Gesundheit: Dieter Winklhofer, Leiter einer Psychiatrischen Beratungsstelle in Planegg

Münchens Altenhilfe für die Seele

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Josef Hörmann vor dem Alten- und Servicezentrum Moosach. Beim täglichen Mittagessen findet er dort Anschluss zu Gleichgesinnten.

Aus der Reihe Psychische Störungen: Mit dem Ruhestand verlieren viele Menschen Tagesstruktur, Anerkennung und Freunde – Gerontopsychiatrische Dienste sind in dann für die Nöte der Senioren da

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. Aktuell richten wir den Blick auf die Psyche. Gerade im Alter brauchen viele Menschen psychologische Unterstützung. Warum das so ist – und welches einmalige und kostenlose Hilfsangebot es in München gibt – hat Hallo zusammengetragen.

Ein „Traumleben“ – so beschreibt Josef Hörmann den Großteil seiner 79 Lebensjahre. Frei habe er gelebt, als Kunstschmied, Heiratsvermittler, Kabarettist und Modeschaffender gearbeitet. Leute unterhalten, das konnte der „Holzfuß Sepp“ schon immer. Und dann kam dieser Tag vor elf Jahren, als Hörmann in seiner Badewanne lag. Vollgepumpt mit Tabletten, bereit, sein Leben zu beenden. Seine Frau lag gerade im Krankenhaus im Sterben. „Ein Freund rief mich an und merkte, dass mit mir etwas nicht stimmt“, erinnert sich Hörmann, in dessen Wohnung kurz darauf die Polizei stand. Um den Tod seiner Frau zu verarbeiten, ging er drei Monate in die Psychiatrische Klinik in Haar. Aber auch danach erfuhr der Pasinger Unterstützung – beim Gerontopsychiatrischen Dienst (­GPDI) München West.

Insgesamt vier Einrichtungen dieser Art gibt es in München, eine in jeder Himmelsrichtung. Sie beraten Menschen ab 60 Jahren mit psychischen Störungen sowie seelischen Problemen und unterstützen sie dabei, weiterhin möglichst selbstbestimmt zu leben. Die Beratung erfolgt persönlich oder telefonisch, langfristig begleitend oder einmalig – aber immer kostenlos. Rund 1550 Klienten haben die vier Dienste 2017 betreut.

Dieter Winklhofer (links) leitet eine Psychiatrische Beratungsstelle in Planegg.

„Psychische Erkrankungen treten oft auf, wenn sich das Leben in einer Übergangsphase befindet“, sagt Dieter Winklhofer, der eine Psychiatrische Beratungsstelle in Planegg leitet. Auch das Alter ist so eine Phase: Man verliert mit dem Ruhestand eine wichtige Form der Anerkennung und der Tagesstruktur, Partner und Freunde sterben, der eigene Körper wird gebrechlicher. Depressionen sind eine häufige Folge. Andere misstrauen im Alter immer mehr den Ärzten und entwickeln Paranoia oder Angststörungen. Auch Sucht, vor allem Tablettenmissbrauch, ist ein wichtiges Thema.

„Oft kommen aber seelische, körperliche und soziale Probleme zusammen“, erklärt Winklhofer. Darum sei ein eigener Dienst für Senioren auch so sinnvoll. „Wir sind eine Schnittstelle von Psychiatrie und Altenhilfe.“ Dabei kann es auch um Informationen zu Altenheimen oder Pflegegraden gehen. Häufig werden in die Beratung auch Angehörige, Freunde, Hausärzte oder andere Betreuer einbezogen. Denn in Großstädten wie München ist die Zahl der Alleinstehenden und sozial isolierten Senioren laut Winklhofer besonders groß. „Und Einsamkeit ist ein großer Risikofaktor für psychische Erkrankungen.“

Josef Hörmann ist nach dem Tod seiner Frau fünf Jahre lang nicht mehr aus dem Haus gegangen. Nur zum GPDI kam er ein bis zwei Mal die Woche. „Ich habe mich versteckt“, erzählt der 79-Jährige. Darum haben die Sozialpädagogen des Dienstes ihm nicht nur dabei geholfen, mittels Gesprächen und Biografiearbeit seine Depression zu überwinden. Sie begleiteten ihn auch zu Behörden, erarbeiteten eine Wochenstruktur, reaktivierten sein Netzwerk.

Heute telefoniert Hörmann noch mehrfach im Monat mit seinem Sozialpädagogen. „Wir haben fast schon ein freundschaftliches Verhältnis. Er versteht mich so gut“, schwärmt Hörmann. „Heute weiß ich, dass es das Wichtigste ist, jemanden zum Reden zu haben. Mir geht es wieder gut.“

Romy Ebert-Adeikis

Häufigkeit von Erkrankungen im Alter

Etwa bei einem Viertel der Über-65-Jährigen liegt dem Bezirk Oberbayern zufolge eine psychische Störungen vor. Etwa 40 Prozent davon sind behandlungsbedürftig.

Erkrankungen

Prozent

Betroffene in München

Schwere Depression

5%

16 866

Schizophrene Störungen

1,3%

4381

Persönlichkeitsstörungen/Neurosen

8%

26 960

Sucht

2%

6740

Demenz

12,5%

42 125


Quelle: Berlin Aging Study (BASE)7Stadt München; Stand 31.12.2017

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