Von der Autonomie zum Pflegefall

Typisch Frau, typisch Mann (3): Osteoporose – warum der Knochenschwund tödlich enden kann

Osteoporose-Betroffene brechen sich bei einem Sturz häufig den Oberschenkelhals.
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Osteoporose-Betroffene brechen sich bei einem Sturz häufig den Oberschenkelhals.
  • Daniela Borsutzky
    VonDaniela Borsutzky
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Osteoporose, der Knochenschwund, ist typisch für älter werden Frauen, aber auch Jüngere können betroffen sein. Neben den Hormonen gibt es verschiedene Risikofaktoren, erklärt ein Experte.

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. In unserer aktuellen Serie geht es um Erkrankungen, von denen hauptsächlich ein Geschlecht betroffen ist – so wie Frauen von Osteoporose. Warum der Knochenschwund keinesfalls unterschätzt werden darf und wie moderne Weltraumtechnik die Architektur des Knochens sichtbar macht, erklärt Professor Dr. Dietmar Daichendt vom Osteoporosezentrum München.

Die alte geschrumpfte Frau mit dem Buckel – sie ist ein typisches Bild einer Osteoporose-Betroffenen. Die Krankheit, eine Kombination aus Verlust von Knochenmasse und -dichte, ist typisch für älter werdende Frauen, da der Östrogenspiegel nach der Menopause absinkt. „Wenn die Hormone flöten gehen, hungert der Knochen aus“, sagt Dietmar Daichendt vom Osteoporosezentrum München.

Rund sechs Millionen Deutsche leiden an der Krankheit, 80 Prozent der Betroffenen sind laut dem Bundesselbsthilfeverband für Osteoporose Frauen. Auch Jüngere können betroffen sein, meist dann, wenn bereits Grunderkrankungen bestehen. „Bei einer Magersucht beispielsweise wurde der Knochen nie richtig gefüttert“, erklärt Daichendt.

Dr. Dietmar Daichendt.

Risiko Knochenschwund: Neben den Hormonen gibt es verschiedene Risikofaktoren für Osteoporose

Die familiäre Geschichte, also Genetik, spielt ebenso eine Rolle wie die Lebensführung: Rauchen, Alkohol, mangelnde Bewegung können sich negativ auswirken. Osteoporose kann durch andere Krankheiten, wie Diabetes, Rheuma oder eine Nierenstörung bedingt sein. Aber auch Medikamente, wie Antidepressiva oder Magensäureblocker, können den Knochenschwund begünstigen.

Um das Risiko der „Knochenbruchfreudigkeit“ bestmöglich einzuschätzen, reicht es laut Daichendt nicht, nur die Masse zu messen: „Eine gute Architektur kann mangelnde Dichte kompensieren.“

Eine Methode, die der Weltraumforschung zu verdanken ist, gibt es außer im Münchner Osteoporosezentrum nur an zwei weiteren Standorten in Deutschland: Ein spezieller hochauflösender Computertomograph kann die Knochenfeinstruktur bis auf 0,08 Millimeter genau dreidimensional darstellen.

Runde Aufnahme: Mit moderner Weltraumtechnik wird die Feinstruktur dargestellt – hier ist ein ausgeprägt durchlöcherter Knochen zu sehen.

Entscheidend für die Stabilität ist laut dem Experten nämlich vor allem die Anzahl und Verteilung der Knochenbälkchen – eben die Architektur. Private Krankenkassen bezahlen das Spezial-CT, gesetzliche bislang nicht. „Für Selbstzahler haben wir eine entgegenkommende Abrechnung für 400 Euro“, so Daichendt.

Zur Behandlung von Osteoporose werden zunächst die Risikofaktoren beseitigt und gegebenenfalls Grunderkrankungen gestoppt. Mit Medikamenten wird anschließend der Knochen wieder aufgebaut. Dabei gibt es verschiedene Gruppen. „Eine Frau, die frisch in der Menopause ist, erhält östrogenähnliche Medikamente“, so Daichendt.

Bei Älteren kommen sogenannte Antiresorptiva zum Einsatz, die knochenabbauende Zellen hemmen. „Wenn die Krankheit so weit fortgeschritten ist, dass schon beim Sitzen Wirbelkörper brechen, dann helfen Osteo-Anabolika – das ist quasi Doping für die Knochen.“

Eine Vorsorgeuntersuchung wird für Frauen ab dem 55. Lebensjahr, für Männer ab dem 60. Lebensjahr empfohlen – da es sich eben nicht nur um eine „Frauenkrankheit“ handelt. Daichendt rät dringend dazu, die Vorsorge wahrzunehmen. Denn in Fachkreisen wird Osteoporose als potenziell tödliche Krankheit eingestuft. „Man stelle sich eine fitte Oma vor, die alleine lebt. Dann stolpert sie über den Teppich, stürzt und bricht sich aufgrund geschwächter Knochen den Oberschenkelhals. Das Sterberisiko einer 90-Jährigen unter Vollnarkose ist erhöht – doch die OP ist alternativlos.“

Weil der Knochen langsam heilt, muss die Patientin mehrere Wochen im Krankenhaus liegen, dabei bestehe die Gefahr, sich einen Krankenhauskeim einzufangen, warnt der Experte. Danach geht es auf Reha. „Hier zeigt sich, ob sich die Dame wieder fängt“, so Daichendt. „Falls nicht, muss sie ins Pflegeheim. Eine Frau, die bis vor wenigen Wochen selbständig gelebt hat, wird zum Pflegefall – und das geht auf die Seele.“

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