Wenn dem Bäcker die Luft ausgeht

Wenn die Arbeit krank macht (4): Was hinter dem Bäckerasthma steckt - Experte und Betroffener berichten

In der Backstube von Peter Müllritter in Pasing wird nicht nur wegen des Coronavirus Maske getragen. Der Bäckermeister schützt sich damit auch vor Mehlstaub-Allergenen.
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In der Backstube von Peter Müllritter in Pasing wird nicht nur wegen des Coronavirus Maske getragen. Der Bäckermeister schützt sich damit auch vor Mehlstaub-Allergenen.
  • Romy Ebert-Adeikis
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Hallo berichtet derzeit jede Woche von unterschiedlichen Berufskrankheiten. Diese Woche wird das Bäckerasthma genauer betrachtet. Ein Lungenexperte klärt auf.

„Gesund in Serie“ – unter diesem Motto beleuchtet Hallo München wöchentlich Themen der Medizin. Derzeit geht es um Berufskrankheiten – wie zum Beispiel das Bäckerasthma. Was sich genau dahinter verbirgt und wie Betroffene ihrem Beruf trotzdem treu bleiben können, erklären ein Lungenmediziner, Vetreter der Berufsgenossenschaft und ein Pasinger Bäckermeister.

Arbeiten mit FFP2-Maske – für Bäckermeister Peter Müllritter ist das nicht erst seit der Corona-Pandemie Alltag. Der 58-Jährige leidet an Bäckerasthma, einer allergischen Reaktion seiner Lungen auf Roggenmehl.

„Ich bin das ganze Jahr wie verschnupft. Und obwohl ich nur mit Maske mit Mehl arbeite, tränen meine Augen irgendwann“, erzählt der Pasinger. Besonders schlimm ist es an nasskalten oder schwülen Tagen.

„Da schnürt sich in der Brust alles zu“, so Müllritter. In der Backstube hat er neben der Maske darum auch immer ein Asthmaspray dabei. Halbmarathon laufen, Fußball spielen, in den Bergen wandern. „Hab’ ich früher alles gemacht, geht heute nicht mehr.“ Aber seine Bäckerei, 1938 vom Großvater gegründet, will er nicht aufgeben.

Erkrankung beginnt oft schleichend

Wie Müllritter geht es in Bayern circa 250 Bäckern. So viele betreut die Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gastgewerbe (BG), damit sie trotz Asthma in ihrem Beruf bleiben können. Vor allem junge Betroffene, die etwa gerade in der Ausbildung sind, schulen hingegen häufig direkt um.

Auch das wird von der BG organisiert und finanziert. „Personen, die ohnehin schon Asthma oder Heuschnupfen haben, sollten sich vorher beraten lassen“, rät Dr. Wolfgang Gesierich, Chefarzt der Klinik für Pneumologie der Asklepios Fachkliniken München-Gauting.

Eine Allergie auf Mehl, Vorratsmilben oder Enzyme in Backmitteln entwickele sich oft frühzeitig. „Aber auch nach Jahren ist man nicht davor gefeit, eine Sensibilität zu entwickeln.“

Das Trügerische: Die Erkrankung ist oft schleichend, beginnt mit Schnupfen, gereizten Augen und Konditionsschwäche bis am Ende bei jeglicher körperlicher Betätigung Atemnot droht. So war es auch bei Müllritter. Während der Meisterlehre wundert er sich über sein schlechtes Fitnesslevel, der Hausarzt attestiert ihm Asthma.

Chefarzt der Klinik für Pneumologie der Asklepios Fachkliniken München-Gauting: Dr. Wolfgang Gesierich.

Dass dieses berufsbedingt ist, stellt sich erst 25 Jahre später heraus. „Da war es natürlich viel zu spät, um den Beruf zu wechseln“, sagt Müllritter. Bis heute ist sein Bäckerasthma nur „vorläufig anerkannt“.

„Die Beschwerden müssen expositionsabhängig sein“, erklärt Gesierich. Das nachzuweisen ist nicht immer leicht. Es erfordert Lungenfunktionstests an der Arbeit und im Urlaub oder sogar Untersuchungen in einer sogenannten Provokationskammer. 2019 wurden deutschlandweit fast 1500 Verdachtsfälle auf allergisches Asthma gemeldet, anerkannt aber nur 216.

Behandelt wird die Berufskrankheit wie normales Asthma, mit Kortisonspray oder bronchienerweiternden Medikamenten. „Das Wichtigste ist aber die Allergenvermeidung“, so Lungenexperte Gesierich.

Da kommt die BG wieder ins Spiel. Sie bezahlt Betroffenen wie Peter Müllritter nicht nur die Medikamente, sondern auch die Masken. „Die filtern 95 Prozent des Mehlstaubs“, sagt BG-Ärztin Martina Hamacher. Zudem können gebläseunterstützte Atemschutzhauben oder ein Spezialmehl verwendet werden.

Ein wichtiger Baustein ist auch der Arbeitsplatz selbst. „Mehlstaubvermeidung wird heute schon in der Ausbildung gelehrt“, sagt Hamacher. Die BG bietet dazu ebenso Schulungen an. Auch Müllritter hat an einem Präventionskurs teilgenommen. Seitdem kühlt er sein Mehl, sodass es mehr Feuchtigkeit aufnimmt und weniger staubt, und schneidet Mehlsäcke von zwei Seiten auf. Das „A und O“ sei aber die Sauberkeit in der Backstube. „Mehrmals am Tag kehren wir alles zusammen.“

Problem Asbest

Als berufsbedingte Lungenkrankheit besonders oft anerkannt wird die sogenannte Asbestose (2019: 1470 Fälle) – obwohl Asbest längst nicht mehr zum Bauen verwendet werden darf.

„Es löst oft erst nach Jahrzehnten Probleme aus“, so Lungenfacharzt Dr. Wolfgang Gesierich. Die Fasern können vom Körper nicht abgebaut werden und sowohl Lungenkarzinome sowie bösartige Tumore im Brustfell hervorrufen. 

Romy Ebert-Adeikis

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