Sein Wunsch: ein Tick Normalität

Mehr als seine Diagnose Tourette nerven Christoph Mayer schiefe Blicke

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„Meine Diagnose habe ich erst mit 23 bekommen, nachdem mein Vater eine Dokumentation über Tourette gesehen hatte“, sagt der Laimer. „Bis dahin hatte ich immer das Gefühl, einfach ein Freak zu sein.“ 

Erst mit 23 bekommt Christoph Mayer seine Diagnose, dass er Tourette hat. Wie er mit der Krankheit lebt und warum er trotzdem Hoffnung auf ein ticfreies Leben hat, obwohl keine Medikamente bei ihm angeschlagen haben...

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. Aktuell widmen wir uns Menschen, die im Alltag dauerhaft mit gesundheitlichen Einschränkungen konfrontiert sind – so wie Tourette-Patient Christoph Mayer. Warum der Laimer sich viele Jahre wie ein Freak fühlte und warum er jetzt wieder Hoffnung auf ein Leben ohne Tics hat, verrät er in Hallo.

Wer schon mal „Wer blinzelt, verliert“ gespielt hat, kennt es: Nach ein paar Sekunden fangen die Augen an zu kribbeln, immer mehr, bis es fast schmerzt, die Lider offen zu halten. Dann gibt man auf, blinzelt – und das unangenehme Gefühl ist weg. 

Christoph Mayer erlebt das jeden Tag, hunderte Male, obwohl er mit niemandem um die Wette starrt. Denn der Laimer leidet an Tourette – einer Störung, die ihn unbewusst Bewegungen und Laute machen lässt. 

Das nennt man einen Tic. „Bevor so ein Tic kommt, fühlt es sich genauso an, als ob man versucht, nicht zu blinzeln“, sagt der 39-Jährige. Was dann auf ihn zukommt kann Mayer nicht unterdrücken. 

„Ich bekomme alles mit, aber bin nicht handlungsfähig“

Irgendwann muss er Mund und Augen zusammenkneifen, mit dem Arm rudern oder seinen Kopf in den Nacken werfen. Im schlimmsten Fall bis zu zehn Sekunden lang. „Ich bekomme alles mit, aber bin nicht handlungsfähig“, erklärt der Software-Entwickler. 

Was genau die Tics auslöst, darüber rätselt die Medizin. „Man weiß, dass es sich um eine Störung der Verschaltungen im Hirn handelt und das es eine gewisse genetische Veranlagung dafür gibt“, sagt Dr. Richard Musil von der Tic-Ambulanz des Klinikums der Universität München. 

Wie ein Husten, das man nicht unterdrücken kann – so beschreibt Christoph Mayer, wie es sich anfühlt, wenn ein Tic bevorsteht. 

Etwa ein Prozent der Bevölkerung leidet an einer Tic-Störung. „Bei Kindern kommen sie häufiger vor, die meisten Betroffenen sind um die elf Jahre alt.“ Später können die Tics schwächer werden oder ganz verschwinden. 

Nicht so bei Mayer. Ihn plagen die Tics seit er sechs Jahre alt ist – lange, ohne zu wissen, was mit ihm los ist. Zuckerallergie, Sauerstoffmangel bei der Geburt: Zahlreiche Erklärungen gab es für sein Verhalten, keine stimmte. 

„Meine Diagnose habe ich erst mit 23 bekommen, nachdem mein Vater eine Dokumentation über Tourette gesehen hatte“, sagt der Laimer. „Bis dahin hatte ich immer das Gefühl, einfach ein Freak zu sein.“ 

Tics schränken kognitiven Fähigkeiten überhaupt nicht ein

„Die Störungen kommen so selten vor, dass viele Ärzte keine klare Diagnose stellen können“, erklärt sich Oberarzt Musil das Problem – zumal Tics individuell und auch wandelbar sind. „Früher habe ich mir zum Beispiel oft auf die Brust geschlagen“, berichtet Mayer. 

Gleich geblieben sind hingegen die schiefen Blicke und ungefragten Kommentare. Was den Laimer besonders stört: Tourette wird oft mit einer geistigen Behinderung in Verbindung gebracht „Aber die Tics schränken kognitiven Fähigkeiten überhaupt nicht ein“, sagt der Doktor der Informatik. 

Sein Wunsch: Tic-Normalität

Er wünscht sich mehr Normalität im Umgang mit der Krankheit. „Am besten ist es, wenn Leute die Tics einfach ignorieren.“ Denn geheilt werden kann Tourette nicht. Mittels Psychotherapie können Betroffene lernen, Ersatzhandlungen für die Tics zu entwickeln. 

„Erst wenn es zu körperlichen Schmerzen oder einer Einschränkung der Lebensqualität führt, gibt man Medikamente“ sagt Musil. Bei Mayer hat bislang keins angeschlagen – oder nur mit Nebenwirkungen. 

Hoffnung auf ein ticfreies Leben hat er trotzdem. Seit ein paar Wochen testet der Laimer im Rahmen einer Studie der Tic-Ambulanz ein neues Spray und ist zuversichtlich. „Zur Zeit habe ich zum Teil keine Tics, solange ich nicht daran denke.“

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Definitionssache: Tic-Störung, Tourette und Koprolalie

Unwillkürlich „Scheiße“ schreien oder den Stinkefinger zeigen: Filme wie „Vincent will Meer“ legen nahe, dass jeder Tourette-Betroffene unbewusst unflätig werden kann. „Das ist Quatsch“, sagt Tic-Experte Dr. Richard Musil.“ 

Denn dabei handelt es sich um die sogenannte Koprolalie – eine Form von Tourette, die nur etwa 20 Prozent der Patienten betrifft. Dabei ist Tourette selbst nur eine von vielen Tic-Störungen. „Dabei kommen motorische wie vokale Tics vor, zum Teil auch unabhängig voneinander“, erklärt Musil. 

Dass ein Betroffener nur schnauft, Worte oder Laute ausstößt sei hingegen sehr selten. Allen Tic-Störungen gemeinsam ist, dass sie schon in der Kindheit aufgetreten sind.

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