200 Jahre städtische Friedhöfe: Der Perlacher Forst in Obergiesing

Die Gedenkstätte für NS-Opfer

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Thomas Fleckenstein führt Besucher regelmäßig zum Ehrenhain für die NS-Opfer.

Obergiesing – Der Perlacher Forst erzählt eine Geschichte des Grauens: Zahlreiche Opfer der NS-Zeit wie die Geschwister Scholl, mehr als 4000 KZ-Häftlinge und rund 1000 Zwangsarbeiter finden dort ihre letzte Ruhe

Jubiläum „200 Jahre städtische Friedhöfe“: In der Hallo-Serie stellen wir Gesichter, Anekdoten und Besonderheiten der bekanntesten Münchner Gottesäcker vor. Heute: der Perlacher Forst.

Das Grab der der Weiße-Rose-Mitglieder Sophie und Hans Scholl, Christoph Probst.

Angehörige der Weißen Rose wie die Geschwister Scholl, mehr als 4000 KZ-Häftlinge und rund 1000 Zwangsarbeiter – auf dem Friedhof am Perlacher Forst sind zahlreiche NS-Opfer begraben. „Die Nationalsozialisten nutzten die benachbarte Justizvollzugsanstalt Stadelheim als Hinrichtungsstätte und setzen die Getöteten einfach auf dem nächstgelegenen Friedhof bei“, erklärt Thomas Fleckenstein.

Fleckenstein ist seit 2013 der erste Verwalter des Friedhofs und kennt seinen Arbeitsplatz genau. Er organisiert dort regelmäßig Führungen. Denn: „Es ist mir persönlich ein Anliegen, dass die Geschichte wachgehalten wird.“

Es ist eine Geschichte des Grauens. Die Nazis bestatteten auch 4092 Urnen aus dem KZ Dachau und der Euthanasieanstalt im österreichischen Schloss Hartheim sowie verstorbene Zwangsarbeiter auf dem Friedhof. Auf Listen hatten sie Namen sowie Geburts- und Sterbedaten notiert, sodass heute noch nachvollziehbar ist, wer dort zu finden ist. „Wir haben immer wieder Briefe von Leuten aus Tschechien, Russland oder den USA, die verzweifelt nach ihren Großeltern suchten. Einige konnten wir auf den Listen finden und den Angehörigen mitteilen, wo sie begraben sind“, so Fleckenstein.

Weitere Informationen finden Sie in unserer Bildergalerie.

Das Grab von Alexander Schmorell.

Nach dem Krieg wurde der Friedhof zur zentralen Gedenkstätte für die NS-Opfer. Der Stadtrat schuf drei Ehrenhaine und bettete die Überreste von verstorbenen Kriegsgefangenen von anderen Friedhöfen nach Obergiesing um. Die Botschafter der Staaten, deren Angehörige dort liegen, trafen sich jährlich zu einer Gedenkfeier. Aber: „Vergangenes Jahr ist das wegen der politischen Spannungen zwischen Polen, der Ukraine und Russland erstmals ausgefallen“, so Fleckenstein. Das sei eine traurige Entwicklung.

Auch die Lebenden sind Fleckenstein wichtig: „Unsere wichtigste Aufgabe ist es, Menschen zu helfen, dass sie nach ihren Riten und Gebräuchen trauern können. Wir müssen Kulturexperten sein.“ Es gebe einen Waschraum für Muslime und bei Bestattungen müsse jede Religion den Verstorbenen auf ihre Art und Weise verabschieden können: „Katholischen Priestern genügen zehn bis 15 Minuten in der Aussegnungshalle. Ihre russisch-orthodoxen Kollegen brauchen mindestens die dreifache Zeit.“ Es sei ihm wichtig, dies möglich zu machen. 

Andreas Schwarzbauer

Veranstaltungshinweis

Die Trauerhalle des Friedhofs ist die höchste in München.

Im Rahmen des Jubiläums „200 Jahre städtische Friedhöfe“ finden am Freitag, 22. Februar (15 Uhr), zum Todestag von Hans und Sophie Scholl sowie Christoph Probst und am Samstag, 9. November, anlässlich der Reichs­pogromnacht Gedenkfeiern auf dem Friedhof am Perlacher Forst, Stadelheimer Straße 24, statt.

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