Münchens neue Quartiere: Das Kreativquartier in Neuhausen

Der Plan: Nicht alles durchplanen

+
Das Kreativquartier in Neuhausen und Schwabing-West ist mit rund 20 Hektar eines der größten innerstädtischen Entwicklungsprojekte der Stadt.

Neuhausen/Schwabing-West – Im Kreativquartier entstehen neben 900 Wohnungen und einer neuen Grundschule auch Arbeitsräume für Maler, Bildhauer und Co.

Kreativ, modern, innovativ und versehen mit dem gewissen Etwas. In dieser Serie gibt Hallo einen tiefen Einblick in Münchens ganz neue Quartiere.

Bereits seit dem Jahr 2010 ist Projektleiter Ulrich Schaaf vom Planungsreferat mit dem Kreativquartier beschäftigt.

Im Kreativquartier in Neuhausen und Schwabing-West wagt München etwas Neues: Das 20 Hektar große einstige Militär- und dann Betriebs- und Gewerbehof-Gelände der Stadt wurde in vier Bereiche aufgeteilt, „die sich zeitlich unabhängig voneinander entwickeln können“, erklärt Projektleiter Ulrich Schaaf vom Planungsreferat. Seit 2010 ist er mit dem Kreativquartier beschäftigt.

Durch teils jahrelange Zwischennutzungen bereits bekannt ist das Kreativlabor am Leonrodplatz: Als Betreiber ist ab 2020 die Münchner Gewerbehof- und Technologiezentrumsgesellschaft (MGH) vorgesehen. „Die MGH wird dort keinen Gewerbehof bauen“, sagt Schaaf. „Klares Ziel dort ist ein Nutzungsmix aus Kultur, Kreativwirtschaft, Wohnen und sozialen Einrichtungen.“ Und: „Bestehende Nutzer sollen bleiben.“

Das Kreativquartier im Stadtviertel Neuhausen/Schwabing-West umfasst eine Fläche von 20 Hektar und bietet Platz für mehr als 2000 Bewohner in 900 Wohnungen. Weitere Informationen unter: https://bit.ly/2AoXSLT

Veränderungen wird es dort zunächst auf der 6000 Quadratmeter großen Lamentofläche an der Dachauer Straße geben. Dort sollen 2019 zwei Contai­ner­bauten entstehen: einer als Ausweichquartier für das „Schwere Reiter“, weil die bisherigen Räume des Theaters den heutigen Bauvorschriften nicht mehr genügen, und einer mit Ateliers und Werkstätten. Die Container sollen etwa fünf Jahre stehen, dann ist für die Fläche ein Neubau geplant, „unter anderem mit Wohnungen und Einzelhandel“, so Schaaf. Der Clou dabei: „Das Labor soll sich prozesshaft entwickeln. Es gibt keinen fertigen Plan und keinen festen Zeitplan. Das ist in der Art einzigartig.“

Was Münchens kreativstes Quartier so besonders macht? Es lädt zur aktiven Mitgestaltung ein.

Anders beim Kreativfeld an der Schwere-Reiter- und InfanterieStraße. Dafür gibt es seit 2017 einen Bebauungsplan. Er beinhaltet: den Bau einer fünfzügigen Grundschule und einer Kindertagesstätte (Fertigstellung bis Mitte 2020) sowie eines Wohnquartiers mit 350 Wohnungen (Bauzeit 2022 bis 2024). „50 Prozent sollen geförderter Wohnungsbau nach verschiedenen Modellen und für verschiedene Einkommensgruppen sein, insgesamt überwiegend Mietwohnungsbau“, so der Projektleiter.

Herzstücke des künftigen Kreativparks an der Dachauer Straße sind die denkmalgeschützten Industriebauten Jutier- und Tonnenhalle, in denen laut Schaaf „ein großes Kulturzentrum für alle Sparten“ entwickelt werden soll. Das Betriebskonzept soll 2019 vom Stadtrat beschlossen werden, damit 2021 mit der Sanierung begonnen und 2023 Eröffnung gefeiert werden kann. Aus der Tonnenhalle wird dabei eher ein Aufführungsraum, während in der Jutierhalle Ateliers, Studios, Werkstätten und Büros vorgesehen sind. Südwestlich der Tonnenhalle entsteht bereits zuvor ein Gründer- und Innovationszentrum.

