Das Leiden der tausend Gesichter

Mehr als eine Krankheit – Multiple Sklerose lässt Maximilian Dorner Bewegungen vergessen

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Vor 14 Jahren bekam Maximilian Dorner die Diagnose MS.

Warum Multiple Sklerose für Maximilian Dorner mehr als eine Krankheit ist, erzählt er in Hallo.

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. Aktuell widmen wir uns Menschen, die im Alltag dauerhaft mit gesundheitlichen Einschränkungen konfrontiert sind. 

Angefangen hat es mit dem Hüpfen. Von einem Tag auf den anderen wusste Maximilian Dorner nicht mehr, wie man springt. „Wie vom Gehirn gelöscht“, sagt der 46-Jährige aus Haidhausen. Inzwischen strengt es ihn sogar an, über das Aufstehen nachzudenken – und noch viel mehr, es tatsächlich zu tun. Denn der Autor und Regisseur leidet an Multipler Sklerose (MS) und ist seit gut zehn Jahren auf einen Rollstuhl angewiesen. 

Bei Multipler Sklerose dringen Immunzellen in das zentrale Nervensystem ein und führen dort zu Entzündungsreaktionen. „Die Immunzellen greifen die Nervenzellen und deren Umhüllung an, so dass diese Informationen schlechter weiterleiten und auch zugrunde gehen können“, erklärt Professor Tania Kümpfel vom Institut für klinische Neuroimmunologie am Klinikum Großhadern. Die Auto­immunkrankheit ist unheilbar, in Deutschland sind davon circa 200 000 Menschen betroffen – deutlich mehr Frauen als Männer. „In circa 85 Prozent der Fälle beginnt die MS schubmäßig, später kann sie sich zu einer sich stetig verschlechternden Form entwickeln“, sagt Kümpfel. 

Schleichend trat die Krankheit auch in Maximilian Dorners Leben

Jahrelang hatte er das Gefühl, dass ihm das Gehen schwerfällt. Er dachte, er brauche einfach mehr Sport. Vor 14 Jahren bekam der Haidhauser dann die Diagnose MS. Tatsächlich bricht Multiple Sklerose häufig zwischen dem 25. und 35. Lebensjahr aus. „Oft fängt es mit einer Seh- oder Gefühlsstörung an“, sagt Expertin Kümpfel. Gleichzeitig sei MS die „Krankheit der tausend Gesichter“: „Je nachdem, an welcher Stelle die Nervenzellen betroffen sind, können unterschiedlichste Beschwerden auftreten“ – eine Gangunsicherheit oder Schwäche bis hin zu Lähmungen. Dazu kommen unsichtbare Symptome wie Stimmungsschwankungen, Schmerzen oder eine permanente Erschöpfung. 

Erschöpfend ist der Alltag für Maximilian Dorner auf jeden Fall: Anziehen, Schuhe binden – alles strengt ihn wahnsinnig an. „Momentan löse ich noch vieles über Kraft, aber ich frage mich natürlich, was wird, wenn die Kraft nachlässt“, so der 46-Jährige. „Eigentlich leidet jeder Betroffene an zwei Krankheiten. An der MS und der Angst vor der Zukunft“, so Dorner. 

Für sich selbst hat Dorner ein Ventil gefunden: Er schreibt. 

In fünf Büchern hat sich der Haidhauser mit seinem „Dämon“ auseinandergesetzt – und mit dem, was er mit sich bringt: ein Leben als „lahme Ente“, Scham, Einsamkeit. „Das Schreiben hat mich gelehrt, meine Krankheit nicht zu verdrängen.“ Dabei hilft ihm auch sein Rollstuhl. „Viele MS-Betroffene leiden extrem darunter, dass man ihnen die Krankheit nicht ansieht.“ Der Haidhauser hingegen hat es sich zum Ziel gemacht, sein Leiden sichtbar zu machen – und, wie es sich mit einer Behinderung in München lebt. Darum kandidiert er im März auch für den Münchner Stadtrat. „Es ist wichtig, dass Menschen mit einer chronischen Krankheit oder Behinderung dort vertreten sind.“ Ob er im Falle seiner Wahl sechs Jahre lang intensive Stadtratsarbeit durchhält, weiß Dorner zwar nicht. „Aber wir Menschen mit Handicap sind Improvisationstalente. Wer, wenn nicht wir, kann mit Unvollkommenheit umgehen.“ 

Die Zahl der Betroffenen steigt deutlich an

Untersuchungen von Krankenkassendaten zufolge ist die Zahl von Multiple-Sklerose-Patienten in Deutschland zwischen 2009 und 2015 um fast 30 Prozent gestiegen. „Eine frühere Diagnosestellung sowie bessere Therapiemöglichkeiten ermöglichen, dass Betroffene heute deutlich länger überleben“, so Professor Tania Kümpfel. Zudem scheint unser Lebensstil das Risiko für eine MS zu erhöhen. „Wir wissen etwa, dass Fettleibigkeit und Rauchen das Entstehen und den Verlauf von Multiple Sklerose ungünstig beeinflussen.“

rea

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