Intensität, die krank machen kann

Die fünf Sinne (5): Selten aber leidvoll – Menschen mit Hyperosmie nehmen Gerüche extrem stark wahr

Ein Mann hält sich die Nase zu: Wer unter einer Hyperosmie leidet, nimmt Gerüche so intensiv wahr, dass sie unangenehm werden – oder körperliche Folgen haben können.
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Ein Mann hält sich die Nase zu: Wer unter einer Hyperosmie leidet, nimmt Gerüche so intensiv wahr, dass sie unangenehm werden – oder körperliche Folgen haben können.
  • Romy Ebert-Adeikis
    VonRomy Ebert-Adeikis
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Im fünften und letzten Teil der Serie zu Erkrankungen der Sinn beleuchtet Hallo den Riechsinn und die Hyperosmie. Was es damit auf sich hat, erklärt Dr. Clemens Heiser.

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. Unsere aktuelle Serie widmet sich den fünf Sinnen des Menschen und ihren Erkrankungen – wie der Hyperosmie.

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Welche Folgen die Überempfindlichkeit gegenüber Gerüchen haben kann und warum die Medizin dagegen nicht viel tun kann, erklärt Oberarzt Dr. Clemens Heiser vom Klinikum rechts der Isar.

Zuvor hat Hallo schon Erkrankungen des Sehsinns, des Hörens, Fühlens und Schmeckens beleuchtet.

Überempfindlichkeit des Riechsinns: Hyperosmie kann Geruchsinn unangenehm intensivieren

Das kennt fast jeder: Nach einer langen Besprechung verlässt man den Raum und atmet erst mal tief durch – endlich Luft! Während des Gesprächs hat man den Mief aber gar nicht wahrgenommen.

„Das Riechen ist einer der Sinne, den wir am schnellsten adaptieren, das heißt man gewöhnt sich sehr schnell an einen Geruch“, erklärt der Hals-Nasen-Ohren-Arzt Dr. Clemens Heiser vom Klinikum rechts der Isar. Bei einigen Menschen ist das anders: Sie nehmen Gerüche extrem stark wahr – so intensiv, dass sie unangenehm werden. Hyperosmie nennt man diese Überempfindlichkeit.

Dr. Clemens Heiser vom Klinikum rechts der Isar.

Welche Gerüche das sind, ist meist vollkommen individuell. Für Betroffene können sie jedoch so unangenehm werden, dass sie auch körperliche Folgen nach sich ziehen. „Das sind dann Schutzreaktionen, die aber ganz unterschiedlich sein können. Manche Menschen berichten von Atemnot, Husten, Schwindel. Einige bekommen sogar Angstzustände oder müssen sich vor Ekel erbrechen.“

Allerdings: Solche körperlichen Reaktionen sind sehr selten – wie auch die Hyperosmie an sich. „Es gibt deutlich mehr Menschen, die ihren Geruchssinn verlieren. Das sind etwa fünf Prozent der Bevölkerung“, weiß Heiser. Wie viele hingegen eine übermäßige Wahrnehmung haben, ist nicht bekannt. Auch, weil daran wenig geforscht wird.

Überempfindlichkeit des Riechsinns: Bisher kaum Forschung zu Hyperosmie-Erkrankung

Darum ist auch wenig über die Ursachen der Hyperosmie bekannt. „Es gibt aber eine aktuelle Studie, die zeigt, dass bei Betroffenen bestimmte Areale im Gehirn stärker ausgeprägt sind. Das heißt allerdings noch nicht, dass es einen kausalen Zusammenhang gibt“, erklärt der Experte.

Ein weiteres Problem: „Man kann gegen eine Hyperosmie nicht viel tun, es gibt kein Medikament und keine Operation“, sagt Heiser. Betroffene müssen also lernen, mit der Überempfindlichkeit zu leben, etwa mithilfe einer Verhaltenstherapie, bei der Patienten Schritt für Schritt an die lästigen Duftnoten herangeführt werden. Dabei findet eine Umkonditionierung statt.

„Es gibt aber nur sehr wenige Therapeuten in Deutschland, die das machen“, so der HNO-Arzt. Und: „Das ist ein Prozess, der Monate oder Jahre dauert.“

Betroffenen rät Heiser dennoch unbedingt zu einem Besuch beim Facharzt: „Allein um andere Ursachen wie Hirntumore oder Schäden an der Nase auszuschließen.“

Warum das Riechen kaum erforscht ist

„Das meiste, was wir über das Riechen wissen, wissen wir aus der Tierforschung“, sagt Oberarzt Dr. Clemens Heiser vom Klinikum rechts der Isar. Dass in der Humanmedizin zu dem Thema wenig gearbeitet wird, hat mehrere Gründe. So gibt es kaum Pharmaunternehmen, die speziell Medikamente für Geruch- oder Schmeckstörungen entwickeln. „Aufgrund dessen ist die Finanzierung von Forschungsprojekten oftmals sehr schwierig“, sagt Heiser.

Eine noch größere Hürde liegt aber in der wissenschaftlichen Arbeit an sich. „Der Großteil der Prozesse beim Riechen läuft nur im Gehirn ab“, erklärt Heiser. Und: Die Wahrnehmung von Gerüchen ist sehr subjektiv. „Sie objektiv zu erforschen ist unheimlich schwierig.“

Quelle: www.hallo-muenchen.de

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