderlähmung erneut Symptome auftreten oder bestehende Lähmungen sich verschlechtern“, weiß Gregor Scheible. Er und sein Team behandeln pro Woche ein bis zwei Betroffene mit einem Post-Polio-Syndrom. Sie kommen aus dem Münchner Raum und den angrenzenden Landkreisen.

„Diese Patienten haben in der Regel noch bleibende Lähmungen von der ehemals durchgemachten Polio­infektion, die sich dann meist in den letzten Jahren verschlimmert haben. Sie sind also zunehmend im Gehen und in ihren alltäglichen Tätigkeiten behindert.“ Bei einigen Patienten sei auch die Atemmuskulatur betroffen, sodass sie – meist in der Nacht – mit einer kleinen Maschine beatmet werden müssten.

Die Pfennigparade wurde laut Scheible übrigens vor 70 Jahren ins Leben gerufen, um speziell den Kindern, die damals – in den 1950er-Jahren – von der Krankheit betroffen waren, zu helfen. Daher verfüge man dort auch über jahrzehntelange Erfahrungen in der Versorgung von Patienten mit Kinderlähmung. Angst vor einer Rückkehr der Poliomyelitis nach Deutschland hat der Arzt aktuell nicht. Vorausgesetzt, „dass wir in der Impfung der Kinder nicht nachlässig werden“.

Die Selbsthilfegruppe trifft sich am Montag, 7. November, ab 12.30 Uhr im Gasthaus Siebenbrunn, Siebenbrunner Straße 5.

Impfung für Immunität weiter unerlässlich

„Die Impfung ist hocheffektiv“, betont Gregor Scheible. Die Impfquote in Deutschland liegt nach seinen Angaben weit über 90 Prozent, sodass man von einer Herdenimmunität sprechen könne. Um diesen Erfolg nicht zu gefährden, sei die Impfung von Kindern weiter unerlässlich, sagt der Arzt und warnt: „Leider sehen wir bei den Einschulungen bereits eine Impfquote, die nur noch knapp über 90 Prozent liegt. Für eine Herdenimmunität müssen aber mehr als 95 Prozent der Bevölkerung geimpft sein.“ Geimpft wird in der Regel dreimal im Säuglings­alter, nach zehn Jahren sollte einmalig aufgefrischt werden. „Heute verwendet man einen sogenannten Totimpfstoff, der extrem risikoarm ist“, versichert Gregor Scheible. 

In den beiden vorherigen Teilen hat Hallo die Influenza und die Affenpocken in den Fokus gestellt.

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