Angrenzend, im Bereich Kreativ­plattform, wird die Hochschule München wohl ab 2022 um einen Campus Nord erweitert. Zudem ist dort Platz für rund 400 Wohnungen und ein Haus für Kinder. Der Zeitplan: Stadtratsbeschluss 2019, Baubeginn 2021, fertig bis 2024.

Ursula Löschau

Das Kreativquartier kennenlernen: Gespräche, Ausstellungen, Ansprechpartner

Unter dem Titel „Space is the place“ öffnet Halle 6/Labor Ateliers von Freitag, 26., bis Sonntag, 28. Oktober, alle Produktions- und Proberäume des Atelierhauses (täglich 14 bis 20 Uhr).

Sowohl die Stadt als auch die bereits vorhandenen Nutzer informieren regelmäßig über Bestehendes und Geplantes: Das Planungsreferat lädt am Donnerstag, 8. November, zum Infoabend in der Reihe „Kreativquartier im Gespräch“ mit Stadtbaurätin Elisabeth Merk und Kulturreferent Hans-Georg Küppers ein. Beginn ist um 19 Uhr in Halle 6, Dachauer Straße 112d.

Unter dem Titel „Space is the place“ öffnet Halle 6/Labor Ateliers von Freitag, 26., bis Sonntag, 28. Oktober, alle Produktions- und Proberäume des Atelierhauses (täglich 14 bis 20 Uhr). Zudem finden von Montag, 29., bis Mittwoch, 31. Oktober, jeweils ab 18.30 Uhr Führungen und Workshops statt. 45 feste Nutzer und temporäre Gäste präsentieren Malerei, Bildhauerei, Film, Performance und Experimentalmusik.
Weitere Informationen unter: www.halle6.net

Ein Quartiersbüro dient zudem als Anlaufstelle für alle, die das Areal kennenlernen wollen. Ansprechpartnerinnen sind Katharina Wolfrum und Anna-Cathérine Koch . Sie bieten jeden zweiten Donnerstag im Monat Führungen an. Start ist um 18 Uhr an der Dachauer Straße 114. 

Weitere Informationen unter: www.kreativquartier-muenchen.de

Usula Löschau

Was Künstler wollen

Mit seinem Atelierhaus „Halle 6/Labor Ateliers“ lebt Christian Schnurer vor, was er sich für das ganze Kreativlabor wünscht.

Heute kennt sich Christian Schnurer mit Verwaltungsabläufen bei der Stadt besser aus, als es der Bildende Künstler jemals geahnt oder gewollt hat. Doch als einer der Vorstände des Vereins Labor München Entwicklungsgesellschaft Kreativquartier kam er nicht umhin. Schließlich geht es um nicht weniger als „die absolute Chance der Stadt, ihre Kreativszene selbständig und zukunftsweisend wachsen zu lassen“, sagt er. Sein Ziel fürs Kreativlabor: „Die Künstler und Einrichtungen müssen an der Entwicklung partnerschaftlich beteiligt werden.“

Christian Schnurers Ziel für das Kreativlabor: „Die Künstler und Einrichtungen müssen an der Entwicklung partnerschaftlich beteiligt werden.“

Das schwebte ihm schon 2004 vor, als er das Gelände an der Dachauer und Schwere-Reiter-Straße entdeckte. Doch lange schien der Gedanke reine Utopie zu sein. Als Schnurer 2008/09 ein neues Atelier suchte, fragte er wegen der Zwischennutzung von Gebäuden an und konnte 2010 mit dem Atelierhaus „Halle 6“ starten. „Doch damals war es noch beschlossene Sache, hier alles abzureißen.“ Mietverträge wurden (und werden) nur jahresweise abgeschlossen.

2012 setzte dann ein Umdenken ein, „hin zu langsamen Veränderungen, sanftem Wachstum“, erinnert sich Schnurer – „was München vorher nie gewagt hat“. Seitdem seien laut dem 47-Jährigen die Stadt und die Künstler in einem beidseitigen Lernprozess. „Wir mussten lernen, die Systemzwänge auf Verwaltungsseite zu verstehen. Und die Stadtverwaltung musste lernen, mit Künstlern umzugehen.“ Denn: „Wir wollen kein frisch renoviertes Kreativquartier. Wir wollen das nicht Perfekte, Provisorische, das wir nach unseren Bedürfnissen gestalten können.“

Für die Zukunft fordert der Labor-Verein vor allem Mitbestimmungsmöglichkeiten. „Wir brauchen mehr Gestalter als Verwalter. Im Moment ist das Verhältnis noch umgekehrt.“

Ursula Löschau

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Kommentare