Gesund in Serie

Leben mit der Krankheit: Epilepsie – Angst vor dem Gewitter im Kopf

+
Beim integrativen Musiktheater „Grenzenlos“ erfährt Petra Haug (li.) viel Wertschätzung, aus der sie die Kraft zieht, um ihren Alltag zu meistern. 

Petra Haug leidet seit ihrer Jugend an Epilepsie. Warum Angst das größte Übel ist und wie sie sich wieder ins Leben zurückgekämpft hat, erzählt sie in Hallo.

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. Die nächsten Folgen sind Menschen gewidmet, die im Alltag dauerhaft mit gesundheitlichen Einschränkungen konfrontiert sind.

An ihrem Tiefpunkt hatte Petra Haug Angst davor, ihre Wohnung zu verlassen. „Damals hatte ich bis zu 15 Epilepsie-Anfälle im Monat“, erinnert sich die 42-Jährige aus der Isarvorstadt. Bei stärkeren Anfälle verkrampft Haug, verletzt sich selbst, ohne etwas dagegen tun zu können. Danach quälen sie Kopfschmerzen. Wegen der Krankheit findet die gelernte Optikerin keinen Job. Ihre Hobbys – Formationstanz und Musizieren – gibt sie auf. „Ich habe mich immer mehr zurückgezogen, weil mich alles überfordert hat.“ 

Die Angst vorm nächsten Anfall schränkt Betroffene oft stärker ein, als die Krankheit selbst, weiß Karin Kimmerle-Retzer von der Epilepsieberatung München, in der jährlich über 1000 Gespräche geführt werden. „Ein Anfall ist Kontrollverlust schlechthin. Man kann ihn nicht timen und nicht verstecken“, beschreibt die Expertin das Problem. Bei einem Anfall handelt es sich um eine Übererregung von Nervenzellverbänden im Gehirn. „Manche Betroffene vergleichen es mit einem Gewitter im Kopf.“ 

Grundsätzlich könne jedes Gehirn mit einem Anfall reagieren, „wenn man es extrem reizt, etwa durch Schlafentzug, massiven Alkoholgenuss, Stress oder einen starken Infekt“, so die Expertin. Treten bei einem Menschen mindestens zwei unprovozierte Anfälle auf, spricht man von Epilepsie – eine Krankheit, die etwa ein Prozent der Bevölkerung betrifft und vor allem bei Über-60-Jährigen und Kindern diagnostiziert wird. 

Haug erlebt ihren ersten Anfall mit 14

Danach trifft es sie alle paar Monate im Schlaf. Erst in der Ausbildung haut es die Münchnerin wieder tagsüber um, danach verschreckt die Krankheit potenzielle Arbeitgeber. Irgendwann ist Haug aber nicht nur arbeitslos, sondern auch arbeitsunfähig. Mit 25 zieht sie in ein Wohnheim für Epilepsie-Betroffene in Ramersdorf, ihre Anfälle kommen immer häufiger. 

Narben oder Tumore im Gehirn können Ursache sein

Als Grund sieht ihr Arzt Vernarbungen unter den Schläfenlappen und eine Zyste an. Er schlägt eine Hirn-OP vor. Das ist für Petra Haug die Zeit der Angst. „Tatsächlich sind in der Regel Narben, Tumore oder Schäden im Erbgut die Ursache für Epilepsie“ sagt Kimmerle-Retzer. Eine OP ist für Petra Haug dennoch nicht die Lösung. Denn in einer Spezialklinik kommt heraus, dass zwei Drittel ihrer Anfälle psychosomatischer Art sind. „Ich war total auf die Krankheit fixiert“, sagt die 42-Jährige. Neben neuen Medikamenten bekommt Haug daher dort den Rat, an ihren Ängsten zu arbeiten und sie abzubauen. Durch eine Gemeinschaft im französischen Pilger­ort Taizé erfährt sie schließlich Wertschätzung, die ihr Kraft gibt. „Mir ist bewusst geworden, dass ich jemand sein darf – trotz meiner Einschränkungen.“ 

Heute will Haug dieses Gefühl auch anderen geben

Sie engagiert sich beim integrativen Musiktheater „Grenzenlos“ und bei einer Rollstuhltanzformation. Nach einer Umschulung arbeitet sie als Mechanikerin im Sanitätshaus, lebt in einer eigenen Wohnung. „Ich fühle mich wieder wie ein normaler Mensch“, sagt die 42-Jährige. Auch die Anfälle sind weg ­­– solange Haug ihre Medikamente nimmt. 70 Prozent der Betroffenen sind laut Kimmerle-Retzer dank Medizin oder OP irgendwann langfristig anfallfrei. „Aber eine Heilung gibt es nicht.“ 

So helfen Sie richtig

In der Regel hört ein epileptischer Anfall von allein wieder auf. In der Zeit sollten Betroffene nicht allein gelassen werden. Verletzungen sind zu vermeiden, etwa indem scharfkantige Gegenstände weggelegt werden. Keinesfalls sollte man die Krampfbewegungen unterbinden. Nach dem Anfall den Patienten in die stabile Seitenlage bringen. Ein Notarzt sollte gerufen werden, wenn der Anfall länger als fünf Minuten dauert oder in kurzer Zeit mehrfach auftritt.

rea

Weitere aktuelle Nachrichten aus den Stadtteilen: 

Ihr Viertel ist nicht dabei? Eine große Auswahl weiterer Lokalthemen finden Sie in unserer Übersicht.

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Leben mit der Krankheit: Epilepsie – Angst vor dem Gewitter im Kopf
Leben mit der Krankheit: Epilepsie – Angst vor dem Gewitter im Kopf
Moderne Medizin lässt „Bluter“ heute normal alt werden – Betroffener berichtet in Hallo
Moderne Medizin lässt „Bluter“ heute normal alt werden – Betroffener berichtet in Hallo

Kommentare