Corona verschärft Suchtverhalten

Gesund heranwachsen (10): Jeder dritte Jugendliche hängt schon jetzt zu oft an Handy und Co. - Die Folgen der Mediensucht

Entspannen am Handy: Das Smartphone gehört für immer mehr Jugendliche zur Freizeit fest dazu. Die Zahl problematischer Mediennutzung hat seit 2011 stark zugenommen.
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Entspannen am Handy: Das Smartphone gehört für immer mehr Jugendliche zur Freizeit fest dazu. Die Zahl problematischer Mediennutzung hat seit 2011 stark zugenommen.
  • Romy Ebert-Adeikis
    vonRomy Ebert-Adeikis
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Die heutige Jugend ist schon in frühen Jahren mit Handy, Medien und Co. konfrontiert worden. Was ein übermäßiger Medienkonsum für Folgen haben kann, erklärt eine Jugendpsychologin in Hallo.

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. Aktuell dreht sich alles um „Gesund heranwachsen“. Immer mehr Jugendliche zeigen einen exzessiv Umgang mit Medien. Welche Folgen das haben und wie man dem vorbeugen kann, erklärt Astrid Holch von der München Klinik für Kinder- und Jugendpsychosomatik in Schwabing.

Jugendliche, die vom Computer oder Handy nicht wegzukriegen sind: Ein gängiges Vorurteil zur „Jugend von heute“ ist eigentlich ein relativ junges Phänomen. „Seit 2003 bin ich kinder- und jugendpsychiatrisch tätig. Damals fing es mit dem Thema Mediensucht mehr oder weniger an“, sagt Astrid Holch von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychosomatik der München Klinik Schwabing.

Seitdem ist die Problematik für die Arbeit der Kinder- und Jugendpsychiaterin immer bedeutender geworden. Einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zufolge hat fast ein Drittel der Zwölf- bis 17-Jährigen eine problematische Nutzung von Computer und Handy.

Bei 6,7 Prozent der Jungen sowie 8,6 Prozent der Mädchen sei sogar von einer darauf bezogenen Störung auszugehen – mehr als doppelt so viel wie vor zehn Jahren.

Astrid Holch von der München Klinik für Kinder- und Jugendpsychosomatik in Schwabing.

Vor allem die Etablierung des Handys habe zu der Steigerung beigetragen, vermutet Holch. „Dadurch, dass man es immer zur Hand hat und es auch funktionell genutzt wird, hat das Handy eine extrem große Attraktivität“, so die Oberärztin.

„Und mit der Corona-Pandemie hat die Nutzungsdauer von Handy und PC bei Jugendlichen allein durch Homeschooling nochmal deutlich zugenommen.“

Dabei ist die Nutzungsdauer an sich nicht das entscheidende Kriterium für eine Mediensucht. „Sondern Anzeichen, die man auch von anderen Abhängigkeiten kennt: die Vernachlässigung sozialer Kontakte, der Verlust der Alltagsstruktur, ein starkes Verlangen verbunden mit Entzugserscheinungen wie Reizbarkeit“, erklärt die Jugendpsychologin.

Die übermäßige Nutzung von Handy und Co. kann weitreichende Folgen haben. „Bei fast allen Betroffenen ist der Tag-Nacht-Rhythmus gestört, was zu Schlafproblemen und Konzentrationsschwächen führt“, sagt Holch.

Abhängige Jugendliche brauchen definitiv Hilfe

Durch die fehlende Bewegung können Jugendliche Haltungsschäden erleiden, Kondition und Körperwahrnehmung verlieren und sich dauerhaft schlapp fühlen. Als Erkrankung anerkannt ist das bisher nicht. Zumindest für die „Sucht nach Computerspielen“ ist es für 2022 aber angedacht.

Während bei einem erhöhten Medienkonsum die Aufklärung im Vordergrund steht, „brauchen Jugendliche, bei denen eine Abhängigkeit diagnostiziert ist, definitiv Hilfe“, betont die Oberärztin der Jugendstation. Dort ist Mediensucht oft nur ein Problem, mit dem die Patienten kämpfen.

„Bei vielen tritt diese in Kombination mit sozialen Phobien, ADHS oder Depressionen auf.“ Innerhalb von zwölf Wochen stationärem Aufenthalt sollen die Jugendlichen wieder in einen geregelten Alltag finden. Eine notwendige ambulante Weiterbetreuung wird von der Klinik aus vorbereitet.

Hilfe können betroffene Familien auch bei den meisten Krankenkassen oder der Medienberatungsstelle der Stadt München bekommen.

Verbote, Tracking-Apps, Handyfasten: So gelingt ein gesunder Medienumgang 

Sich der Problematik bewusst sein – und zwar, bevor man seinen Kindern das erste eigene Gerät anschafft: Das ist laut Jugendpsychologin Astrid Holch der erste Schritt, mit dem Eltern ihre Kinder unterstützen können.

Wird der Konsum von Handy oder Computer kritisch – etwa weil soziale Kontakte leiden – ist ein reines Verbot allein wenig zielführend. „Dadurch wird das Verlangen ja nicht kleiner.“

Stattdessen sollten klare Regeln für die ganze Familie aufgestellt werden: ein medienfreier Abend pro Woche oder das Weglegen von Handys während der Mahlzeiten. „Es ist das Wichtigste, dass Eltern und Kinder sich bewusst füreinander Zeit nehmen“, so Holch.

Die eigene Handynutzung mit Apps zu überwachen, sei zwar zur Dokumentation gut. „Aber es kommt auch darauf an, ob man aus den Ergebnissen die richtigen Schlüsse zieht.“

Romy Ebert-Adeikis

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